«Uri» beendet sein Abenteuer in der Fremde: Warum Handballer Lukas von Deschwanden in die Schweiz zurückkehrt 

Aktuell ohne Handball, dafür mit schönen Zukunftsaussichten: Lukas von Deschwanden (30) kehrt in die Schweiz zurück und wird Vater.

Stephan Santschi
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Lukas von Deschwanden konnte sein Talent bei Chambéry nicht unter Beweis stellen.

Lukas von Deschwanden konnte sein Talent bei Chambéry nicht unter Beweis stellen.

Bild: Aude Alcover/Getty Images (Paris, 10. Oktober 2019)

In der Schweiz ist die Handball-Saison am 13. März abgebrochen worden, in Frankreich ist sie vorderhand nur ausgesetzt. «Bis Ende April ruht hier der Spielbetrieb. Ich gehe aber nicht davon aus, dass die Saison fertig gespielt wird», erzählt Lukas von Deschwanden am Telefon. Er sitzt derzeit, wie ein Grossteil der Franzosen, zu Hause, die Regierung hat wegen des Coronavirus eine Ausgangssperre verhängt.

Seit dieser Saison spielt der 30-jährige Urner für den französischen Erstligisten Chambéry Savoie, die letzte Partie trug der Neuntplatzierte Anfang März aus. «Wenn ich das Haus verlassen will, muss ich einen Zettel mitnehmen, auf dem ich eingetragen habe, weshalb ich draussen unterwegs bin», erklärt von Deschwanden. «Einkaufen ist zum Beispiel erlaubt. Oder joggen.» Dreimal sei er seither an der frischen Luft gewesen, einmal habe ihn die Polizei kontrolliert. Den Verein koste der Saisonabbruch wohl rund 300000 Franken. Deshalb käme es vermutlich auch bei den Spielern zu Lohnreduktionen. «Jetzt müssen wir alle zusammenhalten.»

Vorzeitiger Abgang aus Chambéry

Aktuell hält sich von Deschwanden in den eigenen vier Wänden mit Gummibändern, Hanteln oder Liegestützen so gut in Form, wie es eben geht. Seine Partnerin Jasmin betreibe derweil Homeoffice, «ihre Arbeit in der Webbranche ist von der aktuellen Situation nicht betroffen». In der 60000-Einwohner-Stadt knapp 90 Kilometer südlich von Genf gefällt es den beiden sehr, trotzdem werden sie bald ihre Zelte abbrechen. Von Deschwanden wird auf die nächste Saison hin mit einem Zweijahresvertrag zu Wacker Thun wechseln. Für die Berner Oberländer spielte er bereits von 2009 bis 2018 – zweimal wurde er Meister, dreimal Cupsieger.

Auch in der Bundesliga hatte Lukas von Deschwanden (hier gegen die Rhein-Neckar Löwen mit dem Luzerner Andy Schmid) gesundheitliche Probleme.

Auch in der Bundesliga hatte Lukas von Deschwanden (hier gegen die Rhein-Neckar Löwen mit dem Luzerner Andy Schmid) gesundheitliche Probleme.

Jens Körner

Sein Vertrag in Chambéry hätte eigentlich noch bis 2021 gedauert. Den vorzeitigen Abgang erklärt der vielseitig einsetzbare Aufbauer einerseits mit dem Interesse der Thuner, ihren ehemaligen Leistungsträger und Torschützenkönig zurückzuholen – mit Nicolas Suter und Philip Holm verliert Wacker im Rückraum nämlich zwei zentrale Elemente. Andererseits ist von Deschwanden an seiner persönlichen Traumdestination Frankreich sportlich nicht glücklich geworden. «Ich hatte leider Pech mit meiner Fussverletzung», sagt er. «Vielleicht ist es aber auch kein Zufall und der Körper will mir sagen, dass ich etwas ändern soll.»

Zwei Bänderverletzungen in wenigen Monaten

Ende Oktober 2019 hatte er einen doppelten Bänderriss im Fuss erlitten. Von Deschwanden schaffte es zwar gerade noch rechtzeitig in den EM-Kader der Schweiz, im Januar kam er am Grossevent aber nur zu vier Minuten Einsatzzeit. Als er mit Chambéry in die zweite Saisonhälfte stieg, dauerte es nur zwei Spiele, ehe er sich wieder eine Bänderverletzung im selben Fuss zuzog. «Nicht so schlimm diesmal», wie er sagt, seit Mitte Februar ist er aber ausser Gefecht. «Lukas hat sein Talent bei uns nicht unter Beweis stellen können», bedauert Chambérys Sportdirektor Bertrand Gille. «Natürlich begleiten und respektieren wir nun die Entscheidungen dieses ehrlichen und aufrechten Jungen.»

Sein Auslandsabenteuer endet somit nach zwei Jahren. Bereits in der letzten Saison in Stuttgart stieg er vorzeitig aus dem Zweijahresvertrag aus, weil Chambéry lockte. Auch während der Bundesliga-Saison hatte er gesundheitliche Probleme, monatelang litt er nach einem Zeckenbiss an einer spät entdeckten Borreliose. «Trotzdem ziehe ich für meine Zeit in Deutschland eine positive Bilanz. Obwohl ich krank war und mich schwach fühlte, stand ich fast immer in der Startformation.»

Im September wird der Nachwuchs erwartet

Der Blick ist nun in die Zukunft gerichtet und auf diese freut sich von Deschwanden ungemein. «Ich habe grossen Bock, wieder für Wacker Thun zu spielen», sagt der Altdorfer mit dem Spitznamen «Uri», der 2008/09 ein NLA-Gastspiel beim HC Kriens gab. Auch im Nationalteam, für das er 61 Mal auflief, möchte er wieder Akzente setzen. Zudem macht sich der ausgebildete Sportlehrer Gedanken über ein Engagement neben dem Platz. «Mir fehlt noch ein Kurs, dann könnte ich die Ausbildung zum Trainer-B-Diplom beginnen.»

Besonders süss sind gar seine privaten Perspektiven. «Im September werden wir erstmals Eltern», verrät Lukas von Deschwanden. «Ein weiterer Grund, weshalb wir wieder näher zur Familie und zu unseren Freunden ziehen wollen.»