US Open: Von «Albtraum» bis «Ich habe das Gefühl, ich sei Roger Federer» – So erleben Frankreichs Tennis-Spieler ihre Isolation

Elf Spieler wurden bei den US Open in Quarantäne versetzt, weil sie in engem Kontakt mit dem positiv auf das Coronavirus getesteten Benoit Paire gestanden haben. Sie erleben die Situation völlig unterschiedlich.

Simon Häring
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Kristina Mladenovic fühlt sich in der Quarantäne wie in einem Gefängnis.

Kristina Mladenovic fühlt sich in der Quarantäne wie in einem Gefängnis.

Keystone

Es sind wahrlich keine schönen Bilder, die Benoît Paire am Donnerstag in die Aussenwelt schickt. Sein bescheidenes Hotelzimmer ist vermüllt, überall liegen Essensresten und schmutzige Wäsche. Dann misst der 31-Jährige seine Temperatur: 36,7 Grad. «Kein Fieber», hält der Franzose lapidar fest. «Es ist verrückt, dort drüben ist das Turnier, und ich darf nicht hingehen.» Am Samstag war der Tennis-Spieler positiv auf das Coronavirus getestet worden. Seither befindet er sich in einem Hotel auf Long Island in Isolation. Am Donnerstag erreichte er die Halbzeit, fünf weitere Tagen muss er ohne Kontakt zur Aussenwelt ausharren. Viel Zeit, um nachzudenken. Und viel Zeit, zu lesen, was über ihn geschrieben wird.

Es ging nicht lange, da platzte ihm der Kragen. Paire nannte es eine «Fake Bubble». Er zögere noch, zu erzählen, was bei den US Open in New York derzeit wirklich passiere. Etwas kryptisch vielleicht, aber immer noch unmissverständlich. Wie es das Protokoll vorsieht, wurde Paire von der Teilnahme ausgeschlossen. Elf weitere Spieler, die mit dem Bonvivant in engem Kontakt gestanden sein sollen, wurden in Quarantäne versetzt, oder wie es der Veranstalter nennt: eine «Blase in der Blase». Davon betroffen sind unter anderem Paires Landsleute Gregoire Barrere und Kristina Mladenovic. Sie wurden zwar vom Turnier nicht ausgeschlossen, müssen aber nach dem Ausscheiden bei den US Open in New York bleiben.

Privatfahrer und Bodyguards

Kein Problem für den 26-jährigen Barrere, der in seiner Karriere etwas mehr als eine Million Dollar Preisgeld erspielt hat und derzeit auf Position 93 der Weltrangliste geführt wird. Er habe am Sonntagabend trainieren können, und seit er unter «Hausarrest» steht, fühle er sich wie ein König. «Ich habe das Gefühl, Roger Federer zu sein. Ich habe mein eigenes Auto, meine Sicherheitsleute, die mich zum Training begleiten, und ich wurde in eine Suite einquartiert», erklärt er gegenüber der Sportzeitung «L'Equipe» die paradoxe Situation, in der er steckt. Abgesehen davon, dass er nicht nach draussen dürfe, fühle er sich wie ein Spitzenspieler. Und nicht wie einer, der in der zweiten Runde sang- und klanglos ausgeschieden ist. Er sagt: «Ich bin froh, dass ich spielen durfte und heule nicht rum.»

Fühlt sich derzeit wie Roger Federer. Gregoire Barrere.

Fühlt sich derzeit wie Roger Federer. Gregoire Barrere.

Jason Szenes / EPA

Man hätte das auch als Seitenhieb an seine Landsfrau Kristina Mladenovic verstehen können. Die 27-Jährige gehörte einst zu den Top Ten im Einzel, war im Doppel die Nummer 1 der Welt, gewann bisher vier Grand-Slam-Turniere und hat in ihrer Karriere 11,4 Millionen Dollar Preisgeld verdient. Entsprechend ist sie sich ein wenig mehr Komfort gewöhnt als Barrere. Und doch beschwerte sie sich am Mittwochabend bitterlich, nachdem sie in der zweiten Runde eine 6:0, 5:1-Führung noch aus der Hand gegeben hatte. Vielleicht war es auch der Frust darüber, der aus ihr sprach, als sie die Quarantäne abqualifizierte und sagte: «Es ist abscheulich, wie sie uns behandeln. Man fühlt sich wie eine Gefangene, wie eine Kriminelle.» Sie müssten bei jeder Bewegung eine Erlaubnis einholen, «obwohl wir sicher schon 39 negative Tests hatten. Die Bedingungen sind einfach grässlich.»

Ein anderer, der sich in der Blase nicht mehr frei bewegen darf, ist Adrian Mannarino. Er habe nicht gewusst, ob er disqualifiziert würde oder nicht, sagte er. Das Wort Blase vermied er, stattdessen sprach er von einer «sicheren Umgebung». Eine semantische Umdeutung, verordnet vom Organisator, geregelt in der Zusatzvereinbarung, welche die Betroffenen unterschrieben haben. Das soll wohl auch vertuschen, dass die Regeln im Hinblick auf die US Open gelockert worden sind. Beim Turnier in der Woche davor waren zwei Spieler ausgeschlossen worden, nachdem ihr Fitnesstrainer positiv getestet worden war. Ob sie sich in Isolation eher fühlten wie Barrere oder Mladenovic, ist indes nicht bekannt.