Verhör auf Färöer

Turi Bucher über Erlebnisse auf den Färöer-Inseln.

Turi Bucher
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LZ-Sportredaktor Turi Bucher. (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

LZ-Sportredaktor Turi Bucher. (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Die Färöer Fussballer tragen die Länderspiele in der Hauptstadt ihres Landes beziehungsweise ihrer Inseln aus. Und ehrlich gesagt, wenn die Hauptstadt schon Torshavn und das Stadion schon Torsvollur heisst, dann müsste den Färingern ja schon mal ab und zu ein Tor gelingen. Das ist ihnen in den bisherigen zwei WM-Qualifikationsspielen nicht gelungen: 0:0 gegen Ungarn, 0:6 gegen Portugal (nur ein Tor durch Ronaldo ...).

Aber heute, gegen die Schweiz, soll das nachgeholt werden. Das erfuhr ich kurz nach Mitternacht von einer färöischen Polizistin, kurz vor der Einfahrt in einen Tunnel. Allerdings erst nachdem sie mich mit einem filmreifen Überholmanöver und einer ebenso filmreifen Kelle an den Strassenrand gewinkt hatte. Nach dem üblichen Herunterlassen des Autofensters sprach sie zuerst eine lange Minute in färöischer Sprache auf mich ein. Ich unterbrach sie vorsichtig und gab ihr auf Englisch zu verstehen, dass ich kein Inselbewohner und der hiesigen Sprache nicht mächtig, sondern wegen des Fussballspiels hier sei. «Der Tunnel ist bis zwei Uhr nachts gesperrt», erklärte mir die Frau von der «Färöernes Politi» nun auf Englisch und setzte zu ihrem rund zweistündigen Verhör an. Sie wollte nämlich alles über die Schweizer Fussballnationalmannschaft wissen, sogar, mit welchen Spielern und mit welcher Taktik die Schweiz heute antreten werde. Während ich ihr verriet, dass die Färöer vor allem auf die Weitschüsse von Shaqiri und Xhaka Acht geben müssten, verriet mir die Frau Polizistin ihrerseits und unter anderem, dass sie mit dem linken Mittelfeldspieler der Nationalmannschaft in einem nahen Verwandtschaftsgrad stehe.

Im Verlaufe der Unterhaltung erfuhr ich übrigens auch noch, dass die färöische Polizei Touristen, welche den lokalen Be­hörden das Herannahen von Walen und Delfinen nicht melden würden, mit Bussen bis zu 25 000 Färöischen Kronen (beinahe 3500 Franken) oder sogar mit zwei Jahren Haft bestrafen können. Dies, damit die Behörden für die Inselbewohner sofort das Signal für die berüchtigten, blutigen Wal-Treibjagden namens «Grindadrap» auslösen können. Ein unwürdiges Gemetzel, erfährt man auf den Färöern doch auch, das Grindwalfleisch enthalte eine derart hohe Konzentration an Quecksilber, dass selbst das Färinger Gesundheitsministerium vor dem Konsum warnt.

Die Polizistin schien mir meine sehr kritische Haltung gegenüber dieser grausamen Tradition anzusehen, denn schnell wechselte sie wieder zum Länderspiel. Den berüchtigten Wind auf den sogenannten Schafsinseln, so teilte sie nun mit, müsse die Schweiz also nicht befürchten, es sei an diesem Abend gutes, ruhiges Wetter. Ja, dieser färöische Wind, er veranlasste die Fifa, für die landesinterne Färöer-Meisterschaft sogar eine Spezialregelung in Kraft zu setzen. Bei einem Penalty und starkem Windgang darf nämlich ein Spieler mit einem Finger den Ball auf dem Penaltypunkt festhalten und ruhen lassen, damit dieser, der Ball, nicht wegrollt, bevor der Elfmeter ausgeführt wird. Jene Regelung würde heute im Länderspiel aber nicht angewendet werden.

Dies alles erfuhr und diskutierte ich nachts um 2 – und das erst noch bei klarem, hellem Tageslicht! Ja, auf den Färöer-Inseln wird es im Sommer nicht dunkel, es bleibt wirklich die ganze Nacht lang hell – bis um 4 Uhr morgens die Sonne aufgeht ... Eltern von färingischen Jugendlichen müssen es sich also zweimal überlegen, wenn sie ihren Kids sagen: «Du bist mir dann wieder daheim, bevor es dunkel ist.»

Endlich war der Tunnel wieder befahrbar. Nach diesen zwei polizeilich-privaten Plauderstündchen erklärte mir die uniformierte Dame beiläufig, dass ich dann übrigens noch 250 Färöische Kronen zu bezahlen habe, weil ich die Tunnelsperre nicht respektierte. Und das, obwohl die Tunnelsperre lediglich in färingischer Sprache signalisiert war. Ich möchte an dieser Stelle nicht behaupten, dass Beamte von den Schafsinseln automatisch Schafsköpfe genannt werden dürfen. Aber: Hoffentlich gewinnt die Schweiz heute. Hoffentlich gibt’s in Tors­havn kein Färöer-Tor. Hoffentlich windet es dem linken Mittel­feldspieler den Ball vom Penaltypunkt.

Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch