Schweizer Nati
Viel Geld, nur Niederlagen und sonst? Das sind die Erkenntnisse aus der Nations League

Die Schweizer können viel mitnehmen aus Portugal, sieben Millionen Euro zum Beispiel, die die Uefa dem Vierten auszahlt. Und die Erfahrung, ein weiteres Turnier bestritten zu haben, aus dem einige Schlüsse gezogen werden können.

Christian Brägger, Guimarães
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Die Schweizer nach der Niederlage gegen England im Spiel um Platz 3.

Die Schweizer nach der Niederlage gegen England im Spiel um Platz 3.

Jean-Christophe Bott/Keystone

0:1 im Penaltyschiessen gegen England verloren. Positiv war, dass sich die Schweiz überhaupt so lange im Spiel hielt. Nur: Die Schweiz spielte gegen England längst nicht mehr so beschwingt, oft sah man wenig Zusammenhängendes, die Batterien schienen leer. Allenfalls muss sich die Uefa überlegen, ob sie tatsächlich am Ende einer langen Saison diesen dritten Platz in einer Art Kehraus-Partie will, aber immerhin ging es neben der Ehre um eine Million Franken mehr oder weniger. Fabian Schär sagte:

Am Schluss war ich körperlich am Ende.

Ernst genommen hatten die Schweizer die Partie ja schon, Schär wirkte enttäuscht, ärgerte sich über Niederlage wie den Interview-Marathon, den er am Ende einer langen Saison über sich ergehen lassen musste. Vielleicht lieferten die beiden Niederlagen in der Nations League neue Erkenntnisse ja auch ihm, Schär, der nicht weiss, wann er nach den Ferien wieder bei Newcastle antraben muss; es könnte ein Hinweis dafür sein, dass dem Ostschweizer womöglich ein Clubwechsel bevorsteht.

1. Leader müssen in Topform sein

Gegen Portugal konnte sich Xherdan Shaqiri nochmals überwinden, presste alles aus seinem Körper – und war der beste Schweizer. Granit Xhaka war solid, dafür war Yann Sommer mitschuldig an der Niederlage, weil er sich beim Führungstreffer mittels Ronaldo-Freistoss falsch entschied. Gegen England war Granit Xhaka wieder solid und nun Sommer Weltklasse, man brauchte zwei Hände, um seine Paraden zu zählen. Dafür war Shaqiri nur noch ein Schatten, und irgendwie war es sinnbildlich, dass er den Platz humpelnd an der Wade verletzt verlassen musste. Sie sehen sich mit den Topnationen ja gern auf Augenhöhe, die Schweizer. Vermutlich sind sie das sogar. Doch für mehr scheint es derzeit nicht zu reichen, auch weil die Schweiz noch immer zu sehr von ihren Leadern abhängig ist, die überdies noch in Topform sein müssen.

2. Die Konkurrenz hinter der Startelf

Petkovic hat seine Mannschaft sanft umgebaut, er wollte den Konkurrenzkampf schüren. Aber derzeit gibt es wenige Diskussionen, wen er in die Startformation beordert, vor allem dann, wenn Stephan Lichtsteiner nicht dabei ist. Falls Breel Embolo endlich einmal durchstartet, gäbe dies dem Nationaltrainer mehr Spielraum auf der rechten Offensivseite. Und sonst? Noah Okafor war stolz über sein Debüt, er ist ein Perspektivspieler, doch er wird noch viele Monate, vielleicht sogar Jahre brauchen. Kevin Mbabu ist bereits an Michael Lang vorbeigezogen. Und hinter Sommer fehlt der grosse Druck, weil Roman Bürki fehlt.

3. Die Dreierkette ist etabliert

Petkovic hat die Dreierkette als Spielsystem etabliert. Gegen England und Portugal setzte er sie ein, weil sie der Schweiz mehr Möglichkeiten in der Offensive gibt. Mit der Viererkette ist sie defensiv vermutlich weniger anfällig, doch es fällt den Schweizern dann schwerer, für Gefahr vor dem gegnerischen Tor zu sorgen. Es ist eine Qualität guter Mannschaften, mehrere Systeme zu beherrschen, insofern war die taktische Erweiterung des Spektrums eine sinnvolle Massnahme, die in der Nations League aber resultatmässig keinen Erfolg brachte.

4. VAR hat sich bewährt

Der Video Assistant Referee (VAR), den die Uefa erstmals einsetzte in Pflichtspielen auf Nationalteam-Ebene, soll den Fussball fairer, wahrer machen. Aber die Diskussionen werden nicht aufhören, wie sie nie aufhören, wenn Schiedsrichter im Spiel sind. Für die Schweiz lief es gut mit dem VAR, gegen England und besonders gegen Portugal profitierte sie von der näheren Betrachtung der Schiedsrichter aus den verschiedenen Kamerablickwinkeln. Aus einem möglichen 0:2 wurde gegen Portugal ein zwischenzeitliches 1:1, und statt kurz vor Ende der regulären Spielzeit gegen England ins Hintertreffen zu geraten, stand es weiterhin 0:0.

Das sind die Noten der Schweizer Nati gegen England

Yann Sommer (Tor): Stark. Das ist der Sommer, den die Schweizer sehen wollen. Bei Kanes Grosschance in der 2. Minute ist er noch dran – der Ball geht an die Latte. In der 54. Minute bei Schärs Abwehrversuch ist er ebenfalls noch dran – der Ball geht an den Pfosten. Hält in der Verlängerung die Schweiz im Spiel. Im Penaltyschiessen ist das Glück nicht mehr auf seiner Seite. Note: 5,5.
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Nico Elvedi (Verteidigung): Eine äusserst solide Leistung des 22-Jährigen. Wenn seine Mitspieler einmal patzen, hilft er aus. Auf Elvedi, der noch immer oft unterschätzt wird, ist gegen England Verlass. Note: 4,5.
Fabian Schär (Verteidigung): Der Chef der Verteidigung hat in der 54. Minute Glück, dass sein Klärungsversuch dank Sommer an den Pfosten und nicht ins Tor geht. Ansonsten umsichtig und mit viel Ruhe. Verwandelt seinen Penalty problemlos. Note: 4,5.
Manuel Akanji (Verteidigung): Eine ungewohnt fahrige erste Halbzeit von ihm. Danach verbessert. Es liegt auch an Akanji, dass die Null stehen bleibt. Wird vor dem vermeintlichen Siegtor der Engländer durch Wilson gefoult, VAR kommt zum Zug, der Treffer zählt nicht. Starker Penalty von ihm. Note: 4.
Kevin Mbabu (Mittelfeld): Zu Beginn auffällig auf der rechten Seite, anspielbar und zweikampfstark. Taucht mit Fortdauer der Partie ab. Berührt Sterling bei dessen Kopfballgrosschance (74.), da haben andere Schiedsrichter schon Foulpenalty gegeben. Trifft im Elfmeterschiessen. Note: 4.
Edimilson Fernandes (Mittelfeld): Eine schöne Pirouette für die Galerie, sonst mangelhaft, keine Unterstützung für Xhaka. Kann sich nicht für weitere Aufgaben empfehlen und wird als erster Schweizer ausgewechselt (61.). Note: 3.
Granit Xhaka (Mittelfeld): Er kämpft und läuft bis zum Schluss viel, auch in der 120. Minute noch. Spielerisch ist der Captain jedoch nicht ganz der Leader, der er sein will und kann. Wird aber auch zugestellt von den Engländern. Xhaka hat die einzige wirkliche Grosschance der Schweizer, aus der er mehr machen könnte. Versenkt seinen Penalty sicher – nicht wie 2016 an der EM. Note: 4,5.
Remo Freuler (Mittelfeld): Von ihm kommt in den 120 Minuten nicht wirklich viel. Doch wenn von Freuler dann einmal in den wenigen Szenen etwas kommt, wird es gefährlich für den Gegner. Note: 4.
Ricardo Rodriguez (Mittelfeld): Lässt in der ersten Halbzeit zwei gefährliche Hereingaben zu. Kommt lange wenig zur Geltung auf der linken Seite, wird aber mit Fortdauer der Partie besser. Muss mit einem Ziehen an der Leiste kurz vor Ende der regulären Spielzeit ausgewechselt werden. Note: 4.
Xherdan Shaqiri (Sturm): Wirkt nach der langen Saison müde, zeigt einen eher lustlosen Auftritt. Nur einmal hat Shaqiri grosse Lust, als er in der 56. Minute wunderbar auf Granit Xhaka zurücklegt. Neun Minuten später muss der Kraftwürfel hinkend raus. Es scheint schlimmer zu sein. Note: 3.
Haris Seferovic (Sturm): Rennt und rackert viel, wie man das von ihm in der Nationalmannschaft kennt. Seferovic kann die englische Abwehr aber nicht beängstigen. An der besten Schweizer Aktion mit der Chance Xhakas beteiligt. Note: 3,5.
Denis Zakaria (Mittelfeld): Kommt in der 61. Minute für Fernandes. Zakaria verleiht dem Mittelfeld Stabilität, mehr Robustheit und unterstützt Xhaka. Spielerisch kann er indes nur wenige Akzente setzen. Note: 4.
Steven Zuber (Mittelfeld): Kommt für den verletzten Shaqiri, bleibt unauffällig. Hat in der 76. Minute eine Abschlussmöglichkeit, doch er verzieht. Trifft vom Elfmeterpunkt sicher. Note: 4.
Josip Drmic (Sturm): Wird für Rodriguez kurz vor Ende der regulären Spielzeit eingewechselt. Man merkt Drmic im Spiel seine schwierige Saison an, er wirkt ohne Selbstvertrauen. Verschiesst seinen Penalty – England ist Dritter. Note: 3.
Noah Okafor (Sturm): Der 19-jährige Basler kommt in der zweiten Verlängerung für Seferovic. Okafor, der ebenfalls den nigerianischen Pass besitzt, ist damit an den Schweizer Verband gebunden. Note: keine.

Yann Sommer (Tor): Stark. Das ist der Sommer, den die Schweizer sehen wollen. Bei Kanes Grosschance in der 2. Minute ist er noch dran – der Ball geht an die Latte. In der 54. Minute bei Schärs Abwehrversuch ist er ebenfalls noch dran – der Ball geht an den Pfosten. Hält in der Verlängerung die Schweiz im Spiel. Im Penaltyschiessen ist das Glück nicht mehr auf seiner Seite. Note: 5,5.

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