Rollstuhlsportler: Vom Top-Umfeld in die eigenen vier Wände

Auch die Weltklasse-Rollstuhlsportler Manuela Schär und Marcel Hug sind von der Corona-Epidemie getroffen worden.

Jörg Greb
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Manuela Schär.

Manuela Schär.

Bild: Urs Sigg

Für die Rollstuhlsportler haben sich der Alltag und die Gedankenwelt einschneidend verändert. So sind auch die Marathon-Seriensiegerin Manuela Schär (35) und ihr männliches Pendant Marcel Hug (34) getroffen worden von den Folgen der Pandemie. Am Tokio-Marathon Ende Februar haben sie wegen der unsicheren Lage nicht teilgenommen, die beiden weiteren Frühlings-Marathons der Majors Serie in Boston und London sollen nun im Herbst stattfinden.

Marcel Hug bei seinem Sieg über 1500m in Nottwil.

Marcel Hug bei seinem Sieg über 1500m in Nottwil. 

Bild: Urs Flüeler/Keystone (25. Mai 2019)

Auch der Trainingsalltag erfuhr strikte Vorgaben. Die Indoor-Trainingsmöglichkeiten, insbesondere in der neuen Trainingshalle in Nottwil, sind geschlossen worden. Ebenso ist die Leichtathletik-Bahn gesperrt, die Fitnessstudios sind zu. Und zu guter Letzt sind gestern die Olympischen Spiele und die Paralympics verschoben worden.

«Vom Aufwand her hat sich wenig geändert»

Von Panik, Resignation oder gar Depression ist bei Schär und Hug aber nichts zu spüren. «Uns geht es gut, und im Vergleich zu anderen haben wir es geradezu vorzüglich», sagen die beiden Vorzeigeathleten unabhängig voneinander. Zum Nichtstun veranlasst sehen sie sich nicht. «Die Entwicklung hat sich abgezeichnet, und wir suchten vorzeitig nach Alternativen», sagen sie. Unter der Federführung von Hugs Trainer Paul Odermatt wurden die Rollen für das Indoor-Training bereits vorletzte Woche in den Wohnungen diverser Leistungssportler gebracht und installiert. Gleiches geschah mit anderen Trainingsgeräten. Schär richtete sich individuell ein, ebenfalls mit Rolle und Handkurbel.

So fordern sich die beiden Aushängeschilder wie viele weitere Rollstuhlsportler vorwiegend in den eigenen vier Wänden. Von Schwierigkeiten sich zu motivieren, wollen beide nichts wissen.

«Für mich ist es keine riesige Umstellung, ich fühle mich richtig wohl»,

sagt Manuela Schär. Marcel Hug pflichtet bei:

«Ich staune selber, wie hoch mein Motivationslevel ist.»

Beide hoffen, dies halte an. Sie verstehen es beide, sich nach den Plänen ihrer Coaches zu fordern. «Vom zeitlichen Aufwand her hat sich wenig geändert», sagt Hug. Zwei Einheiten à je anderthalb Stunden pro Tag stehen an sechs Wochentagen auf seinem Programm. Bei Schär sind es nur unwesentlich weniger.

Natürlich gibt es Nachteile durch die neue Konstellation. Zum Beispiel fallen direkte persönliche Kontakte weg. Doch damit können Schär wie Hug umgehen. «Sport ist unser Beruf, ist unsere Passion», sagen sie. Und Hug ergänzt: «Langweilig geworden ist mir noch nie, und das Gefühl, die Decke falle mir auf den Kopf, habe ich sowieso nicht.» Problematisch werden könnte allenfalls, dass auch die Möglichkeiten zur Regeneration wie etwa Physiotherapie wegfallen. Diesen Nachteil versuchen sie zum Beispiel mit Eigenmassage zu kompensieren.

Nun heisst es, die gute Basis zu konservieren

Zu bedenken gilt, dass sich die Trainingsausrichtung mit den neuen Umständen sofort verändert hat. Schär wie Hug sagen: «Es geht jetzt nicht darum, sich in Hochform zu bringen und ein letztes Prozent herauszukitzeln. Gefragt ist nun, den Stand und die gute Basis zu konservieren.» Und dabei erachten es beide als hochwillkommen, dass sie auch in die Natur hinauskönnen zu Einheiten auf der Strasse: beide in Velo-Begleitung ihrer Trainer, von Odermatt (Hug) und Claudio Perret (Schär) und natürlich in gebührendem Abstand. Zudem führt Schär ihren Hund täglich mehrmals Gassi.

Und wie sehen Schär und Hug die zeitlichen Dimensionen? Sie setzten grosse Hoffnungen auf die Marathons – darauf, dass diese im Herbst durchgeführt werden können und darauf, dass dann auch London und Boston wie geplant nachgeholt werden. Diese ferne Perspektive treibt an, erhält die Motivation. Und nährt die Hoffnung, dass sich die finanziellen Einbussen dann kompensieren lassen.