Von der Hockeymontur in den Bikini: Wie ein schwerer Unfall Carmen Hänggis Leben prägte

Ein Unfall an der Eishockeybande veränderte Carmen Hänggis Leben – jetzt ist die 24-jährige Luzernerin Bodybuilderin. Ihr Ehrgeiz, Wille und Mut haben sich bereits bezahlt gemacht.

Philipp Zurfluh
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Sie ist eine Frohnatur und strahlt Lebensfreude aus. Ihre positive Einstellung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. «Ich bin heute glücklicher denn je und dankbar, dass ich gesund bin», sagt die Luzerner Studentin, die derzeit den Master of Science in Business Administration an der Hochschule Luzern absolviert.

Carmen Hänggi geht mit einem Lächeln durchs Leben.

Carmen Hänggi geht mit einem Lächeln durchs Leben.

Bild: Boris Bürgisser, Luzern,
26. März 2020

Doch dem war nicht immer so: Carmen Hänggi lag am Boden – sprichwörtlich. Nachdem sich auf dem Eisfeld ihre Kufen verkanteten, stürzte sie und knallte ungebremst mit dem Rücken in die Bande und blieb liegen. «Ich wollte aufstehen, spürte aber meine Beine nicht», erinnert sich die ehemalige Eishockeyspielerin Carmen Hänggi an den Juni 2014 zurück.

Es war ein Unfall, der ihr Leben einschneidend veränderte. «Vor der Operation erklärte ich den Chirurgen, dass ich am nächsten Tag Training hätte», sagt die ehemalige Eishockeyspielerin. Doch es kam ganz anders. 80 Prozent des zweiten Lendenwirbels waren zerstört. Der erste und dritte Wirbel wurde zusammengeschraubt. Noch vor der Notoperation äusserten sich die Ärzte dahin gehend, dass die Gefahr bestehe, dass sie nicht mehr gehen könne. Carmen Hänggi hatte Glück: «Nach einigen Tagen im Rollstuhl konnte ich kleine und langsame Schritte machen.»

Trotz Unfall: Glaube an Olympia war ungebrochen

Erst eine Woche vor dem folgenschweren Unfall hatte die 24-Jährige das erste von zwei Jahren an der High School in der Nähe von Vancouver abgeschlossen. Die mit viel Talent bestückte Luzernerin setzte alles auf die Karte Eishockey: Sie war Teil der Schweizer U-18-Nationalmannschaft und stand im Aufgebot der Frauen-Nationalmannschaft. Ihr ehrgeiziges Ziel: die Olympischen Spiele in Sotschi 2014. «Ich blieb immer optimistisch und glaubte auch nach der Verletzung an eine Karriere als Profispielerin. Auch das Ziel Olympia war fest in meinem Kopf verankert», sagt Carmen Hänggi.

Im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil musste sich Carmen Hänggi einer zweiten Operation unterziehen. Nach dem ärztlichen Befund war klar: Sie muss künftig auf Vollkontakt-Sportarten verzichten. Ein harter Schlag. Ihr Traum von einer Hockey-Karriere war geplatzt. Die Studentin sagt heute:

«Ich vermisse Eishockey immer noch.»

Sie setzt sich persönlich für eishockeybegeisterte Mädchen ein und hat im letzten Jahr zusammen mit Florence Schelling, ehemalige Torhüterin der Schweizer Nationalmannschaft, den Girl’s Hockey Day organisiert.

Alkohol und Süsses sind tabu

Für Carmen Hänggi begann ein neuer Lebensabschnitt – vorerst in der Reha. In dieser Zeit verbrachte sie viel Zeit im Fitnessraum. Eine Trainerin habe sie damals angesprochen und gesagt, dass sie eine gute Körperstruktur für Bodybuilding in der Kategorie Bikini hätte. Es war sozusagen der Beginn ihrer Passion für diese Sportart. «Dies gab mir wieder einen neuen Sinn im Leben», verrät die Athletin. Sie trainiert seitdem meist täglich rund zwei Stunden für ihren stählernen Körper. «Ich war fortan voller Leidenschaft für mein neues Ziel. Ich trainiere nicht nur, sondern richte meinen Lebensstil danach aus. Ich stellte meinen Alltag auf den Kopf – vom Aufstehen bis zur Bettruhe», führt das Fitnessmodel aus. Alkohol und Süsses seien tabu. «Es braucht viel Disziplin. Für mich ist es aber überhaupt kein Verzicht, ich hungere nie. Es ist meine Art zu leben.» Sie habe dadurch extrem viel über ihren Körper und Charakter gelernt.

Zeigt ihren Körper an den Wettkämpfen: Carmen Hänggi.

Zeigt ihren Körper an den Wettkämpfen: Carmen Hänggi.

Bild: PD

Ihr Ehrgeiz, ihre Ausdauer und ihr eiserner Wille haben sich ausbezahlt – und wie: 2017 gewann sie den Schweizer-Meister-Titel in der Bikini-Klasse. 2019 wurde sie Doppel-Europameisterin in den Kategorien Bikini und Sportmodel. «Ich bin sehr ehrgeizig. Wenn ich an einem Wettkampf teilnehme, dann immer mit der Hoffnung zu gewinnen», sagt Hänggi. Derzeit arbeitet sie – neben ihrem Studium – zu 60 Prozent als Fitnesstrainerin im «Indigo» in Luzern. Viele Menschen stellen sich unter Bodybuilding muskulöse, mit Steroiden vollgepumpte Kraftpakete vor. Doch in der Kategorie Bikini liegt der Fokus auf anderen Kriterien. Der Wettkampf ähnelt eher einer Misswahl. «Es geht nicht darum, möglichst viele Muskeln aufzubauen», sagt die rund 55 Kilogramm schwere und 163 Zentimeter grosse Luzernerin. Es gibt keine Gewichtsklasse. Der Körper der Bikini-Athletin soll schlank und weiblich sein. «Die Symmetrie des Körpers muss stimmen», betont Carmen Hänggi.

Konkret heisst das: breite Schultern, definierte Bauchmuskeln, schmale Taille und kräftiger Po. Auch Ausstrahlung und Schönheit spielen in die Bewertung der Jury ein. Mit braun glänzender, straffer Haut, hochhackigen Schuhen und glitzerndem Bikini stellt sie vor den Juroren ihren Körper zur Schau – in frei wählbaren oder vorgegeben Posen: «Man hat nur zehn Sekunden Zeit. Man muss auf den Punkt bereit sein. Das übe ich in meinem Training täglich», erklärt die 24-Jährige.

Bodybuilding kostet Geld

Noch kann Carmen Hänggi nicht von ihrem Hobby leben: «Die Suche nach Sponsoren in der Schweiz ist schwierig», sagt sie. Das Geld fliesst in die Finanzierung ihrer persönlichen Trainerin, in das Fitness-Abonnement, in Reisekosten, Teilnahmegebühren bei Wettkämpfen und in die Ernährung. Da bleibt laut der Studentin wenig übrig für andere Dinge. «Ein Bikini kostet bis zu 1000 Franken», erklärt Carmen Hänggi.

Hänggi schaut selbstbewusst in die Zukunft. Zu weit will sie aber nicht planen. Zu viel hat sie schon durchgemacht. Die Leidenszeit habe sie zu dem gemacht, was sie heute ist: eine junge, selbstbewusste und ambitionierte Frau, die an sich glaubt. «Für mich ist Bodybuilding ein Hobby, meine Ausbildung steht im Zentrum. Doch irgendwann würde ich es gerne professionell machen», sagt das Fitnessmodel. Mit ihrem Ehrgeiz, Mut und Disziplin ist ihr das zuzutrauen.