Radsport immer exotischer: Von der Wüste bis zum Polarkreis

Tour-de-France-Veranstalter ASO bringt den Profiradsport in die entlegensten Regionen der Erde.

Tom Mustroph
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Unterwegs am «Arctic Race» auf den norwegischen Lofoten-Inseln.Bild: Imago/Mario Stiehl (Leknes, 15. August 2019)

Unterwegs am «Arctic Race» auf den norwegischen Lofoten-Inseln.Bild: Imago/Mario Stiehl (Leknes, 15. August 2019)

Rentiere gab es in diesem August nicht am Strassenrand, als das Peloton des Arctic Race of Norway über die Inselgruppen der Lofoten und Vesteralen zog. «Mein Mann und mein Sohn sind hoch oben in den Bergen, um die Neugeborenen in unserer 800 Tiere grossen Herde zu markieren. Ich konnte deshalb mit den Tieren, die wir hier am Haus haben, nicht an die Strecke kommen», sagt Laila Inga, Rentierzüchterin in der Nähe von Sortland, dem Startort der 3.Etappe des Arctic Race. «In früheren Jahren habe ich aber eines der Tiere angeschirrt und bin mit ihm an die Strecke gekommen. Die Motorradfahrer hinter dem Feld hatten dann nur Augen für mein Rentier und vergassen völlig, dass sie eigentlich den Rennfahrern folgen sollten», erinnert sich die Frau aus dem indigenen Volk der Sami und bricht in fröhliches Gelächter aus.

Dass es diesen Blickfang in diesem Jahr nicht gab, konnte der Rennveranstalter ASO verschmerzen. Zwar ist der Tour-de-France-Organisator recht eifrig bei der Produktion spektakulärer Bilder. Bei der Omanrundfahrt, welche die ASO ebenfalls betreibt, gibt es regelmässig Fotos von Rennfahrern mit Kamelen. Beim Arctic Race gab es in früheren Jahren das Gegenstück mit den Rentieren. Und auch die Armee macht im Nordland mit. 2015 liess sie einen Panzer beim Zielsprint einer Etappe unmittelbar neben dem Kurs entlang rasen. «Das brachte dem französischen Medium, welches das Bild auf seiner Internetseite hatte, sehr schnell 500000 Klicks ein», stellt Claude Rach, Cheforganisator des Rennens bei der ASO, zufrieden fest. In diesem August spielte die Militärkapelle der Königlichen Garde an Start und Ziel und zuweilen sogar auf den Gipfeln unterwegs auf.

Eroberung des chinesischen Marktes

Das Arctic Race, 2013 erstmals ausgetragen, markiert den Beginn der jüngsten Expansionsoffensive vom Tourorganisator ASO. In früheren Dekaden übernahm der Branchenführer aus Paris vor allem Traditionsrennen, wenn deren Organisatoren finanziell die Luft ausging. Bei den belgischen Eintagesklassikern Lüttich–Bastogne–Lüttich und Wallonischer Pfeil sowie der Fernfahrt Paris–Nizza war das noch so.

Jetzt aber expandiert das Unternehmen strategisch. Es nutzt – wie im Falle der Tour de Yorkshire – den Grand Départ der Tour de France im Ausland, um neue Rennen zu entwickeln. «Manchmal haben wir auch Anfragen. Ein Land, eine Region sagt, wir möchten gerne etwas machen, habt ihr Lust darauf? Wir prüfen das dann und entwickeln gemeinsam eine Strategie», erzählt Claude Rach, Verantwortlicher für die internationalen Rennen bei der ASO. So entstand das Arctic Race. Und manchmal wird aus rein geostrategischen Überlegungen ein Rennen entwickelt – wie etwa das Shanghai Criterium, das die ASO seit 2017 ausrichtet, um den grossen chinesischen Markt zu erobern. Oder eben auch bei der Deutschland Tour, im ASO-Programm seit 2018. «Deutschland war ein weisser Fleck auf der Karte, für uns jedenfalls. Und es war klar für uns, dass wir mit dem Potenzial, das wir in Deutschland sehen, etwas machen müssen», meint Rach.

Aktuell ist die ASO bei etwa zwei Dritteln aller Profirennen beteiligt, sei es über Kooperationen wie bei der Tour Down Under in Australien und der Kalifornienrundfahrt oder über direkte Eignerschaft wie bei der Deutschland Tour und der Vuelta in Spanien.

Den Markt in Südamerika erobert das Unternehmen derzeit über «Jedermannrennen». Überall dort sollen mehr Fans gewonnen, neue Sponsoren akquiriert und die TV-Sender in den Austragungsländern zu engeren Kooperationen überzeugt werden. Das alles lässt dann auch weiter die Tour de France wachsen – und so stabil werden, dass auch der nächste Dopingskandal sie nicht in den Grundfesten erschüttern kann.