Von stilsicher bis suchend: Dem Schweizer Frauen-Speedteam gelingt beim Heimweltcup nicht alles nach Wunsch

Corinne Suter, Lara Gut-Behrami und Michelle Gisin: Die Gefühlslagen der drei Hauptdarstellerinnen im Schweizer Speedteam sind sehr unterschiedlich.

Claudio Zanini
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Lara Gut-Behrami fühlt sich in St. Moritz wohl. Sie sagt: «Es fehlt wenig für eine Topklassierung.»

Lara Gut-Behrami fühlt sich in St. Moritz wohl. Sie sagt: «Es fehlt wenig für eine Topklassierung.»

Jean-Christophe Bott/Keystone

Man müsse auch einmal zu­frieden sein, sagt Corinne Suter nach dem Super-G. Sie hat das Podest verpasst und wurde Sechste – mit 87 Hundertsteln Rückstand.

Nach den Leistungen von Lake Louise waren die Er­wartungen hoch. Sehr hoch. Als die Nach­frage kommt, ob sie mit der Leistung wirklich zufrieden sei, lacht sie, als hätte man sie beim Schummeln erwischt. «Nein, nicht wirklich. Mit dem Rang schon. Mit der Fahrt ganz und gar nicht.»

Die Ambivalenz in Suters Aussagen zeigt, wie hoch die Ansprüche im Schweizer Team mittlerweile sind. Man könnte sich zufriedengeben, doch man kennt auch seine Möglichkeiten. Das Ergebnis im Super-G von St. Moritz war ansprechend. Vier Fahrerinnen klassierten sich unter den ersten zwölf, weitere zwei Athletinnen in den Punkterängen. Die Leistung dem Heimvorteil zuzuschreiben, wäre verfehlt. Bis auf Wendy Holdener, die zuvor zwei Europacup-­Rennen in St. Moritz bestritt, durften die Schweizerinnen erst bei der Besichtigung auf die Piste.

Corinne Suter, Lara Gut-­Behrami und Michelle Gisin sind die Hoffnungsträgerinnen im Schweizer Speedbereich. Bei Suter scheint sich der Knoten nachhaltig gelöst zu haben. Sie sorgte für die bislang einzigen Podestplätze. Sie ist gar so ge­festigt, dass sie auch nach einer durchzogenen Fahrt einen Top-10-Platz belegt.

Ihre Sonderstellung eingebüsst hat Lara Gut-Behrami. Sie war mit ihrem fünften Platz die beste Schweizerin. Das ist ein Aufwärtstrend im Vergleich zu Lake Louise. Und zeigt auch, dass ihr St. Moritz in allen ­Lebenslagen liegt. Auch dann, wenn sie einen Nebenschauplatz öffnete, indem sie dem Skiverband fehlende Professionalität vorwarf.

«Vielleicht musste sich Lara abreagieren»

Die Kritik von Gut-Behrami fiel in die erste Arbeitswoche von Walter Reusser, der seit dem 1. Dezember Alpindirektor bei Swiss Ski ist. Der 43-jährige ­Berner war in Nordamerika nicht vor Ort, als sich die Tessinerin Luft verschaffte. Am Wochen­ende trafen sich Reusser und Gut-Behrami in St. Moritz. Einen Rüffel gab es nicht. «Wir hatten ein solch gutes Gespräch, dass dieses Thema tatsächlich vergessen ging», sagte Reusser. «Für mich persönlich ist diese Geschichte nicht relevant. Die Kritik von Lara finde ich nicht angemessen, doch das weiss sie selbst auch.»

Reusser arbeitete seit 2005 in verschiedenen Funktionen für die Schweizer Skimarke Stöckli. In seine Zeit fällt auch der Weltcuppunkterekord von Tina Maze, den Umgang mit ­anspruchsvollen Athleten ist er sich gewohnt. Er plädiert dafür, die Athletenperspektive zu verstehen. Manchmal habe er den Eindruck, Athleten bräuchten in diesem Hundertstelrennen einen Nebenschauplatz, quasi als Ausgleich.

«Vielleicht musste sich Lara abreagieren», sagt Reusser. Ob solche Geschichten Gut-Behrami Energie zuführen oder weg­nehmen, weiss letztlich nur sie. Für eine Topklassierung ­fehle wenig, sagte sie. «Wenn ich ­solider fahre, kommen die ­Resultate von allein.»

An den Resultaten gemessen wird auch Michelle Gisin, die sich trotz Knieverletzung im letzten Januar hohe Ziele gesteckt hat. Vor der Saison sprach sie von der kleinen Kristallkugel in der Abfahrt. In Lake Louise lief vieles schief. In St. Moritz fuhr sie den Steilhang technisch einwandfrei, aber zu kontrolliert. «Es war ein Schritt vorwärts. Ein gutes Zeichen für Courchevel», sagte sie. Dort findet am Dienstag ein Riesenslalom statt. In dieser Disziplin gelang ihr in ­Killington mit Rang 4 das ­Karrierebestergebnis. Doch in den Speedwettbewerben geht die Suche nach dem verlorenen Vertrauen weiter.