Kommentar

Wahrlich eine schrecklich nette Familie, diese Fussball-Bosse

Alle sind erfreut, dass die Saison am 19. Juni im altbewährten Modus wieder fortgesetzt wird. Wirklich alle? Nein, in Lausanne, in Sion und in Lugano sind sie verärgert darüber. Und weil Sions aufmüpfiger Präsident Christian Constantin die Juristen gerne mit Arbeit füttert, droht der Fussball-Liga viel Ungemach.

François Schmid-Bechtel
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Fünf Minuten nach der Abstimmung – natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit – weiss die Westschweizer Zeitung «Le Matin» bereits Bescheid. Ein Klubvertreter füttert seinen Hofjournalisten live aus der Sitzung und informiert, dass die Fussball-Meisterschaft im unveränderten Modus fortgesetzt würde. Das Communiqué der Swiss Football League mehr als eine Stunde später ist bereits kalter Kaffee.

Christian Constantin ist entschieden für den Abbruch der Saison. Mit Lausanne-Sport weibelt der Präsident des FC Sion für eine Aufstockung der Super League auf zwölf Teams. Es ist auch sein Projekt. Trotzdem hält er es nicht für nötig, in Bern zur Generalversammlung zu erscheinen, mit den Kollegen zu debattieren, zu streiten und gemeinsam einen Konsens zu finden. Stattdessen droht er kurz nach der Abstimmung, seine Juristen von der Leine zu lassen und der Liga die Hölle heiss zu machen.

Nach der Versammlung spricht der Lugano-Sportchef von einem Massaker am Fussball. Und ein Klubpräsident sagt: «Scheissegal, was der in Sion unten macht.» Da wirkt es unwirklich, wenn kurz darauf Liga-Präsident Heinrich Schifferle die Stimmung während der Entscheidungsfindung mit «gut, angenehm und respektvoll» zusammenfasst. Ausserdem gehe er nicht davon aus, dass jemand nun die Gerichte anrufen werde. Der Wunsch als Vater des Gedankens.

Sion-Präsident Christian Constantin droht der Liga, seine Juristen von der Leine zu lassen.

Sion-Präsident Christian Constantin droht der Liga, seine Juristen von der Leine zu lassen.

Keystone

Der Hintergrund: Die Klubs haben beschlossen, dass bis zum Ende der Saison keine neuen Spieler qualifiziert würden. Der FC Sion indes hat mit Serey Dié bereits einen Spieler verpflichtet, dessen Vertrag per Ende Mai ausläuft. Constantin wird einen Teufel tun, sich zu fügen. Er wird mit aller Vehemenz versuchen eine Qualifikation des Spielers juristisch zu erwirken. Egal, ob der Rest der Liga in einer demokratischen Abstimmung sich dazu entschlossen hat, sich an die Fifa-Regeln zu halten.

Erinnern wir uns an die Eishockeyaner. Sie brechen die Saison ab. Sie verständigen sich innert kürzester Zeit auf einen modifizierten Modus für die kommende Saison. Alles ohne Getöse und Indiskretionen. Vor allem: Die Hockey-Bosse halten sich seit Jahren an die Abmachung mit der Ausländerbeschränkung. Gentleman’s Agreement. Leider fehlt es im Fussball an ehrenwerten Männern.

Präsentiert keine Idee, wie das Produkt Schweizer Klubfussball verbessert werden kann: Liga-Präsident Heinrich Schifferle

Präsentiert keine Idee, wie das Produkt Schweizer Klubfussball verbessert werden kann: Liga-Präsident Heinrich Schifferle

Keystone

Nebenbei offenbart Corona auch eine Führungsschwäche in der Liga. Noch vor vier Wochen sagt Präsident Schifferle, möglicherweise würde die Mehrheit der Vereine Geisterspiele nicht überleben. Heute sagt er, alle würden überleben, die Klubs hätten den Gürtel enger geschnallt. Dabei haben sie bis dato wegen befristeter Verträge gar keinen Hebel, die Kosten zu senken. Eine Frage noch: Welche Chance bietet die Krise dem Fussball? Schifferle verweist auf die gewachsene Solidarität unter den Klubs. Aber keine Pläne für eine Imagekorrektur. Kein Wort über Strategien. Keine Idee, wie das Produkt verbessert werden kann. Stillstand, bestenfalls.