Was die Eltern alles übernehmen müssen, wenn der Sohn Skifahrer werden will

Joel Lütolf (18) aus Sempach besucht die Sportmittelschule in Engelberg und befindet sich auf dem Weg zum professionellen Skifahrer. Für die Eltern kostet das viel Zeit und Geld.

Claudio Zanini
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Joel Lütolf (rechts) mit Vater Beat und Mutter Yolanda zuhause in Sempach. (Bild: Dominik Wunderli (17. November 2018))

Joel Lütolf (rechts) mit Vater Beat und Mutter Yolanda zuhause in Sempach. (Bild: Dominik Wunderli (17. November 2018))

In einem einzigen Monat hat Yolanda ­Lütolf einmal 3000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Von einem Skiort zum nächsten und wieder zum Ausgangspunkt Sempach, dem Wohnort.

In diese Zeiten gehört auch das ganz normale Szenario, um fünf Uhr morgens Sandwiches zuzubereiten, die umfassende Rennausrüstung zu verfrachten und loszubrausen. Und das an Sonntagen, wenn andere noch schlafen.

Yolanda Lütolf erinnert sich genau an diese Episoden, denn sie liegen nicht lange zurück. Während sie redet, scheint sie aufs Neue zu realisieren, welcher Aufwand nötig ist, wenn sich das eigene Kind für eine Skikarriere entscheidet. Ihr Ehemann Beat sitzt nebenan, Kaffee trinkend. Er sagt: «Ohne die Unterstützung der Eltern wird es schwierig.»

Die Lütolfs haben zwei Buben, Yves (21) und Joel (18). Die beiden entdecken das Skifahren schon früh, weil die Familie eine Ferienwohnung in Engelberg hat. Die Buben machen schnell Fortschritte. Als sie das erste Mal in die Skischule gehen, sind sie so gut, dass sie mit viel älteren Kindern eingeteilt werden.

In Engelberg ergeben sich Bekanntschaften zu anderen Skieltern. So auch zu Beat Gisin, der schon Erfahrung mit den eigenen talentierten Kindern gemacht hat. Seine Töchter Dominique und Michelle werden später Olympiasiegerinnen, Sohn Marc etabliert sich ebenfalls im Weltcup. Gisin kam mit dem Vorschlag, die Lütolfs sollen ihre Söhne in die Jugendorganisation (JO) geben, es ist sozusagen die Grundschulung im Skisport, wo schon 6-Jährige Rennen fahren.

Homeoffice auf dem Berg

Mit der JO hatten die Buben einen Ort gefunden, an dem sie gefordert wurden und ihre Energie abladen konnten. «Yves und Joel waren schon immer die Wettkampftypen. Sie machen etwas ganz oder gar nicht», sagt die Mutter. Der ureigene Ehrgeiz sei bis heute geblieben. «Kürzlich gingen sie zusammen Tennis spielen. Da müsste schon fast ein Schiedsrichter mit.» Animation von Elternseite brauchte es nie, die beiden Jungs wollten sich sportlich betätigen und kreierten aus allem einen Wettbewerb. Beat Lütolf betont: «Es war nie unsere Absicht, dass unsere Söhne Richtung Spitzensport gehen.»

Seit dieser Saison gehört Joel Lütolf zum C-Kader. Der Vater sagt: «Die Gefahr, dass er abhebt, ist gering auf dieser Stufe. Und falls doch, holen wir ihn runter.» (Bild: Dominik Wunderli (Sempach, 17. November 2018))

Seit dieser Saison gehört Joel Lütolf zum C-Kader. Der Vater sagt: «Die Gefahr, dass er abhebt, ist gering auf dieser Stufe. Und falls doch, holen wir ihn runter.» (Bild: Dominik Wunderli (Sempach, 17. November 2018)) 

Yves Lütolf hat inzwischen die Sportart gewechselt. Er ist auf der dritthöchsten Stufe im Radsport angelangt und fährt nächste Saison Strassenrennen in einem Continental Team. Joel ging den Weg im Skisport konsequent weiter. Mit 13 wurde er von der Begabtenförderung Ski alpin in Hergiswil aufgenommen, einem regionalen Leistungszentrum – von Swiss Ski anerkannt und unterstützt –, wo die Sekundarstufe absolviert wird. Dank reduzierten Stundenplänen haben die jungen Athleten mehr Zeit fürs Training. Der Aufwand für die Eltern wuchs an. Die Mutter sagt: «Wir mussten ihn von Hergiswil abholen, zu den Rennen bringen. Manchmal hatte er schon am Morgen Training.» Die Wege wurden länger. Nun mass sich Joel zunehmend auch an nationalen und internationalen Vergleichen. Yolanda Lütolf arbeitete zu dieser Zeit nur noch 50 Prozent. «Manchmal nahm ich den Laptop mit zu den Trainings, suchte mir ein Plätzchen und arbeitete dort», sagt sie.

Ein Jahr kostet 25000 Franken

Über die finanziellen Ausgaben hat die Mutter Buch geführt. Die teuersten Jahre folgten, als Joel mit 15 an die Sportmittelschule nach Engelberg wechselte und ins nationale Leistungszentrum kam. Es ist eine Art Zwischenstadium, irgendwo zwischen Halbprofessionalität, aber bereits auf dem Radar von Swiss Ski. Hier gibt es zwar noch keine finanziellen Zuwendungen des Skiverbands, dafür wird die Ausrüstung, zu der schon mehrere Paar Ski gehören, zur Verfügung gestellt. Die Rechnung stellt sich so zusammen: Die Sportmittelschule in Engelberg kostet jährlich 13500 Franken. Joel Lütolf macht den gymnasialen Weg, im Normalfall dauert die Ausbildung vier Jahre. Hinzu kommen Reisen an die Rennen, Übernachtungen bei Trainingslagern, oder auch Abonnemente für verschiedene Skigebiete. Nebst den Schulkosten fallen dadurch nochmals 10000 Franken an. So kommt ein Jahresbetrag von knapp 25000 Franken zusammen.

Der Vater, Banker von Beruf, sagt, er erwarte nicht von Joel, dass er die finanziellen Ausgaben mit Resultaten rechtfertigen müsse. «Der grosse Profit sehe ich darin, dass er lernt, sich selbst zu organisieren. Etwa wenn es um Sponsoring geht, da muss er mit erfahrenen Menschen verhandeln. Das ist rundum eine gute Lebensschule.»

In diesem Frühling wurde Joel, noch 17-jährig, als jüngster Athlet für den C-Kader selektioniert, die tiefste Stufe bei Swiss Ski. Das erste grosse Etappenziel ist erreicht. Für die Eltern verringern sich die Ausgaben beträchtlich. Das Schulgeld und die 3000 Franken Athletenbeitrag beim Skiverband zahlen sie zwar noch, alles andere fällt weg. Auch den zeitraubenden Service am Material muss Joel nicht mehr selbst machen.

Die Skikarriere des mittlerweile 18-Jährigen tangiert die Eltern nicht mehr so sehr wie früher. Sie haben sich eine gewisse Distanz zugelegt und besuchen längst nicht alle Rennen. «Die Gefahr, dass er abhebt, ist gering auf dieser Stufe. Und falls doch, holen wir ihn runter», sagt der Vater und schmunzelt. Die Hektik hat das Elternhaus in Sempach verlassen.

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