Tennis

Wawrinka im Duell gegen Japans flinkste Beine

Stan Wawrinka setzt sich gegen Publikumsliebling del Potro durch – nun wartet mit dem Japaner Kei Nishikori einer der Überflieger des Jahres.

Petra Philippsen, New York
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Der Japaner Kei Nishikori greift am US Open wie Stan Wawrinka nach den Sternen.

Der Japaner Kei Nishikori greift am US Open wie Stan Wawrinka nach den Sternen.

Keystone

Es war bereits halb zwei Uhr am frühen Donnerstagmorgen, doch gut 20 000 Fans im Arthur Ashe Stadium hatten noch ausgeharrt. Und nun, da Juan Martín del Potro in diesem Viertelfinal am US Open vor dem K.o. stand, brandeten noch einmal besonders euphorisch die «Delpo, Delpo»-Gesänge auf. Der Argentinier war tief bewegt. «Mir fehlen die Worte. Ich kann dieses Match verlieren, aber das werde ich nie vergessen», sagte del Potro.

Stan Wawrinka hatte ihn mit 7:6, 4:6, 6:3 und 6:2 bezwungen und war den Fans auch gar nicht böse, dass sie del Potro ein bisschen mehr unterstützt hatten. «Das ist doch klar, er ist ein grossartiger Champion, hat hier 2009 gewonnen», sagt Wawrinka, «und nach dem ganzen Verletzungspech, das er hatte, freuen sich natürlich alle, dass er wieder zurück ist.» Del Potros furioses Comeback nach drei Handgelenksoperationen hatte alle verblüfft, ihn selbst am meisten. Schon der Silbermedaillengewinn bei den Spielen in Rio war mitreissend gewesen, doch gegen Wawrinka ging dem 27-jährigen «Turm aus Tandil» schliesslich die Puste aus.

Wawrinkas Taktikumstellung

Und Wawrinka hatte diesen Match taktisch clever für sich entschieden und sich mit dem dritten Halbfinal in Flushing Meadows belohnt. Dort trifft die Nummer drei der Welt aber nicht auf Wimbledonsieger Andy Murray, sondern auf den Japaner Kei Nishikori, die Nummer sieben. «Auch wenn ich schon zwei Grand Slams gewonnen habe, bleibt ein Halbfinal immer noch besonders für mich», freute sich Wawrinka.

Zwei Stunden lang spielten sie auf Augenhöhe, der Verlust des zweiten Satzes brachte den 31 Jahre alten Lausanner dann aus dem Konzept. Doch Wawrinka fing sich, stellte seine Taktik um: «Ich habe versucht, längere Ballwechsel zu spielen, ihn zum Laufen zu bringen und das Spiel zu diktieren.» Und dabei del Potros noch anfällige Rückhand mehr zu attackieren. Im dritten Satz gelang Wawrinka das entscheidende Break zum 5:3 – die Partie war gedreht. Und sofort ging seine Geste wieder in Richtung seines Trainers Magnus Norman, das Tippen mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Wawrinkas mentale Stärke hatte erneut gesiegt.

Nishikori, die Sport-Ikone

Und Wawrinka wird sie auch heute für sein Duell mit Nishikori benötigen.

 Ein Bild der beiden Kontrahenten an den Australian Open vergangenene Jahres.

Ein Bild der beiden Kontrahenten an den Australian Open vergangenene Jahres.

Keystone

Denn Murray hatte seine Contenance im Viertelfinal verloren. Erst brachte ihn eine kurze Regenpause raus und Nishikori ins Match. Im dritten Spiel des vierten Satzes hatte der Brite dann einen Breakball, als eine Fehlfunktion der Tonanlage im Stadion einen lauten Gong ertönen liess. Murray regte sich darüber so erbittert auf, dass er bis zum 0:2 im fünften Satz sieben Spiele in Folge abgab und schliesslich auch den Match.

«Es war eng, aber ich habe meine kleine Chance genutzt, das ganze Ding zu gewinnen, weil ich ruhig geblieben bin», sagte Nishikori. Vor zwei Jahren hätte er am US Open beinahe schon mal das «ganze Ding» gewonnen. Nishikori unterlag zwar im Finale Marin Cilic, doch seither gilt der bloss 1,78m grosse Shootingstar aus Shimane als potenzieller Grand-Slam-Sieger und Herausforderer von Federer und Co. In seiner Heimat ist Nishikori längst nationales Aushängeschild. Eine Sport-Ikone, wie ein Popstar von den Massen gefeiert.

 Ein Anzeichen von Nishikoris Beliebtheit: Japanische Fans im Stadion.

Ein Anzeichen von Nishikoris Beliebtheit: Japanische Fans im Stadion.

Keystone

Im letzten Jahr verdiente Nishikori allein durch Werbung 13 Millionen Euro. Und sollte der Japaner die US Open gewinnen, würde ihm ein historisches Preisgeld von 3,5 Millionen Dollar plus eine Million Dollar als Bonus für den erfolgreichsten Hartplatzsommer winken.

Und auf diesem Belag fühlt sich Nishikori am wohlsten. Schon mit 13 Jahren wurde er vom tennisverrückten Sony-Gründer Masaaki Morita in dessen Förderprogramm aufgenommen und auf die Akademie von Trainer-Guru Nick Bollettieri nach Bradenton in Florida geschickt. Das Zuhause und vor allem die Eltern so früh zu verlassen, fiel Nishikori jedoch schwer. Er ist ein eher sensibler Mensch, sehr zurückhaltend.

Doch er musste sich im harten Drill des Trainingscamps zwischen hungrigen Konkurrenten aus 132 Nationen durchbeissen. Er sprach kein Wort Englisch, weinte sich in den ersten zwei Jahren oft in den Schlaf. Doch Bollettieri erkannte früh das Besondere in ihm. Auch wenn er eigentlich etwas zu klein war, um ein Grosser zu werden. Doch der immense Wille und sein Kämpferherz beeindruckten ihn. Und der Erfolg kam schnell: Mit 18 Jahren gewann Nishikori bei seinem ersten ATP-Turnier in Delray Beach als Qualifikant auf Anhieb den Titel.

Fitness als grosse Schwäche

Seine grössten Waffen sind der Return und seine wieselflinken Beine. Er beherrscht dabei aussergewöhnlich gut den extrem schnellen Richtungswechsel, der ihm bei langen Grundlinienduellen einen wichtigen Vorteil verschafft. Der Aufschlag ist noch eine Baustelle, an der Nishikori fleissig tüftelt. Genau wie an seiner Fitness. Denn das war lange die Krux: Er war ständig verletzt. «Das bedauere ich wirklich an meiner Karriere», sagt er, «gerade zu Beginn als Profi hatte ich ständig etwas und habe viel verpasst.»

Seit Michael Chang Anfang 2014 das Traineramt übernahm, wird Nishikori physisch stetig stabiler. «Wir mussten ihn zuletzt noch mehr dabei pushen», sagte Chang, «aber nur so legen wir das Fundament, dass sich Kei nicht mehr so oft verletzt. Sein körperliches Level ist mindestens 50 Prozent stärker als noch vor zwei Jahren.» Doch selbst damals hatte Wawrinka im Viertelfinal am US Open gegen Nishikori in einem wahren Marathon das Nachsehen gehabt.

«Es wird wieder ein sehr hartes Match werden, das steht fest», sagt Wawrinka, «er war sehr stark gegen Andy, hat mich hier 2014 geschlagen und zuletzt in Toronto. Dafür war ich in Australien besser. Wir werden sehen, auch wer körperlich besser drauf ist.» Vor Turnierstart hatte Wawrinka noch mit Rückenbeschwerden zu kämpfen, liess sich gegen del Potro kurz am rechten Oberschenkel behandeln. Doch der Lausanner gab Entwarnung: «Ich bin bereit für den Match gegen Kei.»