Weil Sport im Tessin nun verboten ist: Die Eishockey-Saison ist aus, die Lage ernst

Am Donnerstag wird das vorzeitige Ende der Eishockey-Meisterschaft verkündet. Ein 200 Millionen-Business wird gestoppt.

Klaus Zaugg
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Das Maskottchen des HC Lugano auf der leeren Zuschauertribüne.

Das Maskottchen des HC Lugano auf der leeren Zuschauertribüne.

Samuel Golay / KEYSTONE

«Bitte zitieren Sie mich nicht». Diesen Satz hört der Chronist am späten Mittwochnachmittag immer wieder. Und anschliessend wird ihm bereitwillig Auskunft erteilt. Die Meinungen sind gemacht, von Zürich bis Bern und hinauf in die Büros der Liga-Führung: nach einer Telefonkonferenz der Klubvertreter, die auf Donnerstag 9 Uhr angesetzt ist, wird am Nachmittag offiziell das Ende der Meisterschaft für die beiden höchsten Ligen verkündet. Erstmals seit 1940 (Kriegsmobilmachung) wird es keinen Meister geben – es sei denn, die Klubvertreter beschliessen, den Qualifikationssieger (ZSC Lions) als Meister auszurufen.

Die Anordnung der kantonalen Behörden im Tessin, alle sportlichen Aktivitäten mit mehr als einer Person bis zum 29. März zu verbieten, hat das Ende herbeigeführt: Ambri und Lugano können nicht mehr trainieren und spielen. Beide sind noch in der Meisterschaft engagiert. Lugano im Playoff-Viertelfinale gegen die ZSC Lions. Ambri spielt in der Klassierungsrunde gegen den SC Bern, die SCL Tigers und Rapperswil-Jona um den Ligaerhalt.

Warum sich weder Ligadirektor Denis Vaucher noch die Klubmanager zitieren lassen, hat einen Grund: die Eishockey-Meisterschaft ist nicht einfach eine Leibesübung für junge Männer. Sie ist ein hoch komplexes Geschäft. Die National League setzt im Jahr etwas mehr als 200 Millionen Franken um. Finanziert wird das Spektakel zu weniger als einem Drittel durch die Zuschauer. Den grösseren Teil der Einnahmen kommen von Werbepartnern und von TV-Anstalten. Die Klubs sind vertraglich dazu verpflichtet, 50 Qualifikationspartien plus die Playoffs und die Spiele um den Liga-Erhalt durchzuführen. Dafür zahlt alleine der Kabelnetzbetreiber UPC als Besitzer des Sportsenders «MySports» pro Jahr etwas mehr als 30 Millionen Franken. Die Klubs sind nur dann aus dem Schneider und der Haftung entlassen, wenn sie durch höhere Gewalt (wie behördliche Anordnungen) daran gehindert werden zu spielen.

Eismieten erlassen, auf Prämien verzichten

Der Abbruch der Meisterschaft kann also nur erfolgen, wenn diese behördlichen Anordnungen juristisch wasserdicht, also schriftlich vorliegen. Das war am Mittwoch noch nicht der Fall. Also durfte noch kein Klub- oder Ligavertreter sagen, die Meisterschaft sei beendet. Wenn so viel Geld im Spiel ist, wird im besten Wortsinn jedes Wort auf die Gold- bzw. Geldwaage gelegt.

Können die Klubs das vorzeitige Ende des Championats finanziell verkraften? Ja. Aber eine Dramatisierung der Lage ist zu erwarten. Vielleicht gelingt es ja da und dort, Rabatte einzuhandeln. Etwa indem die Spieler freiwillig auf Prämien verzichten (was die Bieler schon getan haben). Oder den Klubs werden Forderungen (wie etwa Eismieten) erlassen. Je dramatischer die Lage, desto höher die Bereitschaft, den Klubs entgegenzukommen. Die ausstehenden Spielerlöhne für den März und den April können übrigens nicht über die Arbeitslosenkasse abgerechnet werden: die Spieler haben Zeitverträge. Auch Kurzarbeit ist nicht möglich. Die Verluste sind zu verkraften. UPC wird kein juristisches Schlupfloch finden, um die TV-Gelder zu kürzen oder gar aus dem noch zwei Jahre laufenden Vertrag auszusteigen. Im Mai sollte das Vertrauen in einen geordneten Meisterschaftsbetrieb für die kommende Saison wieder soweit gefestigt sein, dass mit dem Verkauf der Dauerkarten begonnen werden kann.

Aber halt! Da ist doch ab dem 8. Mai noch die Eishockey-WM in Zürich und Lausanne. IIHF-Präsident René Fasel sagt, spätestens am 15. April werde entschieden, ob die WM durchgeführt werden kann. Und verspricht: wird die WM abgesagt, werden alle, die schon Tickets gekauft haben, ihr Geld zurückerhalten. Dass wenigstens die WM stattfinden wird, glauben die, die nicht zitiert werden möchten, nicht mehr.

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