Dominique Aegerter

Dominique Aegerter: «Ich fahre Vollgas weiter»

Nach der Tragödie um Shoya Tomizawa beim Motorrad-GP von San Marino kehrt der Alltag langsam zurück. Tomizawas Schweizer Teamkollege Dominique Aegerter fährt weiter wie bisher.

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Solothurner Zeitung

Klaus Zaugg

Nun mahlen noch die Mühlen des Gesetzes. Nach dem tödlichen Unfall des 19-jährigen Tomizawa im Moto-2-Rennen in Misano hat die Staatsanwaltschaft eine Obduktion angeordnet, die Unglücksmaschine konfisziert und Auskünfte bei direkt in den Unfall verwickelten Fahrern eingeholt. Die ganzen Umstände des Unfalles inklusive Rettungsmassnahmen werden minuziös untersucht.

Es geht letztlich darum festzustellen, ob jemand gegen ein Gesetz verstossen hat, juristisch Schuld trägt und haftbar ist. Es ist das in westlichen Ländern übliche Standardprozedere bei tödlichen Unfällen. Der Sport bewegt sich ja nicht in einem rechtsfreien Raum.

In der Regel kommt es zu keiner Anklage. Die Ausnahme: Beim tödlichen Unfall von Ayrton Senna am 1. Mai 1994 in Imola erhob die italienische Justiz allerdings gegen das Team von Senna – Williams – Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Eine unabhängige Untersuchungskommission hatte technische Mängel am Unfallauto festgestellt: gebrochene Lenksäule.

Am 16. Dezember 1997 endete das Verfahren mit einem Freispruch gegen die beiden Technikchefs. Im Fall von Tomizawa ist nicht mit einer Anklage zu rechnen.

Für die Fahrer hat der Alltag nach dem Drama von Misano wieder begonnen. Die Schockstarre löst sich langsam. Leben mit der tödlichen Gefahr und die Verarbeitung eines solchen Dramas sind im Rennsport nur möglich, wenn die Rückkehr zur Normalität zügig, aber ohne Hast gelingt.

«Du musst weitermachen»

Dominique Aegerter hat mit Shoya Tomizawa seinen gleichaltrigen Teamkollegen und Freund verloren und er sagt jetzt trotzdem oder gerade deswegen: «Ich fahre Vollgas weiter.» Was auf den ersten Blick herzlos tönt, ist bei genauerem Hinhören ein Tribut an seinen tödlich verunglückten Wegbegleiter.

Er sagt nämlich auch: «Es wäre nicht im Sinne von Shoya, wenn ich jetzt aufhören würde.» In diesem Sinne gibt es zwischen den Schicksalsgefährten im Fahrerlager so etwas wie eine stille Übereinkunft: Wenn mir etwas passiert, musst du weitermachen.

Diese Einstellung hat der Poet John McCrea in Worte gefasst: «To you from failing hands we throw the torch. Be yours to hold it high.» Nicht im Zusammenhang mit Rennsport. Sondern während des 1. Weltkrieges auf den Schlachtfeldern von Flandern, aber auch unter dem Bewusstsein der Gegenwart des Todes.

Dieser Umgang mit tödlicher Gefahr unterscheidet den Motorradrennsport fundamental von allen anderen klassischen Sportarten und prägt das Wesen und Wirken der Athleten.

Drama im Kreis der Familie verarbeitet

Aegerter sagt, es gehe ihm jetzt etwas besser, aber die Situation sei nicht einfach. «Ich habe noch nie auf diese Art und Weise einen Freund verloren.» Am Montag ist er mit dem Motorhome von Misano nach Rohrbach heimgekehrt. Er verarbeitet das Drama im Kreis seiner Familie und auch mithilfe seiner Mentaltrainerin Marlies Bernhard, die er schon von Misano aus telefonisch kontaktiert hatte.

Die Frage drängt sich auf: Wird das, was in Misano passiert ist, Auswirkungen auf Aegerters Einstellung zum Motorsport haben? «Nein», sagt er dazu. «Ich fahre genauso wie bisher. Immer mit Vollgas.» Er sei jetzt zum ersten Mal in seiner Rennfahrerkarriere mit dem Tod konfrontiert worden und das habe ihn tief getroffen.

Aber dass etwas passieren könne, dass es eine tödliche Gefahr gebe, das sei ihm immer schon bewusst gewesen.

Anfang nächster Woche geht die Reise mit dem Motorhome zur neuen Rennstrecke von Aragon in Spanien, rund 200 Kilometer landeinwärts von Barcelona. Die Tests, die Fahrwerkhersteller Eskil Suter am Wochenende in Valencia geplant hatte, sind abgesagt worden.