Rio 2016
Ein Blick auf die Schweizer Sportförderung zeigt: Olympiagold wird immer teurer

Gestern wurden die Athletinnen und Athleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro vorgestellt. Doch wie funktioniert eigentlich die finanzielle Unterstützung des Spitzensports in der Schweiz, ohne die olympische Medaillen nahezu unerreichbar blieben?

Rainer Sommerhalder
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Olympisches Gold – so wertvoll, dass nicht alle mit fairen Karten spielen.

Olympisches Gold – so wertvoll, dass nicht alle mit fairen Karten spielen.

KEYSTONE

Erfolg im Sport diente der Politik schon immer als willkommene Propaganda. Das war im Dritten Reich nicht anders als im Kommunismus. Und natürlich gehört es zum Selbstverständnis der Supermacht USA, auch im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele die Nummer 1 zu sein – vor den ewigen Konkurrenten Russland und China.

Immer mehr Länder definieren ihren Nationalstolz über sportliche Topleistung. Olympische Goldmedaillen sind dabei die härteste Währung. Vielen Staaten – vorwiegend mit autokratischen oder totalitären Regierungen – ist kein finanzieller Aufwand gross genug. Wie just in dieser Woche im Fall von Russland ans Licht kam, wenden sie dabei immer wieder mal auch unlautere Methoden an.

Bundesrat will nicht mehr zahlen

Wie kann da die kleine Schweiz dagegenhalten? Sich auf Ausnahmetalente wie Tennisstar Roger Federer verlassen? Sich auf Nischenprodukte im olympischen Programm wie Judo, Fechten oder Rudern konzentrieren? Sich als innovative Forschungsnation einen Know-how-Vorteil erarbeiten?

Aufgebot für Rio: 109 Athleten – 5 Medaillen

109 Athletinnen und Athleten stehen im Schweizer Aufgebot für die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro. Vom grössten Team seit 1996 werden mindestens fünf Medaillen erwartet. Das Ziel scheint verhältnismässig tief angesetzt. In Atlanta vor 20 Jahren (Handball) wie vor vier Jahren in London (total 102/Fussball) waren im Gegensatz zu Rio jeweils auch Mannschaftssportler dabei. Medaillenhoffnungen hat die Schweiz in diversen Disziplinen. Allein die verschiedenen Konstellationen im Tennis mit Einzel, Doppel und Mixed sind ziemlich erfolgversprechend. Zu den potenziellen Kandidaten für einen Podestplatz gehören auch die Mountainbiker Nino Schurter und Jolanda Neff, die Springreiter, die Fechter (beide im Einzel und Team), der Leichtgewichts-Vierer im Rudern oder die Triathletin Nicola Spirig. (sda)

Wenn es nach der bundesrätlichen Botschaft zum neuen Leistungssportkonzept geht, sich vielleicht einfach ins sportliche Réduit zurückzuziehen? Die Landesregierung hat nämlich den dramatischen Aufruf des Schweizer Sports, wonach es zum Erhalt der internationalen Konkurrenzfähigkeit einen finanziellen Mehraufwand benötige, schlicht ignoriert. Nun hoffen der Sport-Dachverband Swiss Olympic und die nationalen Sportverbände aufs Parlament, welches in der Herbstsaison über das Thema debattieren wird.

Die Message des Sports ist klar: Erfolg auf internationaler Bühne setzt einen immer grösseren Aufwand voraus. In den vergangenen Jahren hat die Schweiz an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Bei einer Beibehaltung des derzeitigen Förderniveaus wird sich diese Tendenz verstärken.

Geht es nach den Fachleuten, sollen zusätzliche Mittel in den Leistungssport fliessen. Swiss Olympic fordert anstatt wie bisher 45 Millionen Franken jährlich ansteigend 4 (im Jahr 2018) bis 22 (ab dem Jahr 2028) Millionen Franken mehr.

14'000 Franken Jahreseinkommen

Trotzdem bleibt das Leben im Dienste der olympischen Ringe in der Schweiz mit viel Verzicht verbunden. Rund die Hälfte der Schweizer Spitzensportler verdient weniger als 14'000 Franken im Jahr. Kein Wunder, wurden die 109 in Rio startenden Athleten seit 2015 von der Stiftung Schweizer Sporthilfe mit insgesamt 1,4 Millionen Franken unterstützt.

Wie funktioniert die Förderung des Leistungssports in der Schweiz? Das Bundesamt für Sport (Baspo), der Dachverband Swiss Olympic, die Stiftung Schweizer Sporthilfe und die Kantone arbeiten Hand in Hand. Der Bund schafft primär die Rahmenbedingungen. Das Baspo richtet Subventionen aus, betreibt in Magglingen und in Tenero (Nachwuchs) zwei nationale Leistungszentren und bietet an der Eidgenössischen Hochschule in Magglingen wissenschaftliche und medizinische Unterstützung an.

Immer wichtiger werden die Förderprogramme der Armee. 18 Elitesportler sind als Zeitmilitär beim Bund angestellt, seit 2014 dürfen qualifizierte Athleten bis zu 100 zusätzliche Trainingstage unter der Schirmherrschaft des Militärs als WK bestreiten.

Swiss Olympic unterstützt die 84 angeschlossenen nationalen Sportverbände mit Beiträgen von rund 25 Millionen Franken pro Jahr und führt die Schweizer Olympiadelegation.

Die Sporthilfe hat beim direkten finanziellen Zustupf an Athleten den Lead. Durch sie flossen etwa 2015 4,7 Millionen Franken an rund 850 Top-Athleten.

Auch die Kantone investieren mit eigenen Konzepten in den Sport. Rund 100 Millionen Franken erhalten sie dafür von den Lotteriegesellschaften.

Gelder von Lotterien und Bund

Das Geld, das in den Schweizer Leistungssport fliesst, stammt von zwei grossen «Playern»: Einerseits die Lotteriegesellschaften «Swisslos» und «Loterie Romande», die insgesamt Fördermittel in der jährlichen Höhe von 140 Millionen Franken ausschütten – 35 Millionen davon gehen via Sporthilfe direkt an den Leistungssport, der Rest an die Kantone. Andererseits der Bund, dessen finanzielles Engagement für den Leistungssport 44 Millionen Franken im Jahr beträgt.

Unterstützt werden mit diesen Geldern rund 15'000 Nachwuchs- und Elite-Sportler sowie 2000 Trainer. Über Jugend und Sport werden seit einigen Jahren zudem regionale und nationale Leistungszentren für den Nachwuchs abgegolten.

Das individuelle Fördermodell der Athleten basiert auf den «Cards» von Swiss Olympic. Diese sind der Schlüssel für finanzielle Unterstützung. Und die Sportlerinnen und Sportler mit Card profitieren von diversen Dienstleistungen. So unterstützt Swiss Olympic die Leistungssportler bei der Ausbildung und der Koordination von Sport und Berufskarriere.

Bereits im Nachwuchsalter werden die qualifizierten Athleten mit einer «Talent Card» ausgerüstet. Diese ist Voraussetzung, um bei der Sporthilfe eine Patenschaft (siehe Artikel rechts) zu beantragen. 2015 vermittelte die Sporthilfe 478 solche Patenschaften. Die Nachfrage war beinahe doppelt so gross.

40'000 Franken für Olympiasieg

Bei der Elite unterscheidet man je nach Leistungsausweis zwischen Bronze-, Silber- und Gold-Card. Längst nicht jeder Athlet eines nationalen Kaders erhält die begehrte Karte. Dafür braucht es zumindest einen Platz in den Top 16 bei Weltmeisterschaften.

Die Gold-Karte bekommen nur Medaillengewinner an WM oder Olympischen Spielen. Insgesamt vergab Swiss Olympic im Jahr 2015 536 dieser Cards (davon 78 Gold) für Einzel- und Teamathleten. Cards-Inhaber werden jährlich mit maximal 18'000 Franken von der Sporthilfe unterstützt. Dafür braucht es neben der sportlichen Qualifikation auch einen finanziellen Bedarf.

Dieser ist in Randsportarten zumeist eher gegeben als bei Publikumsdisziplinen. So benötigt Roger Federer selbstverständlich keine Fördergelder der Sporthilfe. Für viele andere Topsportler ist dieser finanzielle Zustupf jedoch überlebenswichtig. Richtig gut verdienen kann man erst als Olympiasieger – auch dank einer Erfolgsprämie der Sporthilfe von 40'000 Franken.

Wir zeigen Ihnen an vier Schweizer Olympioniken, wie diese auf ihrem Weg nach Rio konkret gefördert wurden:

Nino Schurter, Mountainbike

KEYSTONE/EPA AAP/BRIAN CASSEY

Der 30-Jährige aus Chur wurde bereits als Junior von der Sporthilfe mit einer Patenschaft von jährlich 2000 Franken unterstützt. Heute ist er selbst Pate eines Talents. 2004 wurde er zum Schweizer Nachwuchsathlet des Jahres gewählt (Preissumme: 12'000 Franken). Zudem gewann der 30-Jährige 2010 den mit 20'000 Franken dotierten Bündner Sportpreis. Im Verlauf seiner Elite-Karriere profitierte Schurter von verschiedensten Fördergefässen der Sporthilfe und von Swiss Olympic. Heute steht der fünffache Weltmeister finanziell auf eigenen Beinen und wird von der Sporthilfe nicht mehr unterstützt.

Schurter profitierte auch von der Leistungssportförderung der Schweizer Armee. Er absolvierte 2007 die Spitzensport-RS. Ab Oktober 2010 war er von der Armee im Hinblick auf die Olympischen Spiele von London für zwei Jahre als Zeitmilitär mit einem 50%-Pensum angestellt. Insgesamt leistete Schurter in den letzten zehn Jahren 606 Militärdiensttage in der Funktion des Leistungssportlers.

Giulia Steingruber, Kunstturnen

Die 22-Jährige aus Gossau war 2006 das allererste Nachwuchstalent der Schweiz mit einer Patenschaft der Sporthilfe. Später profitierte die Medaillenhoffnung in Rio von Förderbeiträgen der Sporthilfe. Auch sie erhält heute keine finanzielle Unterstützung der Sporthilfe mehr.
Der Kanton St. Gallen übernahm für die Gossauerin das ausserkantonale Schulgeld für die Ausbildung in Biel. Zudem erhielt sie als Card-Inhaberin jährlich 2000 Franken vom Kanton. 2009 war Steingruber St. Galler Nachwuchssportlerin des Jahres, 2012 und 2015 gewann sie die Auszeichnung bei der Elite. Diese Titel sind mit je 5000 Franken dotiert.

Die Unterstützung der Elite-Kunstturner im Schweizerischen Turnverband (STV) ist speziell. Weil die Athletinnen und Athleten sowohl im nationalen Leistungszentrum in Magglingen trainieren wie wohnen, werden sie mit einem Arbeitsvertrag angestellt. Heute erhält Steingruber einen Monatslohn von rund 3000 Franken plus Verpflegung und bei internationalen Medaillengewinnen eine grosszügige Erfolgsprämie.

Benjamin Steffen, Fechten

Keystone

Der 34-Jährige aus Basel wird von der Sporthilfe aktuell mit einem Förderbeitrag von 5000 Franken unterstützt. 2015 erhielt der vierfache Team-Europameister daneben auch einen Sonderbeitrag von 4920 Franken für sein Olympiaprojekt.

Steffen leistete seine militärischen Diensttage im Auftrag des Sports als sogenannte CISM-Wiederholungskurse. Seit 2014 profitiert er von der Möglichkeit der Armee für Elitesportler, jährlich bis zu 100 zusätzliche freiwillige Diensttage für das Training einzusetzen.

Auch der Kanton Basel-Stadt beteiligte sich während Steffens Laufbahn mit Fördergeldern von 2000 Franken jährlich. Zudem stand der dreifache WM-Medaillengewinner sowohl für London wie auch für Rio im «Team Basel4Olympia» und wurde dafür mit jährlich 12'000 Franken subventioniert. Der Kanton beteiligt sich auch an den Reisespesen Steffens bei Wettkämpfen im Ausland.

Jeannine Gmelin, Rudern

KEYSTONE/URS FLUEELER

Die 26-Jährige aus Uster wird als Inhaberin einer Gold-Card von der Sporthilfe mit
18'000 Franken pro Jahr unterstützt. Zudem erhält sie einen Sonderbeitrag von 3375 Franken im Hinblick auf die Spiele in Rio. Jeannine Gmelin absolvierte 2014 auch die Spitzensport-RS. Im Olympiajahr 2016 nutzt sie das volle Kontingent der freiwilligen Dienstzeit aus und trainiert insgesamt 130 Tage als WK-Soldatin.

Vom Kanton Zürich erhielt Gmelin als Inhaberin einer Swiss Olympic Talent Card zusätzlich 1000 Franken jährlich sowie als Elitesportlerin nochmals 25% ihrer jährlichen Sporthilfe-Unterstützung.

Rund 150 Tage im Jahr trainiert Gmelin in Sarnen im nationalen Leistungszentrum. Dort kommt der nationale Ruderverband für Infrastruktur auf und übernimmt die Kosten für den Aufenthalt. Bei Renneinsätzen im Ausland übernimmt er 40% der Reisekosten. (rs)