Kreuzbandriss
Giulia Steingruber zwischen Zweifel und Zuversicht: «Ich bin auch nicht mehr die Jüngste»

Kunstturnerin Giulia Steingruber (24) bricht zwei Monate nach dem Kreuzbandriss und Anriss des Meniskus im linken Knie ihr Schweigen. Sie spricht über die Stunden im Spital, unangenehme Fragen, Ungeduld und ihr Fernziel: die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Simon Häring
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Giulia Steingruber macht sich viele Gedanken über ihre Zukunft nach ihrem Kreuzbandriss.

Giulia Steingruber macht sich viele Gedanken über ihre Zukunft nach ihrem Kreuzbandriss.

KEYSTONE

Sonntag, 8. Juli, 2018, in Saint-Etienne. Nach einer Diagonalen am Boden «chlepft» es im linken Knie von Giulia Steingruber. Diagnose: Kreuzbandriss, Anriss des Meniskus. Mindestens sechs Monate Pause für die Olympia-Dritte im Sprung. Dabei sagt sie, habe sie sich vor dem Rückschlag gerade erst gesagt, sie fühle sich erstmals seit ihrem Eingriff am Fuss Ende 2016 wieder fit. Trotz schwierigen Monaten will Giulia Steingruber aber weitermachen.

Grüsse aus dem Spitalbett: Giulia Steingruber hatte sich im Juli das Kreuzband gerissen

Grüsse aus dem Spitalbett: Giulia Steingruber hatte sich im Juli das Kreuzband gerissen

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Giulia Steingruber, wie geht es Ihnen heute?

Recht gut. Die Physiotherapeuten, die Ärzte, mein Umfeld sind recht zufrieden. Also bin ich es auch. Ich mache viel. Einmal am Tag bin ich in der Halle, um auch mit dem Team zusammen zu sein und damit ich den Oberkörper trainieren kann. Ich bin auf einem guten Weg.

Sie trainieren trotzdem in Magglingen bei den Kollegen. Wie ist das für Sie?

Es ist mir wichtig, hier zu sein. Dass ich das Team unterstützen kann, wenn es etwas braucht. Und mir tut es gut, im gewohnten Umfeld zu sein. Es ist mir wichtig, dass das Team und die Trainer auch wissen, dass ich hier bin. Direkt nach der Operation war ich eine Woche zuhause, um alles etwas setzen zu lassen, mich zu sammeln. Jetzt bin ich aber hier und es tut mir gut.

Wie haben Sie die Wochen nach der Diagnose erlebt?

Ich ging trotzdem ins Krafttraining, obwohl ich an Stöcken gelaufen bin. Das war sicher nicht ganz einfach, aber ich konnte es schnell akzeptieren. Es ging ja auch Schlag auf Schlag weiter. Als ich den Termin für die Operation hatte, war alles klarer. Und wenn es vorwärts geht, wird man selber auch ruhiger. Klar, das ist ein harter Rückschlag, aber ich kann es nicht ändern. Am schwierigsten war die Zeit nach der Operation, als ich sechs Wochen an Krücken ging.

Will weiterturnen: Giulia Steingruber

Will weiterturnen: Giulia Steingruber

KEYSTONE/MARCEL BIERI

Gab es Momente, in denen Sie mit dem Schicksal gehadert haben?

Doch, sicher gab es das. Vor allem im Spital ist alles hochgekommen. Dort hatte ich auch wahnsinnig viel Zeit, nachzudenken. Aber ich denke, das ist ganz normal. Es wäre ja komisch, wenn es nicht so wäre. Das Turnen ist immer noch meine Leidenschaft und ich habe meine Ziele. Es bringt auch nichts, wenn ich mich dauernd frage, wieso das passiert ist.

Haben Sie nie an Rücktritt gedacht?

Nun, das war sicher einmal ein Gedanke. Ich habe dann aber relativ schnell gemerkt, dass ich das Turnen noch nicht lassen kann und den Gedanken dann verworfen. Mit so einem negativen Ereignis will ich nicht aufhören, definitiv nicht. Ich hätte es später enorm bereut, wenn ich es jetzt nicht noch einmal probiert hätte.

Wie sind Sie damit umgegangen, als diese Gedanken kamen?

Für mich war es extrem wichtig, dass ich gleich mit Mentaltraining angefangen habe. Dass ich dieses Gefühl des Wettkampfs nicht vergesse. Das hilft mir extrem.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich lege mich hin, schliesse die Augen und versetze mich dabei in einen Wettkampf, der mir gut gelaufen ist. Mache meine Übungen. Ich habe dabei eine Innen- und eine Aussensicht. Die Aussensicht ist, wie wenn ich ein Video von mir sehen würde. Die Innenansicht ist, wie ich die Hände auf den Sprungtisch setze, was sehe ich. Ich bin dann für mich alleine, ohne Musik.

Sie können ein Jahr keine Wettkämpfe bestreiten, wie gehen Sie damit um?

Sehr schwierig. Ich muss irgendwie die Motivation hochhalten. Vor allem jetzt, wenn die anderen wieder Wettkämpfe turnen können und ich daneben stehe. Aber ich muss Schritt für Schritt nehmen. Und je mehr ich machen darf, desto besser wird es dann auch wieder mit der Geduld. Es ist einfach wichtig, dass es vorwärts geht.

Giulia Steingruber vor einem Jahr an den Weltmeisterschaften in Montreal epa06249414 Giulia Steingruber of Switzerland competes in the Floor Exercise discipline of the Women's All-Around Finals at the FIG Artistic Gymnastics World Championships in Montreal, Canada, 06 October 2017. EPA/CJ GUNTHER

Giulia Steingruber vor einem Jahr an den Weltmeisterschaften in Montreal epa06249414 Giulia Steingruber of Switzerland competes in the Floor Exercise discipline of the Women's All-Around Finals at the FIG Artistic Gymnastics World Championships in Montreal, Canada, 06 October 2017. EPA/CJ GUNTHER

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Was sind die nächsten Schritte?

In zwei Wochen habe ich eine Kontrolle beim Chirurgen. Dort hoffe ich, dass ich grünes Licht erhalte, um Kleinigkeiten an den Geräten mach zu können: über den Balken laufen, Schwingen am Barren. Ich muss langsam anfangen und Geduld haben. Im Januar sollte ich wieder mit den Sprüngen anfangen können. Und im April sollte ich wieder voll trainieren können. Das sind die kleinen Ziele. Bei der WM möchte ich mit dem Niveau turnen, das ich vorher hatte. Und das langfristige Ziel sind natürlich die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Haben Sie Zweifel, ob Sie ihr altes Niveau wieder erreichen?

Es geht mir in erster Linie darum, ins Turnen zurückzukommen. Ob ich das Niveau wieder erreiche? Das weiss ich einfach nicht. Wovor ich enorm Respekt habe, sind die Landungen, obwohl ich weiss, dass mein Knie hält. Aber ich weiss auch, dass ich im Turnen nicht mehr die Jüngste bin. Der Respekt wird immer grösser. Aber ich habe noch viel Zeit.

Ihr Leben ist derzeit ein anderes, sehen Sie darin auch etwas Positives?

Ich habe mehr Zeit für die Schule (lacht). Was sicher nicht schlecht ist, weil im Februar schon Abschlussprüfungen für die Matura anstehen. Jetzt kann ich mich dort mehr reinknien. Ich denke auch, dass es meinem Körper auch gut getan hat, etwas runterzufahren. Ich versuche nun, das Positive rauszupicken und mich an dem festzuhalten.

Sie hatten seit den Olympischen Spielen Pech mit Verletzungen. Denken Sie, das war auch die Folge der Belastungen über die Jahre hinweg, oder war das Zufall?

Nun, ich wusste, dass ich den Fuss irgendwann operieren lassen muss. Mit Rio und den beiden Stürzen am Boden war klar, dass ich es jetzt machen muss, weil es so nicht weitergeht. Ich würde schon sagen, dass es einfach Pech war vor allem auch jetzt mit dem Knie. Andererseits war die Belastung in den letzten Monaten gross: Hundert Prozent Schule und hundert Prozent Training. Ich war zum Teil ziemlich am Limit. Manchmal reagiert der Körper eben darauf. Aber ich hätte auch die Treppe runterfallen können. Es ist einfach dumm gelaufen.

Sie waren am vergangenen Wochenende als Zuschauerin an den Schweizer Meisterschaften. Wie war das für Sie?

Nicht so einfach. Viele verstehen nicht, wie lange es nach einer solchen Verletzung geht, bis man wieder turnen kann. Man sieht nicht, dass ich verletzt bin. Dass ich gefragt werde, ob es noch nicht gehe, damit habe ich fast am meisten Mühe. Das ist manchmal etwas unangenehm.

2021 finden die Europameisterschaften in Basel statt. Ein Fernziel?

Das ist noch sehr weit weg. Ich denke in Zyklen von vier Jahren. Es wäre schön, wenn ich dabei bin, aber das kann ich jetzt wirklich noch nicht sagen.

Giulia Steingruber an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im Jahr 2016.

Giulia Steingruber an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im Jahr 2016.

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