Rio 2016
Welche Spiele dürfen wir in Rio erwarten? Charmante, andere Spiele - und das ist gut so

Rio de Janeiro unterscheidet sich grundsätzlich von den letzten Spielen in Athen (2004), Peking (2008) und London (2012). Weil sich Rio nicht den Spielen anpasst. Die Spiele müssen sich Rio anpassen.

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro
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Sebastian Reichenbach (l.) und Steve Morabito zeigen wie es in Rio funktioniert: mit viel Gelassenheit und Ruhe

Sebastian Reichenbach (l.) und Steve Morabito zeigen wie es in Rio funktioniert: mit viel Gelassenheit und Ruhe

Keystone

Als die Spiele nach Athen kamen, flohen die Einwohner aus der Stadt, das Verkehrschaos blieb aus und Athen gehörteOlympia. In Peking schuf ein autoritäres Regime eine olympische Parallelwelt, eine perfekte Organisation. Mit dem wahren Leben Chinas kamen die Besucherinnen und Besucher nicht in Kontakt.

Und wer es doch versuchte, scheiterte an einer unüberwindbaren Sprachbarriere. London war sozusagen das Gegenstück zu Peking. Mit einer sehr gut ausgebauten Infrastruktur (Nahverkehr) wurden die Spiele in die Stadt integriert und das Leben ging neben dem olympischen Spektakel seinen gewohnten Gang.

Aber Rio, das zeichnet sich schon früh ab, wird anders. Perfekt, oder nahezu perfekt wie in Athen, Peking und London werden diese Spiele nicht sein. Aber sie werden lebendiger, vitaler, ein bisschen chaotisch und so letztlich schöner sein. Die olympischen Weltreisenden erwarten inzwischen – verwöhnt von den letzten Austragungen – den funktionierenden «Sofortismus» des Westens. Doch den gibt es in Rio nicht. Zum Glück. Rio lehrt die olympische Familie wieder ein bisschen Geduld.

Der Alltag geht weiter

Das Leben in dieser Stadt hält nicht inne, pausiert nicht wegen der Spiele. Wer hier ist, muss sich anpassen. Das wirkt sich beispielsweise auf den Transport, den «Blutkreislauf» aller Spiele, aus. Wie schnell und wie zuverlässig nach Fahrplan gelangen die Mitglieder der olympischen Familie von Ort zu Ort, vom Hotel oder vom olympischen Dorf zu den Wettkampfplätzen? Weil das Risiko, im Verkehr stecken zu bleiben, vor Wettkämpfen zu gross ist, verfügen beispielsweise die Schweizer Ruderer nebst den Unterkünften im olympischen Dorf auch über ein angemietetes Appartement gleich neben dem Wettkampfort. Weil die Anfahrt mit dem offiziellen Bus schon mal anderthalb statt die geplante halbe Stunde dauern kann.

Alleine die Lage der Stadt, die langgestreckt zwischen Meer und Hügeln liegt und den Verkehr auf wenige Hauptachsen zwingt, macht eine Autofahrt zu einer Geduldsprobe. Trotz einer Fahrspur, die ausschliesslich für die olympische Familie bestimmt ist. Die Improvisation hat in vielen Bereichen das Primat über die Organisation, der Charme über die Professionalität, die Lebensfreude über das calvinistische Arbeitsethos übernommen. Geduld wird zur geschätzten Tugend. Die melodiöse portugiesische Sprache, so etwas wie Spanisch ohne Knochen, hilft dem gestressten Fremden, sich zu beruhigen.