Vermarktungsexperte Pirzer zum Lauberhorn-Drama: All den Lokalfürsten fehlt der Blick aufs Ganze

Sportvermarkter Christian Pirzer versteht beide Ski-Streithähne im Poker um die Zukunft der Lauberhorn-Rennen und fordert gerade deshalb einen neuen Ansatz beim Verteilkampf um TV-Gelder.

Rainer Sommerhalder
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Der Sprung über den jungfräulich werbefreien Hundschopf wird am Lauberhorn bald der Vergangenheit angehören.

Der Sprung über den jungfräulich werbefreien Hundschopf wird am Lauberhorn bald der Vergangenheit angehören.

Bild: Keystone (Wengen, 19.Januar 2019)

Ihm macht niemand etwas vor. Der Bayer Christian Pirzer ist seit 30 Jahren im Sportmarketing tätig. Er hat für Marc Biver und mit ihm bei IMG gearbeitet. Er hat 2008 die Marketing-AG des internationalen Skiverbandes (FIS) gegründet, zwischen 2011 und 2017 die Vermarktung von acht Ski-Weltmeisterschaften verantwortet und zu Beginn der Nullerjahre auch beim Marketing der Lauberhornrennen mitgewirkt. Pirzer sagt: «Die Zusammenarbeit mit dem Wengen-OK war nie einfach.» Trotzdem hat er Verständnis für die Forderungen der Berner Oberländer. Er kann den Argumenten beider Streithähne – Swiss-Ski und Lauberhorn-OK – etwas abgewinnen. «Urs Lehmann hat genau so recht wie Urs Näpflin.» Nur strahle ein solcher Machtkampf unschöne Signale an die gesamte Branche aus.

Der Inhaber der Agentur «Tridem Sports», bei der etwa Dario Cologna unter Vertrag steht, sagt: «Ein Rennen wie Wengen darf nie sterben. Wer dies riskiert, ist sehr schlecht beraten.» Pirzer weiss, dass Diskussionen wie aktuell ums Lauberhorn auch anderswo geführt werden, nur nicht derart offensiv und medienwirksam. «Bis auf Kitzbühel kämpfen im Grunde alle Skirennen mit finanziellen Problemen. Selbst die Veranstalter eines Erfolgsprodukts wie den Skispringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf oder Garmisch beklagen sich, dass der Deutsche Skiverband über die Gelder der Marketing- und TV-Verträge verfügen kann.

Zentrale Vermarktung und weniger Veranstalter

Deshalb plädiert der 53-Jährige für einen neuen Blickwinkel. Er ist überzeugt, dass eine zentrale Vermarktung durch die FIS die Lösung sei – so wie es die Uefa mit der Champions League vorzeigt. «Ein solcher Systemwechsel generiert einen finanziellen Mehrwert für alle Beteiligten», glaubt Pirzer. Einen Verteilkampf der Gelder fürchtet er nicht. Man könne heutzutage den Marktwert jeder Veranstaltung genau messen.

Aktuell vermarktet jeder Landesverband seine eigenen Rennen und koordiniert dies mit den Veranstaltern. Für Pirzer ein viel zu grosser Reibungsverlust. «Es sind sehr viele Lokalfürsten am Wirken. Die denken nur an ihre kleinen Puzzleteile, aber niemand betrachtet aktuell das Gesamtprodukt Ski-Weltcup.» Der Deutsche ist auch der Meinung, dass es zu viele Rennen im Weltcupkalender gebe. «Wenn 18 von 20 Veranstalter defizitär sind, muss man doch betriebswirtschaftlich reagieren.» Sein Vorschlag: mehr Renntage an weniger Destinationen und dadurch massive Einsparungen bei der Infrastruktur. Leider lasse die aktuelle Rechtssituation keine Reform und eine zentrale Vermarktung zu. Pirzer hofft, dass der neue FIS-Präsident den Mehrwert erkennt und Reformen in Angriff nimmt. Präsidentschaftskandidat Urs Lehmann zumindest ist für die Problematik sensibilisiert.

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