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Der Chef Spitzensport vor der Turn-WM: «Steingruber und Kaeslin täuschen darüber hinweg, dass es im Nachwuchsbereich eine grosse Baustelle gibt»

Das Kunstturnteam der Frauen ist aufgrund von Verletzungen geschwächt. Doch das ist nicht das einzige Problem. Es fehlt der Nachwuchs.
Raya Badraun aus Magglingen
Anny Wu trat in diesem Jahr an der EM an – als Ersatz für eine verletzte Kollegin. Auch an der WM ist sie nun dabei. Bild: Imago Images

Anny Wu trat in diesem Jahr an der EM an – als Ersatz für eine verletzte Kollegin. Auch an der WM ist sie nun dabei. Bild: Imago Images

Es war eine kurze Meldung Ende März. «Leonie Meier erlitt Kreuzbandriss», hiess es da. Für die Aargauerin bedeutete es das Saisonende, für das Schweizer Frauenteam ein herber Verlust so kurz vor der EM.

Anny Wu hingegen freute sich. Nicht über die Verletzung der Teamkollegin, das nicht. Aber der Ausfall bedeutete für die 16-Jährige, die nur im erweiterten Nationalkader ist, die Chance, sich international zu präsentieren. Diese wollte sie sich nicht nehmen lassen – auch nicht von Schmerzen im Schienbein. «Zähne zusammenbeissen», sagte sie sich.

Während des Wettkampfes im polnischen Stettin konnte sie ­alles ausblenden – neben dem Platz weniger. Nach der EM ging Anny Wu schliesslich zur Kon­trolle und liess ein MRI machen. Dieses offenbarte Risse im Knochen und eine entzündete Knochenhaut. Sechs Wochen lang durfte die Aargauerin daraufhin nur am Stufenbarren trainieren.

Grosse Baustelle im Nachwuchsbereich

Felix Stingelin, Chef Leistungssport beim Schweizer Turnverband. (Bild: Dominic Favre/Keystone)

Felix Stingelin, Chef Leistungssport beim Schweizer Turnverband. (Bild: Dominic Favre/Keystone)

Die Geschichte von Anny Wu steht sinnbildlich für die Situation im Schweizer Frauenturnen. Zurzeit sind viele Athletinnen verletzt. Dadurch gebe es im Team weniger Konkurrenzkampf und weniger Auswahl für die Grossanlässe, sagt Felix Stingelin, der Chef Spitzensport im nationalen Turnverband. Er sagt:

«Der Cheftrainer steht zudem vor dem Problem, dass er keine weitere Turnerin verlieren will. So ist er zurückhaltender, etwa beim Einbauen von Schwierigkeiten.»

An der WM in Stuttgart, die am Freitag mit der Qualifikation der Frauen beginnt, ist Anny Wu wieder dabei. Die EM habe ihr einen Motivationsschub gegeben, sagt sie. In Stuttgart wollen sich die Frauen um Giulia Steingruber als Team für die Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Sommer qualifizieren. Dafür müssen sie einen Platz unter den ersten zwölf erreichen. «Das wird schwierig werden», sagt Stingelin. «Doch man muss hohe Ziele haben im Spitzensport und darf auch ein bisschen träumen. Schliesslich ist Olympia für viele ein grosser Traum.» Auch Anny Wu träumt von Sommerspielen und nennt 2024 in Paris als Ziel. Einfacher wird es dann jedoch nicht. Denn das Problem im Frauenteam löst sich nicht auf, sobald die Verletzungen verheilt und die Turnerinnen wieder an Wettkämpfe reisen können. Es ist viel grösser und weitreichender.

Fällt bei den Männern einer aus, springt ein anderer ein

Das sieht man, wenn man das Frauen- mit dem Männerteam vergleicht. Dieses besteht aus zahlreichen starken und erfahrenen Turnern. Oliver Hegi gewann bisher vier EM-Medaillen, Pablo Brägger und Christian Baumann je drei. Auch andere standen bereits im Final und hatten Medaillenchancen. Klar gibt es auch bei den Männern Verletzungen. Doch fällt einer aus, springt ein anderer ein.

Bei den Frauen hingegen stachen seit 2008 nur zwei Namen heraus: Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber. «Sie sind absolute Glücksfälle», sagt Stingelin. Und weiter: «Doch sie täuschen darüber hinweg, dass es im Nachwuchsbereich eine grosse Baustelle gibt.» Er meint damit das zu tiefe Leistungsniveau bei den Juniorinnen. «Es fehlt nicht nur an Schwierigkeitswerten, sondern auch an Grundlagen aus der Basisausbildung», sagte er in diesem Jahr bereits zur NZZ.

Das Problem wird wohl in den kommenden Jahren sichtbar werden. Dann nämlich, wenn Steingruber ihren Rücktritt gibt und es damit zu einem Generationenwechsel kommt. Stingelin sagt:

«Eine einfache Lösung gibt es nicht.»

Auch weil das Problem so vielschichtig ist und weit unten beginnt. So gebe es etwa auf der Stufe der Regionalen Leistungszentren (RLZ) grosse Unterschiede beim Niveau der Trainer. Die Buben werden teilweise von Koryphäen trainiert, bei den Mädchen fehlen solche.

Auch bei der Zusammenarbeit zwischen den Vereinen und den RLZ bestünden Probleme. So sehen sich manche Vereine nicht als Zulieferer und wollen ihre Talente lieber behalten. Und dann gebe es auch Verantwortliche in den RLZ, die nicht mit den Vereinen zusammenarbeiten. «Bei den Männern funktionieren diese Strukturen viel besser», so Stingelin.

«Bis sich das auszahlt, dauert es Jahre»

Der Verband versuche Einfluss zu nehmen, etwa bei der Trainerausbildung, sagt Stingelin. «Bis sich das auszahlt, dauert es jedoch mehrere Jahre.» Daneben warten weitere Stolpersteine. Mädchen müssen etwa früher nach Magglingen als Buben, trainieren früher hohe Umfänge. «Nicht alle sind bereit, das mitzumachen», sagt der Chef Spitzensport Stingelin. Manche hören auch auf, wenn die Karriere nach der Juniorenzeit stocke. Denn bei den Frauen erfolge der Übergang zu den Seniorinnen früher. «Möglicherweise sind die Turnerinnen dann noch weniger gefestigt», sagt er.

So kommt es vor, dass Talente aufhören, bevor ihre Karriere richtig begonnen hat. Vergangene Woche gab Lynn Genhart ihren Rücktritt. Das Trainingsumfeld sei nicht das richtige gewesen, die Chemie habe nicht gestimmt, schrieb sie in einer Mitteilung. «Wir bedauern das sehr», sagt Stingelin. Er hofft, dass es beim Nachwuchs einzelne geben wird, die es trotzdem schaffen. Das Problem lösen diese Turnerinnen jedoch nicht. «Es ist ein weiter Weg vom Finden der Schwäche zur Strategie und der Umsetzung», sagt Stingelin. Die Tage der Podestplätze ist damit vorerst wohl gezählt.

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