Wenn er gereizt ist, gewinnt er

Schon am Sonntag (SRF zwei, 20.10 Uhr) in Austin kann sich Lewis Hamilton zum fünften Mal zum Formel-1-Weltmeister krönen. Vom erhofften Zweikampf mit Sebastian Vettel ist nichts mehr übrig.

Sascha Reuter
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Lewis Hamilton nach seinem Sieg beim Grossen Preis von Japan. (Bild: Diego Azubel/Keystone (Suzuka, 7. Oktober 2018)

Lewis Hamilton nach seinem Sieg beim Grossen Preis von Japan. (Bild: Diego Azubel/Keystone (Suzuka, 7. Oktober 2018)

Egal ob in Schanghai, New York oder Tokyo: Lewis Hamilton strahlt, wie ein kleiner Junge, der zu Weihnachten das sehnlichst gewünschte Spielzeugauto auspackt. Kein Wunder, schliesslich präsentiert er etwas, in das er seit Monaten sein ganzes Herzblut hineinsteckt – seine Modelinie TommyXLewis. Bei all dem Trubel um Hamiltons Nebenjob rückt schon fast sein eigentliches Metier in den Hintergrund: das Rennfahren. Es wirkt so, als wäre der Brite eher nebenbei auf dem Weg zum fünffachen Weltmeister. Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob der 33-Jährige Weltmeister wird. Sondern nur noch, wann. Vier Rennen vor Schluss thront Hamilton mit 331 Punkten einsam an der Spitze des Feldes, sein grösster Rivale Vettel kommt auf 264 Zähler. Bedeutet: Wenn Hamilton am Sonntag acht Punkte mehr holt als der Deutsche, ist er Weltmeister.

Natürlich: Der Brite ging mit seinem Mercedes als Favorit in die Saison – aber lange Zeit war ihm Sebastian Vettel im Ferrari mindestens ebenbürtig. Ein WM-Kampf, der Hamilton offenkundig motivierte: «Es war sicher das am meisten herausfordernde Jahr mit einem anderen viermaligen Weltmeister als Gegner. Es steht mehr auf dem Spiel als je zuvor, und der Pott in der Mitte des Tisches wird verteilt an denjenigen, der am besten spielt und die Risiken am besten abwägt.»

Taktischer Fehler bringt ihn aus der Fassung

Und zunächst sah es so aus, als sei es nicht der Brite, sondern Vettel, der am Ende jubeln würde. Noch Mitte der Saison, beim neunten Rennen in Österreich, unterlief dem Mercedes-Team während des Rennens ein so grober taktischer Fehler, dass Hamilton völlig in Rage geriet. Strategiechef James Vowles sah sich sogar dazu genötigt, sich umgehend persönlich über Funk zu entschuldigen. Kurz darauf schied Hamilton auch noch aus, was die Laune aller Beteiligten nicht zwingend verbesserte. Plötzlich war der Titelverteidiger nur noch WM-Zweiter, im vermeintlich unter­legenen Auto unterwegs.

Doch genau diese Situation scheint der Knackpunkt der Saison gewesen zu sein. Während der Brite vor einigen Jahren noch im Ruf stand, nur unter idealen Bedingungen Bestleistungen bringen zu können, läuft er mittlerweile genau dann zur Hochform auf, wenn ihn jemand reizt. Hamilton wirkt in solchen Momenten wie ein Zehnjähriger, dem die grossen Jungs gerade erklärt haben, dass er noch zu klein zum Mitspielen sei – und der nur noch ein Ziel kennt: Euch zeige ich’s! Erst kürzlich erklärte er: «Ich liebe es zu kämpfen. Am liebsten hätte ich noch mehr Rad-an-Rad-Duelle. Zu sehen, wer zuerst einknickt, ist die ultimative Herausforderung. Die mentale Stabilität unter Druck. Ich mag das.»

Die folgenden Ergebnisse lassen keine Zweifel an dieser Aussage zu. In den acht Rennen nach Österreich holte der Brite sechs Siege und zwei zweite Plätze. Die Bilanz eines Dominators. Und das nicht, weil er im überlegenen Auto sitzt. Sondern einzig und allein, weil er der überlegene Rennfahrer ist.

Nur noch Schumacher hat mehr Titel

Während Vettel immer wieder durch eigene Fehler Punkte liegen liess, trumpfte der 33-Jährige auf. Auch dann, als es niemand erwartete. Beispiel Singapur vor gut einem Monat. Ferrari reiste als klarer Favorit an, Pole-Position und Sieg schienen im Vorfeld sicher. Dann kam Hamilton, gereizt durch die Aussenseiterrolle. Erst fuhr er in der Qualifikation «die wohl beste Runde, an die ich mich erinnern kann». Tags darauf gewann er souverän das Rennen. Natürlich gewann er es.

In dieser Saison kann ihm eben niemand das Wasser reichen. Vettel nicht. Und sein Teamkollege Valterri Bottas schon gar nicht, deshalb wird Hamilton vielleicht schon am Sonntag fünffacher Weltmeister sein. Nur Rekordweltmeister Michael Schumacher hat dann noch zwei Titel mehr. Noch.