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Aus der Vergangenheit lernen: Wie die Schweiz den grossen Wurf schaffen will

Die Schweiz ist Stammgast an Endrunden. Seit 2004 hat sie nur ein grosses Turnier verpasst, in Russland hofft sie auf den grossen Wurf. Auch weil sie aus der Vergangenheit lernt.
Christian Brägger, Toljatti
2010 scheidet das Schweizer Nationalteam in der WM-Vorrunde aus.(Bild: Peter Klaunzer/KEY (Bloemfontein, 25. Juni 2010)

2010 scheidet das Schweizer Nationalteam in der WM-Vorrunde aus.
(Bild: Peter Klaunzer/KEY (Bloemfontein, 25. Juni 2010)

Stunden vor der Abreise ruft Nationaltrainer Köbi Kuhn an. Tranquillo Barnetta müsse mitkommen nach Portugal. Der 19-jährige Mittelfeldspieler verschiebt 2004 ein weiteres Mal die Lehrabschlussprüfung und ersetzt an der EM den verletzten Johann Lonfat – ein Traum geht in Erfüllung. Der Schweizer Auswahl misslingt nach zuvor drei verpassten Turnieren zwar dieser Auftritt auf der grossen Bühne, aber die alte Garde um Murat Yakin und Stéphane Chapuisat, die den Jungen zeigt, wo es langgeht, macht Eindruck. «Johan Vonlanthen und ich, wir waren noch Lausbuben», sagt Barnetta an diesem Tag im Mai.

Wie ein «Popstar» fühlt sich der Ostschweizer an der WM 2006. In Deutschland ist der Hype gross, noch heute läuft es dem 75-fachen Internationalen kalt den Rücken hinunter, wenn er an sein Tor und die Partie in Dortmund gegen Togo denkt. In jener Zeit ist Alex Frei der Chef, das Team eint die Barrage und die Schicksalsnacht in der Türkei («die Hölle von Istanbul»). Das Basiscamp im beschaulichen Bad Bertrich ist gut gewählt, die Mannschaft der Star. Erst nach dem missglückten Penaltyschiessen gegen die Ukraine gibt es Risse. Daraufhin folgt die Heim-EM, sie ist ein Rückschlag, der Teamgeist nicht mehr annähernd gut. Es fehlen Qualifikationsspiele, der Druck ist zu gross.

Südafrika: Schlechte Wahl des Teamhotels

2010 in Südafrika zum Auftakt gegen Spanien hat die Schweiz nichts zu verlieren, «wir hatten keinen Stich, Spanien kam von einem anderen Stern», sagt Gelson Fernandes. Auch Barnetta erinnert sich: «Sie spielten sich den Ball sogar zu, wenn es nicht möglich war.» Doch die Schweiz gewinnt, ehe sie in den anderen Gruppenspielen kollektiv versagt. Das hat seine Gründe, einer ist vielleicht der resultatorientierte, ernste Ottmar Hitzfeld, der so anders ist als Kuhn. Die Lockerheit von einst, die das Team ausgemacht hat, ist jedenfalls weg. Und ein weiterer Faktor kommt hinzu: Die schlechte Wahl des Basiscamps. Hotel wie der Ort Vanderbijlpark, 80 Kilometer südlich von Johannesburg gelegen, bieten über die Wochen wenig Abwechslung – sie sind für die Ansprüche einer Equipe ungeeignet. Die Spieler fühlen sich eingepfercht, können sich nicht aus dem Weg gehen. «Es herrschte eine gereizte Stimmung», sagt Barnetta. Peter Stadelmann, von 2009 bis 2016 der Delegierte der Nationalmannschaft und Gesamtverantwortlicher des Staffs, sagt: «Wir zahlten Lehrgeld. Der WM-Austragungsort Südafrika war schwierig, wir unterschätzten die klimatischen und höhenmässigen Unterschiede.» Das Zusammenleben während eines Turniers müsse sehr gut gestaltet sein. «Vor allem das Essen muss stimmen, sonst schlägt es aufs Gemüt», sagt er.

2014 beziehen die Schweizer in Porto Seguro ihre Basis, Stadelmann sieht in diesem Entscheid eine enorme Verbesserung und die Deutschen das Mass der Dinge. «Sie überlassen nichts, gar nichts dem Zufall.» Für die WM in Brasilien verändert sich die Besetzung des Kaders, die Qualität nimmt zu, die Hierarchien sind nun nicht mehr so deutlich wie einst. Mit ein Grund sind die U17-Weltmeister Granit Xhaka oder Haris Seferovic, die sich weniger sagen lassen. Der Teamspirit sei nicht ganz an das Niveau der WM 2006 gekommen, sagt Barnetta. Doch es gibt eine gute Dynamik, die Reibereien halten sich in Grenzen.

Stimmungen sind volatil

Auf Hitzfeld folgt Vladimir Petkovic – nicht Marcel Koller oder Roberto di Matteo. Das Nationalteam macht nächste Fortschritte, 2016 ist es so weit, kleine Nationen ohne Euphorie und nur mit dem vorhandenen Talent zu bezwingen. Ausrutscher gibt es keine mehr. An der EM in Frankreich logiert die Schweiz im sonnigen Montpellier, im Verband manifestiert sich das Denken, nur das Beste ist gut genug. Man nähert sich dem Idealfall. Mit Laurent Price als technischer Direktor verbessert sich das Briefing des Gegners, er zieht mit einem eigenen Staff ein Beobachternetz auf. Alles wird dem maximalen sportlichen Erfolg untergeordnet, so die SFV-Devise. Zudem sollen Spass und Freude im Vordergrund stehen. «Weil Leistung sonst nicht möglich ist», sagt Stadelmann. Ziel ist es, in einer angenehmen Umgebung ein hohes Level über einen längeren Zeitraum zu halten. In Frankreich rücken die Schweizer zusammen, sie sind parat und meistern das gesellschaftspolitisch schwierige Auftaktspiel gegen Albanien. Erst später scheitern sie.

Doch was geschieht, wenn die WM in Russland schlecht verläuft, die Wahl Toljattis kritisiert wird? Stimmungen intern wie extern sind volatil, schnell können sie kippen. Ein Schweizer Trumpf ist gewiss die Turniererfahrung, sie hilft beim Finden des Optimums. Auf und neben dem Platz.

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