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Wer jetzt geboren wird, hat es im Fussball schwerer

Der Schweizer Fussball hat mit einem Systemfehler zu kämpfen. Wer Ende Jahr geboren wird, hat es schwieriger an die Spitze zu kommen. Der Schweizerische Fussballverband versucht dies zu verbessern. Es ist aber kein leichtes Unterfangen.
Raphael Gutzwiller
Ist im Februar geboren: U19-Nationalspieler Ruben Del Campo (vorne). (Bild: Pascal Muller/Freshfocus (Basel, 13. Oktober 2018))

Ist im Februar geboren: U19-Nationalspieler Ruben Del Campo (vorne). (Bild: Pascal Muller/Freshfocus (Basel, 13. Oktober 2018))

Viele Buben träumen den Traum des Profifussballs. Doch nur bei den allerwenigsten geht dieser Traum auch tatsächlich in Erfüllung. Bei einigen ist er auch deshalb schon früh ausgeträumt, weil sie spät geboren sind. Denn, wer spät im Jahr Geburtstag feiert, also jetzt im Dezember, hat bei vielen Leistungsmannschaften weniger Chancen als solche, die dann erst im Januar geboren wurden.

Das Phänomen hat einen Namen: relativer Alterseffekt. Der Begriff ist eng verknüpft mit dem Stichtag bei der Einteilung im Nachwuchssport, der jeweils am 1. Januar erfolgt. Die Fussball-Juniorenteams werden nach Jahrgang eingeteilt. Bei den Amateuren werden zwei Jahrgänge zusammengenommen, die ­U-Mannschaften bestehen aus einem Jahrgang. Wer am 31. Dezember geboren wird, hat somit direkte Konkurrenz, die fast ein ganzes Jahr älter sein kann. Körperlich sind Kinder und Jugendliche, die Anfang des Jahres geboren sind, weiter, werden dementsprechend in derselben Altersklasse als grösseres Talent wahrgenommen und besser gefördert. Wer besser gefördert wird, macht grössere Fortschritte. Somit zieht sich diese Spirale bis ins Erwachsenenalter.

Quote für Spätgeborene bei den Spitzenvereinen

Diese Tatsache ist bereits seit einigen Jahren bei den nationalen Fussballverbänden bekannt. Dennoch ist das Thema in allen europäischen Verbänden immer noch ein aktuelles Thema – auch in der Schweiz, wie die Statistik zeigt. Denn obwohl in der Schweiz das ganze Jahr über jeden Monat rund 3500 Knaben geboren werden, gibt es in allen Nationalmannschaften deutlich mehr Spieler, die Anfang Jahr ihren Geburtstag feiern. Als Massstab wurden jeweils die letzten Aufgebote für die letzten Länderspiele genommen.

Die Ergebnisse zeigen, dass in allen Schweizer U-Nationalteams von U15 bis U21 mehr als 60 Prozent der Spieler in der ersten Jahreshälfte zur Welt kamen. Selbst in der A-Auswahl werden noch 55 Prozent Anfang Jahr geboren. Übrigens handelt es sich hierbei nicht um ein Männerphänomen: Im Frauennationalteam sind fast 70 Prozent der Spielerinnen Anfang Jahr geboren.

Zufällig ist das Phänomen nicht, wie auch Heinz Moser, Auswahlchef des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) feststellt: «Es ist tatsächlich so, dass Kinder, die Anfang Jahr Geburtstag haben, einen gewissen Vorteil besitzen.» Dieses Problem sei dem SFV bewusst, entsprechend hat er in den letzten Jahren mehrere Massnahmen und Projekte eingeleitet, um eine Chancengleichheit herzustellen. «Doch das ist nicht so einfach, weil die Problematik mehrere Aspekte beinhaltet.»

Der SFV arbeitet mit der Eidgenössische Hochschule für Sport in Magglingen zusammen, um Ideen zur Lösung des Problems zu entwickeln. «Für uns ist zuallererst entscheidend, dass wir den Trainern klar machen, dass bei den diversen Selektionen das Potenzial und nicht die aktuelle Leistungsfähigkeit beurteilt werden muss», sagt Moser. «So gibt es Spieler, die mit 14 oder 15 Jahren noch nicht weit genug für höhere Aufgaben sind, später aber durchaus den Weg zum Profifussballer oder zum Nationalspieler machen können.» Zudem gibt es betreffend der Talentförderung eine sogenannte Quote in den tieferen U-Mannschaften, bei der sie eine gewisse Anzahl an Spätgeborenen im Team haben müssen. «Die Quote ist jedoch ziemlich umstritten und löst das grundsätzliche Probleme auch nicht», sagt Moser. «Ein Spieler soll ja nicht nur darum ins Kader einer U-Mannschaft rutschen, weil er Ende Jahr geboren ist. Dennoch versuchen wir die Chancen fairer zu gestalten.»

In den U-Nationalmannschaften dagegen gibt es solche Regelung nicht. «Dort spielen jeweils diejenigen, die im Moment am besten und international konkurrenzfähig sind. In den Wettkampfjahrgängen U17 und U19 geht es auch dar­um, Erfolge zu feiern und sich für WM- und EM-Endrunden zu qualifizieren», sagt Moser. Eine Ausnahme bildet hierbei die erste nationale Auswahl, das U15-Nationalteam. «Seit einigen Jahren wird zur Förderung der Spätgeborenen auch ein zweites U15-Team gebildet und begleitet.» Im Frühling 2019 soll dieses Team zum ersten Mal internationale Begegnungen bestreiten. Für die Saison 19/20 ist geplant, dieses «Schattenteam» auf der Stufe U16 weiterzuführen.

Doch werden die langjährigen Stammspieler der U-Nationalmannschaft nicht besser gefördert, als jene, die nicht in diesen Genuss kommen? «Klar sind internationalen Spiele oder Endrunden wichtige Erfahrungen für die Entwicklung jedes Spielers. Aber auch ohne U-Nationalspieler gewesen zu sein, kann man es an die nationale Spitze schaffen», relativiert Moser. Beispiele dafür gibt es einige: Renato Steffen (Wolfsburg), Christian Fassnacht (Young Boys) oder Jonas Omlin (Basel, ex Luzern).

War nie U-Nationalspieler, ist heute aber Teil der A-Nationalmannschaft: der im November geborene Christian Fassnacht (rechts). (Ennio Leanza/Keystone (Lugano, 14. Noember 2018))

War nie U-Nationalspieler, ist heute aber Teil der A-Nationalmannschaft: der im November geborene Christian Fassnacht (rechts). (Ennio Leanza/Keystone (Lugano, 14. Noember 2018))

Der SFV hat in den letzten Monaten über eine weitere Projektidee diskutiert, welche vorsieht, dass der Stichtag zweimal im Jahr erfolgen könnte und nicht mehr nur am 1. Januar. «Dies würde bedeuten, dass Kinder, die im Herbst geboren sind, auch mal bei den ersten Monaten wären und sich so die Chancen ausgleichen könnten.» Der Nachteil: Die Juniorenteams würden sich noch rascher verändern, der Aufwand für die Änderung wäre für die Vereine sehr zeitaufwendig. «Und schliesslich haben wir dann keine Garantie, dass wir dadurch mehr Talente entdecken können, als dies heute der Fall ist», sagt Moser. Deshalb blieb die Idee bisher erst ein Projekt.

Spätgeborene landen eher auf der Warteliste


Bis Anfang der 1990er-Jahre war der Stichtag in der Schweiz übrigens noch im Juli datiert. «Vielleicht wäre ich sonst nicht Profifussballer geworden, wenn ich nicht im Oktober Geburtstag gehabt hätte», sagt Heinz Moser. Der Urner spielte in den 1990er-Jahren für den FC Luzern, den FC Sion, die Young Boys und für Thun. Später wurde der Stichtag vom 1. Juli auf den 1. Januar versetzt.

Der Nachteil der Spätgeborenen beginnt bereits viel früher als bei den ­U-Mannschaften, erklärt Moser. «Bereits im Alter der 13-Jährigen, die ins Spitzensportprogramm Footeco des SFV aufgenommen werden, sind zwei Drittel der Kinder in der ersten Jahreshälfte geboren.» Dieses Problem entstehe also nicht bei den Spitzenvereinen, sondern bei den Amateurvereinen im Nachwuchs. So besitzen bei den Kleinsten einige Vereine Wartelisten. «Und wie entscheiden dann die Juniorentrainer? Natürlich nehmen sie die Spieler ins Kader, die körperlich schon am weitesten fortgeschritten sind», sagt Moser. «Dadurch verlieren einige Spieler aber ein ganzes Jahr, in der sie noch nicht Fussball spielen dürfen. Andere sitzen vielleicht öfter auf der Bank oder können nur in einer weniger guten Mannschaft trainieren.» Den ehrenamtlichen Juniorentrainern in Amateurvereinen entsprechende Vorschriften zu machen ist derweil sehr schwierig. «Es ist ja verständlich, dass man die im Moment besten Spieler spielen lässt.»

Einige sind mit 18 schon bereit, einige viel später

Neben den Spätgeborenen gibt es noch eine andere Gruppe von jungen Buben, die einen Nachteil auf dem Weg zum ­Profifussball haben. «Es gibt Spieler, bei denen der biologische Entwicklungsstand im Vergleich zu Gleichaltrigen nachhinkt.» Man spricht bei diesen Kindern vom etwas unglücklich gewählten Begriff «retardiert». Die retardierten Spieler werden zwar im Junioren-Spitzenfussball extra gefördert, bei ihnen müssen aber die Verantwortlichen über viele Jahre sehr viel Geduld aufbringen. Dass sich dies lohnt, zeigen zwei Spieler aus der aktuellen nationalen Ligen: Hekruan Kryeziu (25, Zürich, ex Luzern) und Maxime Dominguez (22, Servette).

Galt im Nachwuchsfussball eins als «retardiert»: Hekuran Kryeziu (vorne). (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Zürich, 8. November 2018))

Galt im Nachwuchsfussball eins als «retardiert»: Hekuran Kryeziu (vorne). (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Zürich, 8. November 2018))

Besonders viel Geduld benötigte man bei die Entwicklung von Dominquez. «Erst seit kurzem ist er wirklich im Erwachsenenfussball angekommen und kann sich richtig durchsetzen», stellt Moser fest. Andere Spieler, wie Breel Embolo oder Albian Ajeti waren da schon mit 18 Jahren so weit. Für die ganz «schweren» Fälle gibt es auch die «Carte blanche», mit der man ein Jahr länger in einer Kategorie spielen kann. Von ihr profitierte etwa Fabian Rohner (20), der sich inzwischen beim FC Zürich durchsetzen konnte.

Aber ob «retardiert» oder Spätgeborene: Der SFV will die Chancen möglichst verbessern. Moser: «Wenn wir davon ausgehen, dass in jedem Monat gleich viele Talente zur Welt kommen, gehen uns immer noch einige durch die Lappen.» Diese Tatsache zu ändern dürfte aber kein Leichtes sein.

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