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Wer kann Froome bedrängen?

Die Tour de France 2018 verspricht mehr Spannung als die letzten Jahre. Die Gegner wittern ihre Chance, weil Titelhalter Chris Froome den Giro d’Italia in den Knochen hat. Zudem könnte der umstrittene Doping-Freispruch an ihm nagen.
Tom Mustroph
Auf einer Woge der Zuneigung ritt er nie: Chris Froome bei der Teampräsentation. Bild: Christophe Ena/AP (La Roche-sur-Yon, 5. Juli 2018)

Auf einer Woge der Zuneigung ritt er nie: Chris Froome bei der Teampräsentation. Bild: Christophe Ena/AP (La Roche-sur-Yon, 5. Juli 2018)

Der Erstkontakt mit dem Publikum gab zu denken. Bei der Teampräsentation am Donnerstagabend wurde der Brite Chris Froome ausgepfiffen. Ein Vorgeschmack auf die nächsten drei Wochen. Anders als beim Giro d’Italia, wo die Fans sich eher von den Emotionen eines grossen sportlichen Duells hinreissen lassen und, auch angesichts des eigenen Sündenkontos, die Verfehlungen anderer nicht so schwer wiegen lassen, ist das französische Publikum stärker auf Moral gepolt. Einen eigenen Superstar gibt es nicht. Umso kritischer werden all die anderen gesehen.

In diesem Falle trifft die Skepsis Froome. Die Kritiker sind auch nach seinem Doping-Freispruch nicht verstummt. Sie fordern vom Weltverband UCI Erklärungen, weshalb Froome nicht sanktioniert worden ist, nachdem bei ihm an der Spanien-Rundfahrt überhöhte Werte des Asthmamittels Salbutamol gemessen worden waren. Wie der dreifache Tour-Sieger damit umgeht, ist schwer einzuschätzen. Auf einer Woge der Zuneigung ritt er nie. Er erarbeitete sich Respekt durch Leistung. Vom ungestümen Kraft-Fahrer mit mangelhafter Velo-Beherrschung entwickelte sich der 33-jährige Sky-Captain zum Abfahrts-Crack. Beim Giro zeigte er, dass er das Zerlegen von Etappen in kleinste Abschnitte nicht nur beherrscht, wenn er einen Zug aus Teamkollegen vor sich weiss. Er kann auch allein attackieren, Dutzende Kilometer vom Ziel entfernt. Und er weiss bergauf wie bergab einen Vorsprung zu behaupten. Diese Flexibilität verleiht ihm auch gegenüber seinen aktuellen Herausforderern Überlegenheit. Heissen sie Richie Porte oder Romain Bardet, Vincenzo Nibali oder Nairo Quintana – nie fanden sie den Schlüssel dafür, wie Froome zu erschüttern ist.

Movistar mit grösstem Herausforderer-Potenzial

An den Rand einer Niederlage brachte Froome bisher nur einer: Simon Yates. Mit unablässigen Attacken zermürbte der Mitchelton-Captain beim Giro seinen Landsmann – bis er den Anstrengungen Tribut zollte und in den Niederungen des Klassements verschwand. Zwillingsbruder Adam, der möglicherweise noch etwas Talentiertere der beiden, wird das gut ausgewertet haben. Soll er noch aggressiver fahren als Simon, mit dem Risiko, noch früher einzubrechen? Oder sollte er konservativer auftreten und mit dieser Schonfahrt Froome in die Karten spielen? Der Yates-Bruder verfügt aber nicht über so viel begleitende Feuerkraft in den Bergen wie noch Simon. Nur der Baske Mikel Nieve ist ein echter Bergfahrer. Das deutet auf einen konservativen Ansatz beim australischen Rennstall hin.

Das grösste Herausforderer-Potenzial steckt bei Movistar. Neben Captain Quintana liebäugeln die Spanier Alejandro Valverde und Mikel Landa mit einem Platz auf dem Treppchen. Während sich Routinier Valverde problemlos einem stärkeren Captain unterordnen kann, verspricht Landa, die wild umherfliegende Kanonenkugel zu sein, die alles aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Bei der letzten Tour wirkte er stärker als sein damaliger Leader Froome. Nur mühsam liess er sich von der Stallorder zurückhalten. Er ging von Sky zu Movistar, um selbst ein Chef zu sein. Dort liegt es nun ganz am Feingefühl des Rennstallmanagers Eusebio Unzue, seine drei Turbinen zu einem störungs- und spannungsfrei laufenden Antrieb zusammenzufügen. Wie ernst zu nehmen Movistar als Herausforderer ist, wird schon am Montag getestet. Nach einem Aufgalopp für Sprinter gibt es in der 3. Etappe ein Mannschaftszeitfahren – eine Gelegenheit für BMC-Captain Porte, aber vor allem für Froome und dessen Co-Captain Geraint Thomas, sich vom Rest der Konkurrenz abzusetzen. Erstmals gibt es auch eine offen ausgesprochene Rivalität bei Sky. Der frühere Edelhelfer Thomas brachte sich deutlich als Leader ins Gespräch, sollte Froome der Giro zu sehr in den Knochen stecken.

Sportlich verspricht diese Tour viel. Auch der Parcours über die 3351 km ist gut gebaut. Klassementfahrer müssen bereits beim Hügelkurs durch Finistere und an der steilen Rampe von Mûr-de-Bretagne (5. und 6. Etappe) aufpassen, erst recht beim 9. Tagesabschnitt über die Pflastersteine von Roubaix. Dann folgen drei Tage in den Alpen. Vorentschieden wird das Klassement bei der Pyrenäenetappe nach Saint-Lary-Soulain am 25. Juli und zwei Tage später auf dem 200 km langen Monsterparcours über den Tourmalet und den Col d’Aubisque. Sollten Froome und Thomas hier Zeit verlieren, können sie beim Zeitfahren am vorletzten Tourtag das Klassement wieder in die althergebrachte Ordnung bringen.


Vier Schweizer mit wichtigen Helferrollen

Wenn heute die Frankreich-Rundfahrt beginnt, stehen mit Stefan Küng, Michael Schär (beide BMC), Silvan Dillier und Mathias Frank (beide AG2R) nur vier Schweizer am Start – so wenige wie seit fünf Jahren nicht mehr. Weil ihre Teams aber grosse Ambitionen in der Gesamtwertung hegen, kommen ihnen wichtige Helferrollen zu. Der Erfahrenste aus dem Schweizer Quartett ist Schär. Der 31-jährige Luzerner bestreitet mit BMC bereits seine achte Tour in Folge. «Ich gehe deshalb etwas gelassener an den Start als noch früher», meint Schär. An sein Debüt 2011 erinnert er sich gerne, feierte sein australischer Teamkollege Cadel Evans doch den Gesamtsieg. Diesen Triumph traut Schär auch Evans’ Landsmann Richie Porte zu, in dessen Dienst er sich in den nächsten Wochen stellt. Mit seiner Erfahrung ist Schär für das Team besonders dann unverzichtbar, wenn im Etappenfinal die Nervosität im Feld steigt. «Ich fühle mich am wohlsten, wenn es hektisch wird und man die Ellbogen ausfahren muss», sagt er. Im Mannschaftszeitfahren am Montag rückt Schärs Teamkollege Stefan Küng (24) in den Fokus. Der Thurgauer soll BMC als «Lokomotive» anführen. Dies gelang ihm an der Tour de Suisse gut. Mit dem Gewinn des Teamzeitfahrens zum Auftakt legte BMC den Grundstein zum Gesamtsieg von Porte.

Mathias Frank (31) aus Nottwil war von AG2R zuerst nicht berücksichtigt worden, rückte aber für seinen formschwachen Teamkollegen Alexandre Geniez ins Aufgebot. Für Frank wird es die sechste Tour de France, 2015 belegte er den 8. Gesamtrang. Der Aargauer Silvan Dillier (27) feiert seine Tour-Premiere. (sda)

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