Werder Bremens Max Kruse ist reifer und ruhiger geworden

Werder Bremen ist vor dem Spiel in Mainz an diesem Sonntag (18 Uhr) an der Bundesliga-Spitze mit dabei. Vor allem dank eines äusserst ungewöhnlichen Spielers: Angreifer Max Kruse.

Carsten Meyer
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Leaderfigur bei Werder: Max Kruse (rechts). (Bild: Martin Meissner/Keystone (Gelsenkirchen, 20. Oktober 2018))

Leaderfigur bei Werder: Max Kruse (rechts). (Bild: Martin Meissner/Keystone (Gelsenkirchen, 20. Oktober 2018))

Beim einen oder anderen Experten schoss die Augenbraue hoch. Gerade hatte sich Werder Bremen noch vor dem Abstieg gerettet, da formulierten die Verantwortlichen ambitionierte Ziele für die neue Saison. Einen Europacupplatz würden sie sich schon zutrauen, berichteten Trainer Florian Kohfeldt und Geschäftsführer Frank Baumann fröhlich. Das fanden dann selbst optimistischste Zeitgenossen ein wenig sehr zuversichtlich.

Ein paar Monate später befinden sich sämtliche Augenbrauen wieder in der Waagerechten. Und die Skepsis ist längst einer riesigen Begeisterung gewichen. Denn Werder steht nach neun Spielen nicht nur im vordersten Drittel der Tabelle – sondern greift dabei auch auf stilistische Mittel zurück, die zuletzt etwas aus der Mode geraten waren: eine offensive Grundausrichtung ohne Angst vor zu viel Ballbesitz. Auch mit der Gefahr, dass eine konterstarke Mannschaft wie am vergangenen Wochenende Leverkusen eine Menge Spass an freien Räumen findet. Doch das durchaus unterhaltsame 2:6 wird nicht als Drama gesehen, sondern als Teil einer Entwicklung – die sich bisher sowieso schon erfolgreicher gestaltete als erhofft.

Oben ohne und mit Hasenohren

Nicht ganz unschuldig daran ist ein Spieler, der ebenfalls ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint: Max Kruse. Angreifer, 31 Jahre alt – und mit einer Vita gesegnet, die Boulevardreporter vor Glück fast weinen lässt.

Kruse fliegt schon mal für ein Pokerturnier nach Las Vegas und besitzt einen eigenen Rennstall in der Motorsportserie ADAC TCR Germany. Der Stürmer hat ja sowieso einen Hang zu extravaganten Fahrzeugen. Zu seiner Zeit im beschaulichen Freiburg kam Trainer Christian Streich immer mit dem Fahrrad zum Training. Kruse im weissen Maserati. Später liess er ihn umlackieren, unauffälliger wurde die Sache dadurch nicht. Trotz Tarnfarben­optik. Und selbst, wenn er mit dem Taxi fuhr, reichte das für dicke Schlagzeilen. Vor allem, weil er in den frühen Morgenstunden einfach mal 85'000 Franken im Wagen vergass. Zu seinem Einstand in St. Pauli musste er oben ohne und mit Hasenohren in einer Schwulenbar kellnern.

Eine Art Bremer Zollhäuschen

Aber Kruse ist reifer und vor allem ruhiger geworden. Und gerade in Bremen versuchen sie auch gar nicht erst, ihn zu verbiegen. Max Kruse darf Max Kruse sein. Trotzdem wären wahrscheinlich nicht viele auf die Idee gekommen, den Angreifer auch noch zum Captain zu machen. Kohfeldt schon. Eine Massnahme, die auf den ersten Blick sehr gewagt erscheint. Und auf den zweiten einfach nur clever ist. Weil der Trainer seinen wichtigsten Spieler damit in die Verantwortung nimmt. «Er ist nicht mehr nur Max Kruse», sagt Kohfeldt, «er ist Werders Captain».

Als solcher geht er jetzt voran. Abseits des Platzes. Aber vor allem auf dem Feld. Kruse ist in der Form seines Lebens, er ist eine Art Bremer Zollhäuschen. Jeder Ball muss erst bei ihm Halt machen, bevor er weiter darf. Und noch immer ist es selbst den schlausten Analysten nicht gelungen, sein Spiel zu entschlüsseln. Bei ihm weiss man nie so genau, warum er eigentlich gerade wo steht. Nur, dass es immer richtig ist. Kruse erkennt Räume, bevor sie überhaupt entstehen.

Mitspieler, Trainer und alle Freunde des gepflegten Fussballs haben ihre helle Freude daran. Mittlerweile gilt Werder sogar als ernsthafter Kandidat für einen Champions-League-Platz – auch wenn das an der Weser so keiner aussprechen will. Auch Kruse nicht, der über den weiteren Weg nur sagt: «Ich weiss nicht, wo das hinführt.»

Nur eines ist sicher: Er wird eine Menge Spass dabei haben.