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Wie der Schweizer Bahnradsport dank wissenschaftlichen Tests Olympiamedaillen holen will

Keine Sportart kann von der Wissenschaft so viel profitieren wie das Bahnradfahren. Das Schweizer Team macht deshalb Fortschritte.
Raphael Gutzwiller

Wer sich mit Beat Müller über das Bahnradfahren unterhält, wähnt sich eher bei einem Physik-Professor als beim Leistungssportchef von Swiss Cycling. Müller sagt dann Sätze wie: «Die Geschwindigkeit der Fahrt ist lediglich das Verhältnis von Leistung im Verhältnis zum Widerstand.»

Die Schweizer Bahnradrennfahrer Stefan Bissegger, Valereb Thiebaud, Cyrille Thiery und Nico Selenati (von links) in Aktion. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Grenchen, 8. Oktober 2019))

Die Schweizer Bahnradrennfahrer Stefan Bissegger, Valereb Thiebaud, Cyrille Thiery und Nico Selenati (von links) in Aktion. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Grenchen, 8. Oktober 2019))

Tatsächlich ist Bahnradfahren eine jener Sportarten, bei der die Wissenschaft noch viel bewirken kann. «Der Bahnsport ist für uns wie ein Labor», sagt daher Müller. Auf der Strasse etwa seien Themen wie die Materialwahl immer wieder unterschiedlich. «Der Strassenbelag ist immer wieder unterschiedlich, der Wind kommt vielleicht plötzlich mal von der Seite oder von hinten. All diese äusseren Einflüsse gibt es auf der Bahn nicht.»

Und so kommt es, dass der Sportwissenschaftler Beat Müller, der seit März dieses Jahres neuer Leistungssportchef ist, zum Tüftler auf der Bahn wird. Im Sommer fanden viele aerodynamische Tests mit den Athleten statt. Dabei geht es insbesondere um die perfekte Position der Athleten. Müller und sein Staff versuchen, dann zu eruieren, wann der Luftwiderstand am geringsten ist. Einige Athleten haben davon schon sehr profitiert, da sie nun weniger Leistung für dieselbe Geschwindigkeit benötigen. «Bei anderen Athleten dagegen ist der Unterschied geringer, da sie schon vorher in einer sehr aerodynamischen Haltung unterwegs waren. Für sie ist es eher eine Bestätigung, dass sie auf einem guten Weg sind.»

Zusammenarbeit mit englischer Firma

Swiss Cycling profitiert bei seinen Tests von Know-how des Bundesamts für Sport, zudem baut man sich eine eigene Wissenschaftsabteilung auf. «Entscheidend ist, dass wir künftig solche Tests regelmässiger machen können.» Heute arbeitet man noch mit der Firma «Aerocoach» zusammen, die in England stationiert ist. «Dadurch sind die Wege lang. Und wenn die Experten für ein paar Tage hier sind, müssen alle Athleten fit und gesund sein.»

Die Trainings haben sich durch die Wissenschaft ein wenig verändert. Müller muss daher mit den zuständigen Trainern bei den Athleten viel Überzeugungsarbeit leisten. «Das ist nicht bei allen einfach», sagt er.

Claudio Imhof, der derzeit beste Schweizer Bahnspezialist (siehe Box), sieht Vorteile in der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, ist aber nicht von allem begeistert. Das beste Beispiel ist hierbei das sogenannte Hitzelabor, in dem bei hohen Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent trainiert wird. Dadurch sollen die Athleten auf die über 30 Grad mit hoher Luftfeuchtigkeit an den Olympischen Spielen in Tokio vorbereitet werden. Imhof sagt dazu: «Mit diesen Trainings habe ich aufgehört. Denn auf der Bahn ist es bei unseren Wettkämpfen zwischen 28 und 30 Grad und damit sowieso warm. Bei diesen Temperaturen ist es aus meiner Sicht in erster Linie eine mentale Sache, ob man sich anpassen kann. Zudem bekam ich wegen dem vielen Schweiss im Hitzelabor Sitzprobleme. Darum möchte ich lieber normal trainieren und keine Risiken eingehen.»

Ist gegenüber den Tests kritisch: Claudio Imhof. (Bild: Keystone)

Ist gegenüber den Tests kritisch: Claudio Imhof. (Bild: Keystone)

Trotz Kritik bezüglich Hitzelabor: Müller ist überzeugt, dass die wissenschaftlichen Massnahmen zu besseren Resultaten beitragen. «Doch welche Massnahme wie viel bringt, können wir nicht sagen, da wir keine kontrollierten Versuche machen. Wir machen mehrere Massnahmen gleichzeitig und versuchen die Gesamtleistung harmonisch zu entwickeln.»

Neue Erkenntnisse bezüglich Materialwahl

Neben Fragen bezüglich der Aerodynamik beschäftigt der Staff insbesondere mit der Materialfrage. «Wir testen, welche Felgen oder welche Reifen, passend wären. Erstaunlicherweise gibt es da noch immer grosses Optimierungspotenzial», sagt Müller. Früher hiess es bei den Reifen etwa stets: je besser gepumpt, desto besser. «Heute merkt man aber auch auf der Bahn, dass dies gar nicht immer stimmt. Solche Erkenntnisse sind wichtig.»

Die Wissenschaft soll also mithelfen, 2020 in Tokio oder dann 2024 in Paris für Olympiamedaillen zu sorgen.

Ambitioniertes Schweizer Team an der EM

Zunächst stehen für die Schweizer Athleten die Bahnrad-Europameisterschaft an. Sie startet am Mittwoch im niederländischen Apeldoorn und dauert bis zum Sonntag. Dabei stellt die Schweiz ein insgesamt 10-köpfiges Athletenteam. Neben talentierten Nachwuchsfahrern zählt besonders Routinier Claudio Imhof zu den Hoffungsträgern. Der 29-jährige Thurgauer hat Anfang Jahr als erster Schweizer in der olympischen Disziplin Omnium ein Weltcup-Rennen gewonnen. «Ich glaube, dass es an der EM etwas Gutes geben kann», sagt Imhof, der in diesem Jahr gleich sieben Rundfahrten auf der Strasse bestritt. Ebenfalls wieder auf der Bahn startet der 21-jährige Thurgauer Stefan Bissegger.

Andrea Waldis ist die aussichtsreischste Schweizerin (zweite von links). (Bild: Peter Schneider/Keystone (Grenchen, 8. Oktober 2019))

Andrea Waldis ist die aussichtsreischste Schweizerin (zweite von links). (Bild: Peter Schneider/Keystone (Grenchen, 8. Oktober 2019))

Bei den Frauen ist die Morschacherin Andrea Waldis die aussichtsreichste Schweizerin. Die 25-Jährige hat vor zwei Jahren an der EMden 4. Rang im Omnium belegt. «Diesmal ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele mein grosses Ziel», sagt Waldis. An der EM kann sie die Ausgangslage verbessern, da die EM neben WM und Weltcup zum Olympia-Ranking zählt.

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