Wie ein einziges Jahr das Leben von Skifahrerin Corinne Suter veränderte

Corinne Suter erlebt die erfolgreichste Phase ihrer Karriere. Am Sonntag könnte sie zur Sportlerin des Jahres gewählt werden. An der Gala nimmt sie aber nicht teil.

Claudio Zanini aus St. Moritz
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Riesenslalom statt Sports Awards: Corinne Suter setzt Prioritäten.

Riesenslalom statt Sports Awards: Corinne Suter setzt Prioritäten.

Gian Ehrenzeller, Keystone

Das Kalenderjahr 2019 brachte viele Neuheiten. Corinne Suter wurde zur Podestfahrerin im Weltcup, zur WM-Medaillengewinnerin, zum Liebling der Medien. Was Suter machte, gehörte ins öffentliche Interesse. Regungen über soziale Kanäle eingeschlossen. Suter in den Thailand-Ferien, Suter am Geburtstag, Suter beim Training im Fitnesscenter. 2019 erzählte man sich solche Geschichten.

Es ist nicht lange her, da beliess man es bei der Überlieferung ihrer Platzierung. Manchmal verhinderte die Ranglistenregion grössere Berichte, manchmal überstrahlten sie andere. Bei der Heim-WM 2017, als das Schweizer Team sieben Medaillen gewann, standen Wendy Holdener, Michelle Gisin und Lara Gut-Behrami im Fokus. Auch Suter war dabei. Einfach im Hintergrund.

An diesem Wochenende ist das anders, wenn der Weltcup in St. Moritz stattfindet. Am Vorabend des Super-G sagt Corinne Suter: «Der Rummel ist grösser. Zum Rennen kommen auch Verwandte und Nachbarn, die sonst nie kamen.» Als müssten sie sich selbst vor Ort überzeugen, ob dieses Talent aus der Gemeinde Schwyz nun tatsächlich zur Weltspitze gehört. 

Denkpause im Sommer 2018

Corinne Suter, 25, lernte auf der Ibergeregg, dem Pass zwischen Schwyz und Oberiberg, Skifahren. Wie alle Begabten in der Zentralschweiz landete sie an der Sportmittelschule Engelberg. Man traute ihr eine grosse Karriere zu. Sie war physisch stark, stand gut über dem Ski. Ein unbestrittenes Potenzial, doch was heisst das schon? Ihr Debüt im Weltcup kam mit 17, damals hiessen die Athletinnen noch Marianne Abderhalden oder Nadja Inglin-Kamer. Mit 22 machte sie erstmals auf sich aufmerksam, als sie in den Rennen von Lake Louise Vierte und Siebte wurde.

Der Knoten platzt: Corinne Suter gewinnt im letzten Februar WM-Bronze im Super-G.

Der Knoten platzt: Corinne Suter gewinnt im letzten Februar WM-Bronze im Super-G.

Jean-Christophe Bott, Keystone

Suter galt lange als Zweiflerin, die sich zu sehr unter Druck setzte. Dass sie die Leichtigkeit gefunden hat, ist nicht zuletzt einer Denkpause geschuldet, zu der sie im Sommer 2018 gezwungen wurde. Wegen einer Blutvergiftung konnte sie während zweier Monate kaum Sport treiben. «Da wurde mir klar, was ich eigentlich will», sagte sie damals. Sie schraubte ein wenig am Set-up, hakte Misserfolge schneller ab – und der Erfolg stellte sich ein.

Eine gewisse Demut bleibt

Als Suter im Januar, zwei Wochen vor den Weltmeisterschaften in Åre, erneut das erste Podest verpasste, strahlte sie, als ob sie etwas gewonnen hätte. Sie schien begriffen zu haben, dass die Top 3 nur noch eine Frage der Zeit waren. An der WM folgte der Durchbruch, anschliessend die ersten beiden Podestplätze im Weltcup. Am letzten Wochenende gelangen ihr beim Speed-Saisonstart in Lake Louise die nächsten zwei Podestplätze. Dennoch ist eine gewisse Demut geblieben. Sie sagt: «Es werden bestimmt wieder Zeiten kommen, in denen es nicht so gut läuft. Ich sehe das Ganze einfach lockerer als früher.»

Am Sonntagabend könnte sie zur Sportlerin des Jahres gewählt werden. Zu den Nominierten gehören Wendy Holdener, Daniela Ryf, Mujinga Kambundji, Léa Sprunger und Belinda Bencic. Doch Suter wird nicht im Fernsehstudio in Zürich sitzen. Sie reist von St. Moritz direkt nach Courchevel, wo am Dienstag ein Riesenslalom stattfindet – in dieser Disziplin will sie sich steigern. «Ich hoffe, es klappt ein anderes Mal, dass ich dabei sein kann», sagt sie. Verloren ist die Auszeichnung deshalb nicht. Sie würde sich nahtlos in diese Geschichte einfügen.

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