Wie gehabt: Schweizer «Pausenplatz-Hockey»

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56. Minute: Jonas Hiller hat das 4:4 kassiert. (Bild: Peter Schneider/Key (Paris, 6. Mai 2017))

56. Minute: Jonas Hiller hat das 4:4 kassiert. (Bild: Peter Schneider/Key (Paris, 6. Mai 2017))

Weltmeisterschaft Ein Sieg wie eine gefühlte Niederlage. Die Schweiz gewinnt zum WM-Auftakt in Paris nach einer 4:0-Führung gegen Slowenien erst nach Penaltys 5:4. Die Dramatik, der Umsturz vom WM-Wunder zum WM-Albtraum, lässt sich am besten an einer Episode erklären. Nach dem Spiel treten die Coaches zur Medienkonferenz an. Der Verlierer darf zuerst sein Statement abgeben. Es ist Brauch, dass er seine Ausführungen mit einer Gratulation an den Sieger einleitet. Sloweniens Coach Nik Zupancic bedankt sich bei Patrick Fischer, bemerkt sogleich den Irrtum, hält inne und gratuliert. Ein «freudscher Versprecher», der uns der Wahrheit näherbringt. Die Slowaken haben Grund, sich bei den Schweizern zu bedanken. Anlass zu Gratulationen finden wir keinen.

Die Schweizer führen nach dem ersten Drittel 4:0. Sie machen alles richtig. Spielen konzentriert, geradlinig, aggressiv. Der erste gegnerische Ausschluss wird bereits nach 29 Sekunden zum 1:0 genützt. 12 Sekunden später rauscht der Puck zum 2:0 ins Netz. 4:0 steht es zur ersten Pause. Nie seit dem Wiederaufstieg von 1998 haben die Schweizer im Rahmen einer WM das Startdrittel so klar gewonnen. Sie sind in jeder Beziehung besser. Die Partie ist zu einem Training unter Aufsicht von Schiedsrichtern verkommen. Ein WM-Wunder.

Nationaltrainer ratlos und hilflos

Die Slowenen wechseln in der ersten Pause den Torhüter aus. Gasper Kroselj geht. Er hat etwas mehr als 60 Prozent der Schüsse abgewehrt. Matija Pintaric kommt. Er wird bis zum Penalty von Damien Brunner keinen Treffer mehr zulassen, dieses Penalty-Tor Brunners entscheidet die Partie. «Wir haben in der ersten Pause gesagt, so gehe es nicht, und noch einmal alle Kräfte mobilisiert», wird Captain Jan Mursak hinterher sagen. Die Schweizer führen bis 89 Sekunden vor der zweiten Pause 4:0. Dann vergeigen sie in 16 Minuten und 52 Sekunden diese Führung. Gegen den Aufsteiger. Gegen die Nummer 15 der Weltrangliste. Nie zuvor haben sie seit 1998 bei einer WM eine 4:0-Führung aus der Hand gegeben. Ein WM-Albtraum. Wenn eine Mannschaft 4:0 führt und am Ende das 4:4 hinnehmen und mit Mühe und Not in der Schlussphase und in der Verlängerung das 4:5 vermeiden kann – dann ist es dem Coach nicht gelungen, Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen. Patrick Fischer war an der Bande ratlos und hilflos. Mehr Cheerleader als Bandengeneral. Der Nationaltrainer sagt, so etwas könne im Hockey passieren. Er spricht von ungenügendem «Game Management» und «Puck Management». Ausdrücke, die cool und modern wirken und eigentlich nichts aussagen. Er sagt, die Disziplin müsse besser werden, die Strafen in der Offensivzone dürfe es nicht mehr geben – die Schweizer kassierten das 3:4 und das 4:4 in Unterzahl. Und schliesst seine Ausführungen trotzig: «Aber am Ende des Tages haben wir doch gewonnen.»

Der Nationaltrainer hat den Optimismus nicht verloren. Und es ist ja noch alles möglich. Immerhin haben die Schweizer erstmals seit 2013 (3:2 gegen Schweden) das WM-Auftaktspiel gewonnen. Der Optimist wertet diesen Punktverlust als Kuriosum. Eishockey ist eben ein unberechenbares Spiel. So etwas kann passieren. Der Realist warnt: Bei jeder anderen Hockey-Nation wäre diese Partie tatsächlich ein Kuriosum. Aber nicht bei den Schweizern. Der Umsturz vom 4:0 zum 4:4 passt in die Ära des wilden, unkoordinierten «Pausenplatz-Hockeys», die 2015 in Prag unter Glen Hanlon begonnen und unter Patrick Fischer vor einem Jahr in Moskau ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und nun eine weitere Fortsetzung erlebt hat.

 

Klaus Zaugg, Paris

 

 

Gruppe B

Paris: Schweiz – Slowenien 5:4 n. P. Weissrussland – Tschechien 1:6. Norwegen – Frankreich 3:2. – Rangliste: 1. Kanada 1/3. 2. Finnland 1/3. 2. Norwegen 1/3. 4. Tschechien 2/3. 5. Schweiz 1/2. 6. Slowenien 1/1. 7. Frankreich 1/0. 8. Weissrussland 2/0.

Heute, 12.15: Slowenien – Kanada. – 16.15: Finnland – Frankreich. – 20.15 (SRF zwei): Norwegen – Schweiz.

Schweiz – Slowenien 5:4 (4:0, 0:1, 0:3, 0:0) n. P.

4920 Zuschauer. – SR Hribik/Linde (CZE/SWE), Ritter/Sefcik (USA/SVK). – Tore: 11. (10:49) Ambühl (Suter/Ausschluss Urbas) 1:0. 12. (11:01) Haas (Praplan, Genazzi) 2:0. 17. (16:59) ­Loeffel (Hollenstein, Praplan) 3:0. 18. (17:47) Bodenmann (Brunner) 4:0. 39. Mursak (Tavzelj/Ausschluss Kovacevic!) 4:1. 46. Jeglic (Sabolic, Kranjc) 4:2. 55. (54:23) Urbas (Ograjensek, Pretnar/Ausschlüsse Almond, Furrer) 4:3. 56. (55:23) Sabolic (Ticar/Ausschluss Furrer) 4:4. – Penaltyschiessen: Brunner 1:0, Sabolic (gehalten), Hollenstein (gehalten), Ticar (gehalten), Richard (gehalten), Mursak (daneben). – Strafen: 8-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 5-mal 2 Minuten gegen Slowenien.

Schweiz: Hiller; Diaz, Furrer; Untersander, Kukan; Loeffel, Genazzi; Marti; Praplan, Haas, Hollenstein; Brunner, Richard, Bodenmann; Ambühl, Malgin, Suter; Rüfenacht, Almond, Schäppi; Herzog.

Slowenien: Kroselj (21. Pintaric); Kovacevic, Robar; Vidmar, Kranjc; Pretnar, Gergorc; Podlipnik, Tavzelj; Jeglic, Ticar, Sabolic; Verlic, Mursak, Urbas; Rodman, Golicic, Ograjensek; Kuralt, Music, Pem.

Weissrussland – Tschechien 1:6 (0:2, 1:1, 0:3)

Tore: 14. Vrana (Birner, Repik) 0:1. 18. Gudas (Voracek) 0:2. 22. Pawlowitsch (Lisowez, Denissow) 1:2. 36. Cervenka (Horak, Jerabek) 1:3. 48. Simek (Voracek, Radil/Ausschluss Lisowez) 1:4. 50. Voracek (Pastrnak, Kundratek) 1:5. 60. Kempny (Hanzl, Zohorna) 1:6.

Norwegen – Frankreich 3:2 (0:0, 2:1, 1:1)

Tore: 26. Ken André Olimb (Mathis Olimb, Thoresen) 1:0. 30. Thoresen (Mathis Olimb, Ken André Olimb/Ausschluss Besch) 2:0. 39. Stéphane da Costa (Fleury) 2:1. 50. (49:49) Thoresen (Reichenberg) 3:1. 50. (49:59) Stéphane da Costa (Auvitu, Besch) 3:2.

Gruppe A

Köln: Lettland – Dänemark 3:0. Slowakei – Italien 3:2 n. V. Deutschland – Schweden 2:7. – Rangliste: 1. Schweden 2/4. 2. Lettland 1/3. 3. Deutschland 2/3. 4. Slowakei 1/2. 5. Russland 1/2. 6. Italien 1/1. 7. USA 1/0. 8. Dänemark 1/0.

Heute, 12.15: Italien – Russland. – 16.15: USA – Dänemark. – 20.15: Lettland – Slowakei.

Lettland – Dänemark 3:0 (0:0, 1:0, 2:0)

Tore: 24. Meija 1:0. 42. Indrasis 2:0. 53. Indrasis 3:0.

Slowakei – Italien 3:2 (1:0, 0:1, 1:1, 1:0) n. V.

Tore: 7. Miklik 1:0. 36. Morini (Frigo) 1:1. 43. Frigo 1:2. 59. Libor Hudacek 2:2. 63. Ceresnak 3:2.

Deutschland – Schweden 2:7 (1:1, 1:3, 0:3)

Tore: 7. Ekman-Larsson 0:1. 17. Hager 1:1. 21. (20:23) Rask (Ausschluss Müller) 1:2. 26. Gogulla (Ausschluss Ekman-Larsson) 2:2. 36. Omark 2:3. 40. (39:57) Brodin 2:4. 50. (49:42) Landeskog 2:5. 51. (50:40) Nylander 2:6. 52. (51:59) Nylander 2:7.

Bemerkungen: Deutschland mit Krueger (Bern), Schweden mit Carl Klingberg (Zug). Torhüterwechsel Deutschland (52. Aus den Birken für Greiss).