Fussball
Wie uns der Tod von Fussballer-Legende Maradona bewegt – oder nicht: «Das Idol ist schon vor 26 Jahren gestorben»

Der Argentinier ist am Mittwoch 60-jährig gestorben. In Argentinien wurden drei Tage Staatstrauer ausgerufen. In Neapel, wo er seine grössten Erfolge feierte, veranstalten die Menschen zu Ehren des «unsterblichen Königs» Strassenfeste. Ist die globale Bestürzung übertrieben?

Christian Brägger und François Schmid
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CH Media

Unfassbar traurig: Diego, ich danke dir

Christian Brägger

Christian Brägger

Hanspeter Schiess

Ich bin gerade einmal 11 Jahre alt, längst hat mich der Fussball infiziert. Wie dies Buben damals halt passiert. Dann kommt die WM 1986, mein erster bewusst erlebter Grossanlass. Er wird mich für immer prägen, auch weil Deutschland zu meiner Freude nicht Weltmeister wird, und vor allem: Wegen Diego Armando Maradona, ein Name wie ein Gedicht, den man erfinden müsste, gäbe es ihn nicht real. Das Idol meiner Kindheit.

Und jetzt ist er verstorben.

Ich schaue mir auf Youtube ein weiteres Mal das vom argentinischen Sänger Rodrigo zu seinen Ehren komponierte Lied an, das der «El Pibe de Oro» im privaten Rahmen gleich selbst singt: «La Mano de Dios», «die Hand Gottes». Es rührt mich zu Tränen, dabei hat mich der Sport nach all den Jahren vermeintlich längst abgestumpft. Es lässt in mir die Sehnsucht auf einen poetischen Fussball hochkommen, den es nicht mehr gibt. Es lässt mich die Wehmut fühlen, wie sehr die Zeit läuft, wie alt und vergänglich wir doch sind, 34 Jahre später. Und es zeigt mir, wie ewig jung, zeitlos er, die legendäre Nummer 10, geblieben ist. Alles andere wäre eine Fehleinschätzung.

Maradona ist – die Erinnerung und Wertschätzung verbieten es mir, in der Vergangenheit zu schreiben – mehr als nur ein Fussballer. Er ist die Seele Argentiniens, und für mich ist er die Seele des Fussballs. Er ist der Wahnsinn, mit allem drum herum, im Positiven wie im Negativen. Das Aalglatte, das vereint Maradona nie, dieses Durchgetaktete eines perfekten Lebens, eines optimierten Profis, bis heute interessiert mich das auch nicht. Gerade deswegen sind ein Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi Gugus neben «Dieguito».

Ich merke ein weiteres Mal, wie sehr mich das Perfekte nervt, das ein Roger Federer zeigt und präsentieren lässt, das ein Klub von seinen Spielern in der Öffentlichkeit wie auch im innersten Kreis sehen und hören will – natürlich orchestriert und zensuriert von der Medienabteilung und vielen anderen. Maradona zieht gerade aus der Unvollkommenheit seinen Mythos, sein Faszinosum; er ist ein wohltuender Querschläger fernab vom Reinen, der sich in den sozialen Medien nicht aufplustert, weil es sie – zum Glück – zu seiner Zeit nicht gibt. Dieses Korrigendum kennt er auch später nicht, auch nicht eine PR-Abteilung, die künstlich eine Position oder Image generierte. Allein schon kraft seiner Herkunft als Strassenfussballer leidet man mit Maradona immer, auf und neben dem Platz und danach. Sein Herz macht am Schluss nicht mehr mit. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik gerade bei einem, der nur mit dem Herzen und nie mit dem Kopf lebt.

Ich danke dir. Lebe wohl!

Maradonas Tod lässt mich kalt: Das Idol ist schon vor 26 Jahren gestorben

François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Sandra Ardizzone

Als Kurt Cobain starb, fand ich das unfassbar traurig. David Bowies Tod erachtete ich als Verlust für die Welt. Aber Diego Maradonas Ableben lässt mich kalt. Dabei war Maradona mein Türöffner in die Welt des Fussballs. Mehr als ein Vorbild. Ein Idol. Er war zu gut, um davon zu träumen, je so gut zu werden wie er. Maradona war unerreichbar.

Ich habe geweint, die italienischen Verteidiger verflucht und den Schiedsrichter zur Hölle gewünscht. Das war 1982, ich war 10. Argentinien reiste als Titelverteidiger zur WM nach Spanien. Mit dem Goldjungen. 21 erst. Ich hatte ihn vorher nie spielen sehen. Aber es war klar: Er ist der Auserkorene. Der Mann, der die Welt verzaubern wird. Ein schützenswertes Denkmal zu Lebzeiten.

Das sah der italienische Verteidiger Gentile etwas anders. Jeder seiner über 20 Tritte gegen Maradona schmerzte auch 1000 Kilometer entfernt. Es war, als würde Gentile das schönste und teuerste Gemälde der Welt zerstören, während die ganze Welt untätig dabei zuschaut. Welch Ungerechtigkeit! Die gratis Pizza im Ristorante nach dem späteren WM-Titel der Italiener konnte mir gestohlen bleiben. Gerechtigkeit gab es erst vier Jahre später. Mit dem WM-Triumph von Maradonas Argentinien.

Zu diesem Zeitpunkt war die Überhöhung Maradonas längst Courant normal. 80000 delirierende Tifosi bei seinem Empfang in Neapel. Ein junger Mann aus einem Armenviertel von Buenos Aires ist plötzlich der Erlöser. Er kann sich alles leisten und noch mehr erlauben. Die Welt, sie liegt ihm zu Füssen. Wie ordinär. Wie einsam? Er findet Anschluss in der Unterwelt. Dort gibt es auch Leute, die sich für unantastbar halten.

Trotz Kokain, Alkohol, Frauen und unehelichen Kindern – die Bewunderung bleibt. Bis 1994. An der WM wird er wegen Dopingmissbrauch nach zwei Spielen gesperrt. Maradona stirbt. Die Karikatur wird geboren.

20. September 1986: Alfredo Sinagra, ein geschäftstüchtiger Coiffeur aus Neapel, bestellt die Fernsehteams des Landes ans Wochenbett der Tochter. Die 22-jährige Cristiana hält ihren entbundenen Sohn wie einen Pokal in die Kameras: Diego Armando Maradona junior. Jetzt hat auch Italien seinen Messias. Auch wenn der Junge schon neun ist, ehe ihm ein Gericht erlaubt, sich Maradona zu nennen. Er ist noch nicht 10, als Napoli 250000 Franken für Maradona bezahlt.

Jahre später erzählt der Junior, wie er nicht lockerliess, seinem Vater nahezukommen. 2003 soll er sich auf einen Golfplatz geschlichen haben. Diego Senior hält ihn für einen Autogrammjäger und flüchtet. Eine von unzähligen Episoden, die es erschweren, mehr in Maradona zu sehen als den weltbesten Fussballer von früher.