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Interview

Stürmerlegenden Lustrinelli und Knup im grossen Gespräch: «Wir haben im Schweizer Fussball nicht dieselbe Breite»

Adrian Knup und Mauro Lustrinelli waren einst Topstürmer, heute sind sie für die U21-Nationalmannschaft zuständig, die am Freitag (19.00/RSI 2) in Kriens gegen Kroatien spielt. Mit uns diskutieren sie über moderne Stürmer, Nachwuchsförderung und Spätzünder.
Raphael Gutzwiller
Die Verantwortlichen des U21-Nationalteams im Krienser Kleinfeld: Trainer Mauro Lustrinelli (rechts) und der sportliche Leiter Adrian Knup. (Bild: Manuela Jans-Koch (21. März 2019))

Die Verantwortlichen des U21-Nationalteams im Krienser Kleinfeld: Trainer Mauro Lustrinelli (rechts) und der sportliche Leiter Adrian Knup. (Bild: Manuela Jans-Koch (21. März 2019))

Einst zählten sie zu den besten Stürmern der Schweiz. Heute sind Adrian Knup (50) und Mauro Lustrinelli (43) in Kriens. Knup als sportlicher Leiter und Lustrinelli als Trainer des U21-Nationalteams. Wir treffen sie zum gemeinsamen Gespräch. Wenn es keine Zeitvorgabe gäbe, würden sie stundenlang weiterreden.

Sie waren beide Stürmer. Wie sehr hat sich das Offensivspiel verändert, seit Sie aktiv waren?

Lustrinelli: Die Intensität ist anders. Früher konntest du dich als Stürmer ausschliesslich auf die Offensivarbeit konzentrieren, das ist heute nicht mehr möglich. Der Fussball ist dynamischer geworden. Als moderner Stürmer musst du auch verteidigen können.

Trotzdem stellte man zuletzt fest: Für die Entscheidung in den Partien sorgen die kreativen Spieler, wenn sie ihre Freiheiten bekommen.

Knup: Aber auch die kreativen Spieler sind in ein System eingebunden. Wenn wir uns als Beispiel Liverpool anschauen: Da schwärmen alle von Salah, Mané und Firmino. Aber sie helfen alle auch defensiv mit. Ein moderner Stürmer kann und muss auch verteidigen. Zu Mauros Zeit oder, wenn wir noch weiter zurückgehen, zu meiner Zeit war das anders. In Luzern sagte mir Friedel Rausch: «Du musst nicht in die eigene Platzhälfte kommen. Bleib vorne.» Das ist heute undenkbar.

Lustrinelli: Heute wird auch alles gemessen. Früher konnte man sich einfach ein bisschen verstecken. Aber mit Videos und all den Messdaten geht das nicht mehr. Man muss jeden Tag liefern.

Wie kann die Kreativität bei den jungen Spielern in diesem physischen Fussball gefördert werden?

Knup: Indem man die Spieler in der Offensive nicht einschränkt. Jeder Trainer hat Ideen, wie sein Team agieren soll. Aber es muss auch immer Platz für kreative, andere Lösungen da sein. Diese können den Unterschied machen. Wenn man zum Beispiel unseren U21-Nationalspieler Ruben Vargas vom FC Luzern anschaut, dann ist jeder Trainer froh, wenn man einen solchen Spielertyp im Team hat. Dieser muss auch seine Stärken, das Dribbling, ausspielen können.

Lustrinelli: Für mich ist sehr wichtig, dass die Individualität stets zum Vorteil der Mannschaft zugute kommt. Wenn wir beispielsweise vier kreative Spieler zur Verfügung haben, muss ich mich als Trainer fragen: «Wie ist es möglich, dass alle spielen und wir organisiert bleiben?» Es geht darum, die Spieler davon zu überzeugen, dass alle mitarbeiten müssen.

Das Ziel der U21-Nationalspieler ist es, mal in einer Topliga zu spielen. Wie bringt man sie dahin?

Knup: Es sind ja immer mehrere Trainer, die einen solchen Spieler fördern. Entscheidend ist, dass man auf der richtigen Stufe das Richtige macht mit den Spielern. Das ist eine grosse Herausforderung. Derzeit überdenken wir einige Themen zur Talentförderung. In der Schweiz ist es sehr ausgeprägt, dass Spieler den dualen Weg gehen. Neben dem Fussball machen sie eine Lehre oder gehen zur Schule. Diese Belastung ist aber sehr hoch. Man muss sich überlegen, ob es auf die Dauer das Richtige ist für die Spitzennachwuchstalente.

Eine Garantie, dass es jemand zum Profi schafft, hat man ja nie.

Knup: Nein, die hat man nie. Dennoch könnte man nach dem Abschluss der obligatorische Schulzeit sagen: Jetzt liegt der Fokus dieses Toptalents auf dem Fussball. Denn im Alter von 15 oder 16 hat man schon einen relativ guten Blick über den Spieler. Und beim Ausbildungssystem in der Schweiz kann man auch mit 19 oder 20 noch eine Lehre anfangen, wenn es ein solches Talent nicht schaffen sollte. Es geht dabei nur um vielleicht eine Handvoll Talente pro Jahrgang.

Dennoch ist es im Alter von 16 schwierig einzuschätzen, ob jemand Profi wird oder nicht.

Lustrinelli: Ab 18 oder 19 kann man es sicher besser einschätzen, das stimmt. Mit 17 zum Beispiel ist es schon schwierig, weil es passiert enorm viel in diesem Alter. Ein Jahr kann viel ausmachen. Ich merke das nur schon in der U21. Einige Spieler habe ich zum letzten Mal im November gesehen. Nach vier Monaten merke ich: «Der hat eine riesige Entwicklung gemacht in der Persönlichkeit.»

Für einige Spieler ist es eine grosse Umstellung, in die U21-Nationalmannschaft zu kommen. Normalerweise sind diese jungen Spieler in der Nati plötzlich Führungsspieler.

Lustrinelli: Das ist so. Auch darum ist die Nationalmannschaft so wichtig für sie. Hier spielen sie gegen gleichaltrige, sie müssen viel Verantwortung übernehmen. Man spielt für ein ganzes Land, nicht nur für einen Verein. Bei uns geht ein Wettbewerb über zwei Jahren. Dann kann es enorm viele Änderungen geben in zwei Jahren. Wenn wir die letzte Kampagne zählen: Von den Jahrgängen 1996 und 1997 sind viele schon in die A-Nationalmannschaft gekommen. Breel Embolo und Nico Elvedi waren fast nie in der U21, auch Denis Zakaria, Edimilson Fernandes und Albian Ajeti waren schnell in der A-Nati. Es ist super, wenn wir viele junge Spieler in der Nationalmannschaft haben, aber für die U21 bedeutet das auch, dass man gute Spieler nicht mehr zur Verfügung hat.

2009 feierte die Schweiz den U17-Weltmeistertitel, 2011 war die U21 an der EM im Final. Zuletzt wurde es aber ein bisschen ruhiger um den Schweizer Nachwuchs.

Knup: Jetzt ist man bei der U17 und U19 wieder in der Eliterunde, das ist wieder gut. Ich glaube, man muss immer ein bisschen unterscheiden in den Auswahlmannschaften. Auf der einen Seite hat man das Ziel, mit der Mannschaft selber gute Resultate zu machen. Auf der anderen Seite ist das übergeordnete Ziel, die Spieler für die A-Nationalmannschaft zu präparieren. Wenn einige Spieler in die A-Nationalmannschaft kommen, haben wir in der Schweiz einfach nicht dieselbe Breite, wie sie grosse Nationen haben. Zum Beispiel können die Franzosen, die mit uns in der U21-Qualifikation sind, viel besser kompensieren als wir. Stellen Sie sich vor: Bei Ihnen könnte noch Kylian Mbappé spielen. Sie haben aber auch andere grosse Talente. Wir müssen unseren wenigen Talenten mehr Sorge tragen und sie richtig fördern.

Lustrinelli: Es soll die Spieler auch stolz machen, für die Schweiz spielen zu können. Wir haben viele Doppelbürger, die «giggerig» darauf sein sollen für die Schweiz spielen zu können.

Geht man mit den Doppelbürgern anders um, damit man ihnen die Schweiz schmackhaft machen kann?

Knup: Nein, man muss alle Spieler gleich behandeln. Aber wir wollen hoch professionelle Rahmenbedingungen schaffen, damit die Talente gerne in die Nationalmannschaft kommen. Wenn jemand aber nicht sieht, was er bei uns hat und denkt, er müsse für ein anderes Land spielen, können wir ihn nicht überreden.

Lustrinelli: Wir versuchen auch möglichst oft mit den Spielern in Kontakt zu sein. Wir besuchen häufig die Vereine, tauschen uns mit den Athleten aus. Wenn sie in die Nationalmannschaft kommen, sollen sie sich wohl fühlen. Trotzdem verlangen wir natürlich viel.

Waren Sie beide U-Nationalspieler?

Knup: Ja, aber spät. Ich bekam in der U21 erstmals ein Aufgebot.

Lustrinelli: Ich war nie einer.

Wie geht man mit Spätzündern um?

Lustrinelli: Solche Spätzünder gibt es auch heute noch. Aktuelle Beispiele sind Christian Fassnacht, Fabian Schär oder Manuel Akanji. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass die Talente eher entdeckt werden als noch früher.

Knup: Und wenn einer einen anderen Weg geht und plötzlich in der A-Nationalmannschaft auftaucht, ist das natürlich auch schön. Dann können wir nur noch Danke sagen.

Zu den Personen
Adrian Knup (50) spielte unter anderem für Basel, Galatasaray Istanbul, den VfB Stuttgart und von 1989 bis 1992 für den FC Luzern. In dieser Zeit feierte er den Cupsieg, stieg aber auch ab. Für die Schweiz erzielte er in 48 Spielen 26 Tore.

Mauro Lustrinelli (43) spielte unter anderem für Bellinzona, Thun, Sparta Prag, und den FC Luzern. Beim FCL erzielte er in 48 Spielen 20 Tore. Für die Schweiz kam er auf 13 Länderspiele.

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