EM-Qualifikation
«Wir machen keine Psycho-Spiele», sagt Handball-Nationaltrainer Michael Suter vor den Pflichtaufgaben gegen Finnland

Nach der überragenden Weltmeisterschaft stehen für die Schweizer drei Jahre Aufbauarbeit auf dem Spiel. Trotzdem reagiert man bei der Nati mit einer beeindruckenden Gelassenheit auf die Drucksituation.

François Schmid-Bechtel
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«Punkto Teamgeist haben wir an der WM neue Standards gesetzt», sagt Nationaltrainer Michael Suter.

«Punkto Teamgeist haben wir an der WM neue Standards gesetzt», sagt Nationaltrainer Michael Suter.

Eva Manhart / Diener/Expa

Jetzt holt er auch mal Luft, wenn er einen Satz beendet. Jetzt reagiert er auch mal gelassen, wenn es beispielsweise ein paar Stunden länger dauert als geplant, ehe die Resultate des Coronatests vorliegen. Früher, da redete er ohne Punkt und Komma. Und früher, da reagierte er schon mal genervt, wenn die Dinge nicht nach seinem Gusto liefen. Er, das ist Michael Suter, Schweizer Handball-Nationaltrainer. Und früher liegt gar nicht so weit zurück. Ein paar Wochen, nicht viel mehr.

Die überraschende WM-Teilnahme im Januar hat einiges ausgelöst. Vorbei die Jahre als Nachtschattengewächse. Plötzlich im Scheinwerferlicht. Etwas, das die meisten nur vom Hörensagen kennen. Selbst für den Handball-Messi Andy Schmid war es die erste WM-Teilnahme überhaupt. Umso erstaunlicher, mit welcher Reife und Abgebrühtheit diese Mannschaft in Ägypten agierte.

Chaos als Nährboden für die positive Entwicklung

Ausgerechnet das Chaos hat den Reifeprozess der Schweizer Handballer und ihres Trainers beschleunigt. Das wirkt paradox in Zeiten, in denen man im Sport möglichst alles durchstrukturieren und organisieren, in denen man dem Zufall keine Entfaltungsmöglichkeit geben will.

Das Chaos beginnt am Flughafen in Zürich. Starker Schneefall verhindert zunächst den Abflug. Dabei drängt die Zeit. Denn zehn Stunden später stünde das WM-Auftaktspiel gegen Österreich an. Am Nachmittag die nervenaufreibenden Tests am Flughafen in Kairo. Und als es die Equipe knapp zwei Stunden vor Spielbeginn doch noch rechtzeitig in die Halle nach Gizeh schafft, muss sie konstatieren, dass das Gepäck fehlt. Es hätte auf dieser Reise unzählige Gelegenheiten gegeben, die Nerven zu verlieren, mit dem Schicksal zu hadern. Aber nichts davon passiert.

In diesen knapp zwölf Stunden ist im Handball-Nationalteam etwas passiert, weil eben nichts passiert ist. Weil keiner die Nerven verlor. Weil jeder ruhig geblieben ist. Weil jeder sich auf die Situation eingelassen hat. Denn jedem war bewusst, dass er eh nichts daran ändern kann. Egal ob er austickt, hadert oder schimpft. Ein wahres Reifezeugnis.

Auch mit Nationaltrainer Michael Suter hat die WM etwas gemacht: Ohne von seinem Ehrgeiz einzubüssen, wirkt er gelassener als auch schon.

Auch mit Nationaltrainer Michael Suter hat die WM etwas gemacht: Ohne von seinem Ehrgeiz einzubüssen, wirkt er gelassener als auch schon.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Mit dem Einzug in die Hauptrunde, mit drei gewonnen Spielen und Platz 16 übertreffen die Schweizer die sportlichen Erwartungen. Dass dieser Exploit möglich war, hängt stark mit dem gemeinsamen Erlebnis der Reise, aber auch der Bereitschaft, sich auf das WM-Abenteuer ein- und sich treiben zu lassen, zusammen. Denn das alles hat dem Kitt und dem Selbstverständnis einen zusätzlichen Boost verliehen. Nationaltrainer Suter sagt vor dem EM-Qualifikationsspiel am Donnerstag in Finnland: «Wir haben an der WM nicht nur sportlich, sondern auch punkto Teamspirit neue Standards gesetzt.»

Es braucht die EM-Teilnahme, um nicht wieder unterzutauchen

Apropos Finnland: Das ist eine delikate Angelegenheit. Denn die Schweiz hat viel zu verlieren. Respektive: Alles andere als ein Sieg sowohl am Donnerstag (17 Uhr) in Helsinki wie auch am Sonntag (14 Uhr) in Schaffhausen wäre mehr als ernüchternd. Denn verliert die Schweiz gegen den Aussenseiter Punkte, wird die Qualifikation für die EM eine äusserst komplizierte Geschichte. Und verpasst die Schweiz die EM, ist der beeindruckende Steigerungslauf der letzten Jahre bloss noch ein unscharfes, vergilbtes Bild. Man stünde wieder dort, wo man vor drei Jahren gestanden ist. Irgendwo im Nirgendwo.

Aber davon will Suter nichts wissen. Schliesslich ist man jetzt wieder wer im Handball. Ohne dabei überheblich zu wirken. Deshalb sagt er Dinge wie: «Wir sind auf dem Papier Favorit gegen Finnland: Damit schiesst man aber noch keine Tore.» Oder: «Der Teamspirit ist grossartig. Trotzdem hat jeder im Team seinen besten Kumpel. Das darf ruhig so sein. Wir machen jedenfalls keine Psycho-Spiele, wonach wir bestimmen, wer mit wem Zeit verbringen soll.»

Ausgerechnet der unberechenbare Roman Sidorowicz wird von Michael Suter als «positive WM-Überraschung» bezeichnet.

Ausgerechnet der unberechenbare Roman Sidorowicz wird von Michael Suter als «positive WM-Überraschung» bezeichnet.

Marc Schumacher/Freshfocus / freshfocus

Und dann, fast beiläufig, sagt Suter einen Satz, den man so von ihm vor einigen Wochen nicht erwartet hätte: «Sido war die positive Überraschung dieser WM.» Sido, das ist Roman Sidorowicz. Für einen Rückraumspieler eigentlich zu klein und zu schmächtig. Aber er ist im Handball, was im Fussball als Strassenfussballer bezeichnet wird. Agil, unberechenbar, spielfreudig. Von aussen schien es aber, als hätte Sidorowicz bei Suter nicht allzu viel Kredit. Als wäre «Sido» eine Spur zu wenig linientreu. Und nun adelt ihn der Nationaltrainer. Nun lässt sich Suter eher auf das Unberechenbare ein. Es ist augenfällig, dass das WM-Abenteuer auch bei ihm einiges ausgelöst hat.