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Interview

Russlands oberster Dopingjäger fordert vom eigenen Land: «Wir müssen das alte Denken zerstören»

Der neue russische Antidoping-Direktor Juri Ganus stellt sich mutig gegen seine Gegner im Sport und in der russischen Politik. Er fordert den Rücktritt der gesamten Führung in der Leichtathletik und indirekt auch den Kopf von Sportminister Pawel Kolobkow.
Interview: Rainer Sommerhalder aus Katowice
Generaldirektor Juri Ganus kämpft für die Unabhängigkeit der Russischen Antidoping-Agentur. Bild: Artyom Geodakyan/Tass (Moskau, 20. September 2019)

Generaldirektor Juri Ganus kämpft für die Unabhängigkeit der Russischen Antidoping-Agentur. Bild: Artyom Geodakyan/Tass (Moskau, 20. September 2019)

Der russische Sport hat in den letzten Jahren systematisch betrogen, bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Dopingproben manipuliert, die überführten Athletinnen und Athleten geschützt und jüngst sogar die Analysedaten des Moskauer Antidoping-Labors gefälscht. Man spricht aufgrund des methodischen Vorgehens und der politischen Strukturen nicht grundlos von einem staatlich gelenkten Dopingprogramm.

Während die grosse Mehrheit der Verantwortlichen in Russland dies vehement bestreitet und gar von einem politisch motivierten Komplott des Westens spricht, nimmt Juri Ganus, der neue Chef der russischen Antidoping-Behörde, die Rolle des Saubermanns ein. Er legt sich dabei selbst mit den Mächtigen der russischen Politik an. Juri Ganus – ein echter Hoffnungsträger für sauberen Sport? Oder vielleicht nur eine inszenierte Figur in einem brillanten strategischen Schachspiel der Russen?

Sie sagten, dass man zuerst in Russland ehrlich mit sich selber sein muss, bevor die internationalen Sanktionen aufgehoben werden. Was sieht man, wenn man ehrlich ist?

Juri Ganus: Wir haben das Anti­doping-System in Russland in den vergangenen zwei Jahren auf neue Beine gestellt. Heute ist die russische Anti­doping­agentur unabhängig. Wieso sage ich das? Am Ende des derzeitigen Prozesses der Welt-Antidopingagentur wird die Rusada wegen den manipulierten Labordaten wohl wieder ihre Zulassung verlieren. Es gibt Behörden in Russland, die genau das wollen.

Wieso?

Weil sie so unsere Unabhängigkeit limitieren können. Es ist verrückt. Die derzeitige Situation in Russland ist eine Tragödie für unseren Sport und unsere zukünftigen Athleten. Nach fünf Jahren Dopingkrise stelle ich fest: Wir haben sie nicht überwunden, sondern stecken tiefer darin als je zuvor.

Was muss passieren?

Wir müssen die Entscheidungsträger und unser Vorgehen stark verändern. Es gibt dazu keine Alternative. Sie haben unseren Sport in die grösste Krise seiner Geschichte geführt.

Wer hat in Russland ein Interesse daran, Ihre Arbeit zu behindern?

Leute, welche die derzeitige russische Position nicht richtig einschätzen. Die nicht verstehen, dass eine unabhängige Antidopingagentur dem russischen Sport sehr helfen würde. Nur auf diesem Weg ist eine bessere Beziehung zur internationalen Sportgemeinschaft möglich. Wir versuchen, eine Brücke des Vertrauens zu bilden. Man wird ­sehen, dass die neue Rusada den sauberen Sport schützt.

Dagegen kann doch niemand etwas haben?

(lacht)

Wir haben saubere Athleten, wir haben gute Coaches und integre Funktionäre. Aber sie sind keine Entscheidungsträger. Das ist das Hauptproblem in Russland. Und meine Message an den russischen Präsidenten und an die mächtigen Staatsbehörden lautet deshalb: Es ist unmöglich, unsere Arbeit weiterzuführen, wenn wir es mit Entscheidungsträgern und ihren schlechten, alten Ansätzen zu tun haben.

Wie wird Ihre Arbeit behindert?

Die Rusada ist auf einer Eisbrecher-Mission. Wir müssen das Eis brechen, das durch die Toleranz von Doping entstanden ist. Doch wir stehen unter «friendly fire». Ich wurde mehrmals bedrängt und auch schon bedroht, weil wir internationale Prinzipien und Werte im Sport vertreten und unsere Unabhängigkeit verteidigen. Es gab zum Beispiel eine Desinformationskampagne gegen die Rusada.

Sie haben den russischen Sport­minister Pawel Kolobkow stark kritisiert. Was werfen Sie ihm vor?

Zuerst stellte ich mich mit meiner Kritik gegen die Führung des russischen Leichtathletikverbandes. Zusammen mit der unabhängigen Doping-Abteilung des internationalen Verbandes untersuchen wir deren Treiben. Es darf hier nicht um persönliche Beziehungen gehen, sondern um einen professionellen Blick auf die reelle Situation. Der internationale Sport basiert auf vier Säulen: Integrität, Kooperation, Transparenz und Vertrauen. Wir haben gesehen, wie sich die Führung der russischen Leichtathletik gegen diese Prinzipien gestellt hat. Wir müssen das alte System, dieses alte Denken zerstören. Immer mehr junge Menschen wenden sich deswegen in Russland von der Leichtathletik ab. Aber unser Sportminister schützt die Vertreter des alten Systems.

Dann müsste auch Kolobkow ersetzt werden?

Die Wada hat festgestellt, dass die ­Labordaten von Moskau manipuliert wurden. Ich war schockiert über die Art und Weise, was da geschah. Es ist ein Problem des Systems, weil es das Eingreifen einer übergeordneten Behörde gab. Der Sportminister garantierte der Wada, dass es sich um die echten Daten handelt. Er trägt die politische Verantwortung.

Wo liegt das Interesse, die Betrüger zu schützen?

Ich weiss es nicht genau. Die Rusada war nicht involviert in den Prozess der Übergabe von Daten. Wir haben keinen Zugang zum Moskauer Labor. Aber man muss sich fragen, welche Athleten sollen hier genau geschützt werden: frühere Sportler, die heute in einer Machtposition sind.

Sie kritisierten sogar Ihren Präsidenten Wladimir Putin, weil er den Fokus zu wenig auf die gegenwärtige Doping-Situation lege.

Heute verstehe ich, wieso Präsident Putin nicht über diesen Prozess im Bilde war. Der Sport hatte in den letzten Monaten wegen der Ukraine- und Syrien-Krise für ihn nicht erste Priorität. Und es sah ja im Sport lange danach aus, als gäbe es positive Tendenzen zur Überwindung der Krise.

Aber Sie möchten Putin gerne treffen, um mit ihm über die aktuellen Probleme im russischen Sport zu sprechen.

Es ist sehr wichtig, dass die präsidiale Kraft den Kampf gegen Doping unterstützt. Die Arbeit der Rusada ist im ­nationalen Interesse. Aber nicht alle sehen das so. Als ich mich im Dezember an Präsident Putin gewandt hatte, bekam ich darauf auf indirektem Weg Drohungen. Ich solle mein Anliegen unverzüglich zurückziehen. Ich fragte mich, wieso sind Leute so nervös, wenn ich den Kontakt zu Putin suche.

Und wie lautet Ihre Antwort?

Man will, dass über das, was geschehen ist, auf diesem hohen politischen Level Schweigen herrscht. In unserem Land gibt es ein Sprichwort: Jener, welcher die schlechte Nachricht überbringt, wird zuerst getötet. Aber ich bleibe dabei: Die alten Entscheidungsträger müssen ersetzt werden.

Haben Sie manchmal Angst?

Ich habe nicht mehr Angst als jeder andere normale Mensch. Ich hoffe, dass die seriösen Entscheidungsträger verstehen, dass die Rusada eine unabhängige Position einnehmen muss und dass unser Land wirkliche Veränderungen im Sport braucht. Aber ich weiss auch, dass es gerade in Russland manchmal sehr gefährlich ist, Politik zu betreiben.

Es gibt auch die Diskussionen, dass Sie diesen Good Guy in einem strategischen Spiel Russlands nur spielen, damit der Sportgerichtshof am Schluss weder die Rusada noch einen russischen Olympiaausschluss verhängen kann.

Nein, nein, nein! Diese Leute kennen mich nicht. Ich habe immer die Interessen der Unternehmen vertreten, für die ich gearbeitet habe. Ich würde mit einem solchen Spiel meinen guten Ruf verlieren, den ich mir in meinem Leben aufgebaut habe. Ich habe Prinzipien, für die ich einstehe. Und meine Tätigkeit für die Rusada ist keine normale Arbeit, es ist eine Mission.

Man wartet gespannt auf die Reaktion der Wada zu den gefälschten Labordaten. Mit welcher Bestrafung rechnen Sie?

Der Entscheid wird sehr schmerzhaft für den russischen Sport sein. Die russische Olympiamannschaft wird wohl nur begrenzt an den Spielen in Tokio teilnehmen können. Und ich befürchte, dass dies auch 2022 so sein wird.

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