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Chef der Olympischen Spiele sagt: «Wir müssen uns den Kritikern stellen»

Olympiadirektor Christophe Dubi über die Macht des Sports, den schlechten Ruf des Internationalen Olympischen Komitees und die Serie verlorener Volksabstimmungen.
Interview Rainer Sommerhalder
Christophe Dubi, Chef-Entwickler der Olympischen Spiele. Bild: Fabrice Coffrini/AFP (Lausanne, 6 Dezember 2017)

Christophe Dubi, Chef-Entwickler der Olympischen Spiele. Bild: Fabrice Coffrini/AFP (Lausanne, 6 Dezember 2017)

Der Westschweizer Christophe Dubi ist eine der wichtigsten Figuren im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Er prägt als Direktor Gestaltung und Entwicklung von Olympischen Spielen. Dubi bleibt nach über 20 Jahren in Diensten der mächtigsten Organisation im Sport ein glühender Anhänger der olympischen Ideale. Aber so sehr er vom Wirken des IOC überzeugt ist, so deutlich plädiert er auch für einen Dialog mit den Gegnern von Olympischen Spielen.

Kann Sport die Welt verändern?

Christophe Dubi: Ja, definitiv! Sport kann helfen, die Welt zu verändern.

Wie?

Sport ist eine Plattform, die Verbindungen zwischen Menschen ermöglicht. Um andere zu verstehen, musst Du sie treffen, Du musst mit den anderen interagieren. Wenn wir eine bessere Welt erreichen wollen, müssen wir die Menschen dazu bringen, sich zu verstehen. Und Sport tut genau dies, das sind keine leeren Worte. Sport bringt Menschen aus verschiedenen Kulturen, aus unterschiedlichen Religionen und mit verschiedenen Geschichten zusammen.

Aber muss man sich nicht die Gewissensfrage stellen, wenn das IOC mit einem Diktator wie Kim Jong Un über die Teilnahme verhandelt?

Das ist genau das, was Sport für das bessere Verständnis der Menschen untereinander tun kann. Wir verlassen nicht unsere Grenzen. Wir sprechen über die Werte der Olympischen Spiele, nicht über politische Systeme. Wir erlauben Mannschaften aus aller Welt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, die eine universelle Feier des Sports und der Menschheit sind. Alle, die sich den Werten der Olympischen Spiele verschreiben, dürfen mitmachen.

Gibt es für das IOC keine Grenze?

Wenn diejenigen, die an die Spiele kommen, die olympische Charta respektieren, dann gilt für uns die grösstmögliche Akzeptanz der Menschen. Komm, so wie du bist. Aber in einem Umfeld, in dem wir die Werte und die Regeln festlegen. Es sind die Regeln des Sports. Und Sport bedeutet auch: keine Diskriminierung!

Apropos Diktatoren: FIS-Präsident und IOC-Mitglied Gian Franco Kasper ...

Wir haben das schon kommentiert!

Er hat mit seiner Aussage, dass Olympische Spiele am besten nur noch in Diktaturen durchgeführt werden, mächtig Staub aufgewirbelt. Eine ziemliche Provokation?

Das IOC sieht die Dinge anders und hat eine offizielle Position zu allen Punkten. Und diese Position ist äusserst klar. Etwa zur Bedeutung der Nachhaltigkeit oder der Menschenrechte, wo das IOC seiner Verantwortung im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen gerecht wird. Im IOC werden die Werte gelebt.

Aber überall dort, wo das Volk dazu befragt wurde, gab es zuletzt ein Nein zu Olympischen Spielen. Das muss zu denken geben?

Natürlich. Wir denken bereits seit 2013 intensiv darüber nach. Erinnern Sie sich daran, dass wir bei der damaligen Kampagne für die Winterspiele 2022 die gleiche Situation hatten. Wir starteten mit einem grossen Feld von Interessenten und am Schluss blieben nur Peking und Almaty übrig. Darauf basierend haben wir grosse Änderungen gemacht bei der Bewerbung für die Spiele und bei der Art, wie wir die Spiele organisieren.

Doch der Einfluss auf die Abstimmungen scheint minimal?

Wir haben eine neue Situation im Zusammenhang mit den Winterspielen 2026, wo es ebenfalls eine Anzahl von Referenden und Volksabstimmungen gab, die verloren gingen. Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Ich stelle fest, dass die Änderungen bei der Bewerbung und der Organisation von Olympischen Spielen greifen, aber das ist in der breiten Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt. Etwa die Tatsache, dass wir im Hinblick auf die Sommerspiele 2020 in Tokio grosse Einsparungen gemacht haben. Oder, dass die Winterspiele 2018 in Pyeongchang mit einem grossen Gewinn abgeschlossen haben. Oder, dass man in Paris 2024 und Los Angeles 2028 fast nur auf bestehende oder temporäre Anlagen setzt und klare Einsparungen gemacht werden. Oder, dass wir den Bewerbern ermöglichen, die Spiele in verschiedenen Regionen durchzuführen – wie die beiden Bewerber für 2026, Mailand und Cortina sowie Stockholm und Åre.

Ich bezweifle, dass dies reicht.

Es gibt einen weiteren Grund, wieso es zu den negativen Abstimmungen kam. Die gesamte Debatte konzentrierte sich sowohl in der Schweiz wie auch in Kanada auf die Kosten der Spiele und viel zu wenig auf die Wirtschaftlichkeit. Wieso das so ist? Die Bewerber müssen hinsichtlich ihres Budgets bereits sehr früh sehr detailliert sein. So ist die Ausgabenseite in einem sehr frühen Stadium der Bewerbung bekannt. Es ist das Erste, worüber man spricht. Anstatt dass man über die Organisation, die Wirtschaftlichkeit und die Vision der Spiele diskutiert. Die neuste Studie zeigt, dass über die letzten 20 Jahre die Kosten bei den Spielen zwar tatsächlich in bestimmten Bereichen überschritten wurden, die Überschüsse auf der Einnahmenseite aber nach wie vor überwiegen. Die Wirtschaftlichkeit der Sommerspiele Tokio 2020 ist sehr gut. 5,6 Milliarden Dollar operatives Budget heisst, 5,6 Milliarden Dollar in die lokale Wirtschaft investiert. Und das generiert zusätzlich 25 bis 30 Prozent Steuern, die in den öffentlichen Bereich fliessen. Diese Fakten wurden im Zusammenhang mit den Kandidaturen in Sion oder Calgary nie diskutiert.

Das Schweizer Olympia-Nein muss Sie persönlich enttäuscht haben.

Wenn man ein starkes Projekt aus der Schweiz vor sich hat, welches die Ziele der Agenda 2020 derart gut widerspiegelt, dann kann man nur enttäuscht sein. Die Bewerbung von Sion 2026 wäre fantastisch gewesen. Wir Schweizer sind wirklich gut im Organisieren von Wintersportevents. Also muss man traurig sein, wenn man einen solchen Kandidaten verliert.

Offensichtlich gelingt es nicht, die Reformen überzeugend zu propagieren. Wie wollen Sie das ändern?

Wir müssen konstant darüber reden und Argumente liefern, die auf Fakten basieren. Das IOC muss sich der Zivilgesellschaft und der kritischen Debatte stellen. Deshalb sprechen wir auch mit den Kritikern. Wir wollen verstehen, wieso sie gegen die Olympischen Spiele sind.

Gibt es im Sportsystem generell Bedarf für Reformen?

Ja, es gibt sehr viele laufende Reformen. Deshalb hat das IOC im Jahr 2014 ja auch die olympische Agenda 2020 als sehr starkes Zeichen initiiert. Wenn wir davon sprechen, ein neues Kapitel aufzuschlagen, dann tun wir das auch. Und wieso tun wir das? Weil wir spüren, dass die Zeit gekommen ist, um diese Art von Entscheidungen zu treffen.

Es braucht zum Beispiel dringend mehr Unabhängigkeit, etwa im Kampf gegen Doping.

IOC-Präsident Thomas Bach persönlich war es, der bei Antidoping mehr Unabhängigkeit von Sportorganisationen verlangte. Daraus entstand unter anderem die internationale Testagentur ITA, die jetzt die Dopingtests von den Sportverbänden und grossen Eventorganisatoren übernimmt. Auch bei Olympischen Spielen sind die Dopingtests und die Sanktionen zukünftig nicht mehr in der Hand des IOC. Ich sehe kein besseres System als jenes, das wir damit in diesem Bereich haben. Es ist unabhängig.

Kommen wir zu Ihnen, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren für das IOC. Was macht für Sie die Faszination dieser Organisation aus?

Das IOC ist ein Akteur der Zivilgesellschaft. Die Olympischen Spiele und die Aktivitäten der olympischen Bewegung sind ein wertvolles Gut dieser Welt. Und wenn sie weiterhin relevant sein sollen, dann müssen wir uns ständig anpassen. Diese konstante Entwicklung und das Finden von neuen Wegen fasziniert mich.

Schauen wir noch kurz auf einige Brennpunkte des Sports. Wo spürt das IOC den Klimawandel?

Wir sind uns im Klarem darüber, dass Nachhaltigkeit bei jeder Kandidatur Punkt eins sein muss. Das ist tief verwurzelt in der Organisation der Spiele. Bei jeder unserer Entscheidungen gibt es einen Filter, ob sie nachhaltig ist und wie die Auswirkungen aussehen. Wir führen laufend Diskussionen, wie wir den CO2-Ausstoss mindern können, wie wir sogar besser als CO2-neutral sein können.

Wieso gibt es immer wieder Schlagzeilen wegen korrupter Funktionäre?

Unsere Position ist sehr klar: Weder im IOC noch sonst wo im Sport wird ein solches Verhalten toleriert. Und als Resultat handelt das IOC, wann immer es möglich ist. Wichtig für uns ist, dass das IOC danach beurteilt wird, was es tut, wenn ein Problem vorliegt. Und das ist: Es tritt dem Problem entgegen und handelt.

Wie gewinnt man die nächste Olympia-Volksabstimmung?

(überlegt lange)

Indem wir uns engagieren. Indem wir deutlich und lautstark über die Vorteile der Durchführung von Olympischen Spielen sprechen. Indem wir Fakten und Zahlen auf den Tisch legen. Indem wir offen sind gegenüber den Andersdenkenden und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und nicht gegeneinander zu arbeiten. Indem wir eine offene Haltung zu jeder Diskussion einnehmen. Wir wollen zeigen, dass Olympische Spiele das Leben verändern können.

Zur Person

Christophe Dubi wurde 1969 geboren, stammt aus Lausanne und studierte politische Ökonomie an der Universität Fribourg. Später erlangte er den Master in Sports Administration, verfasste zahlreiche Publikationen zum Thema Sportmanagement. Seit 1996 arbeitet er für das IOC in Lausanne, zuerst als Manager in der Abteilung für strategische Planung. Im Juli 2007 wurde Dubi zum IOC-Sportdirektor ernannt, im September 2014 zum Exekutivdirektor der Olympischen Spiele befördert. Dubis Vater Gérard nahm als Eishockeyspieler für die Schweiz 1972 bei den Olympischen Spielen in Sapporo teil.

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