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Der verstorbene Kunsttrainer Martschini kam vor 50 Jahren in die Schweiz – Seine Familie erinnert sich

Am Dienstag jährt sich die Besetzung der ehemaligen Tschechoslowakei zum 50. Mal. Der verstorbene Kunstturntrainer Ludek Martschini, Begründer der legendären «Martschini-Girls», zog damals in die Schweiz. Seine Frau und sein Sohn erinnern sich.
Stephan Santschi
Nadia Martschini und ihr Sohn Ludek junior blättern in einem Erinnerungsalbum. (Bild: Pius Amrein/ZVG (Luzern, 13. August 2018))

Nadia Martschini und ihr Sohn Ludek junior blättern in einem Erinnerungsalbum. (Bild: Pius Amrein/ZVG (Luzern, 13. August 2018))

«Es war ein Schock.» Nadia Martschini, 83 Jahre alt, sitzt am Tisch ihrer Wohnung in der Stadt Luzern und geht in Gedanken zurück zu jenem 21. August 1968, als sie die verhängnisvolle Kunde aus ihrer Heimat vernahm. Mit ihrem Mann Ludek war sie gerade bei einer befreundeten Familie in Emmenbrücke zu Besuch – um etwas Ferien zu machen und vor allem, um über ein Engagement von Ludek Martschini als erster Nationaltrainer der Schweizer Kunstturnerinnen zu sprechen. Ihre drei Kinder kamen nicht mit, sie verbrachten die Zeit in einem Ferienhaus in Litvinov bei den Grosseltern. «Nie war ich mit meinem Mann mitgereist, das war das erste Mal», erzählt Nadia Martschini.

Ausgerechnet jetzt also erfuhr sie im TV, am Radio und in der Zeitung, wie 500 000 Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei einmarschierten. Wie 6300 Panzer Prag besetzten, wie geschossen wurde, dass 108 Tschechen und Slowaken der Gewalt der Besetzter zum Opfer fielen. «Litvinov lag nahe an der Grenze zur DDR. Wir gingen davon aus, dass auch dort etwas geschehen würde. Wir rechneten mit dem Schlimmsten.»

Ihre drei Kinder Gita, Ludek junior und Peter waren damals 14, 9 und 5 Jahre alt. Einfach schnell mal anrufen und fragen, wie es geht, war nicht möglich. «Es gab keine Handys und ein Telefon hatten meine Grosseltern auch nicht. Wir versuchten vergeblich, die Nachbarn zu erreichen.» Erst zwei Wochen nach Beginn der Okkupation erfuhren sie in einem Brief, dass zu Hause alle wohlauf waren.

Einen Monat in Sorge um die Kinder

Ludek junior hat die Bilder noch klar vor Augen. «Es war brutal für unsere Eltern. Sie waren hier in der Schweiz und wir waren dort. Bei den Grosseltern fühlten wir uns aber wohl behütet, es war nicht so, dass wir riesige Angst gehabt hätten. Wir haben wohl gar nicht richtig realisiert, was geschehen war», erzählt der heute 59-Jährige. Er erinnert sich, wie er in der Nacht die Flugzeuge hörte, wie seine Grossmutter und seine Schwester vor dem Radio weinten, wie Lebensmittelläden innert Kürze leer gekauft waren und er weiss von einem Moment zu berichten, als er am Fenster sass und das Glas plötzlich zu vibrieren begann. «Dutzende Panzer fuhren vorbei. Es schien, als ob die Soldaten gar nicht wussten, wo sie waren. Einer winkte sogar einem Passanten zu. Als dieser ihm einen Stein an den Kopf warf, schien er die Welt nicht mehr zu verstehen.» Grösstenteils war der Widerstand der Tschechoslowaken aber passiv. Sie drehten und übermalten Strassenschilder, um die Besatzer in die Irre zu führen oder sie hängten Plakate mit Anti-Slogans auf.

In der Zwischenzeit versuchten ihre Eltern verzweifelt, die Schweiz zu verlassen. «Die Flugzeuge aber hatten den Betrieb eingestellt, wir konnten erst einen Monat später zurück nach Litvinov fliegen», berichtet Nadia Martschini, die stets in Sorge um ihren Nachwuchs war. Noch bevor sie die Rückreise antraten, unterschrieb Ludek senior mit dem Eidgenössischen Turnverein (ETV) einen Vierjahresvertrag. Ein wegweisender Moment für die ganze Familie, wie sich noch zeigen sollte.

In der kommunistischen Tschechoslowakei lebten die Martschinis in ordentlichen Verhältnissen. «Wir arbeiteten beide auf dem Büro einer Chemiefabrik, zudem war mein Mann Kunstturntrainer.» Die berühmteste Athletin, die Ludek unter seinen Fittichen hatte, war die siebenfache Olympiasiegerin Vera Caslavska. «Eigentlich wollte er das Angebot der Schweizer ablehnen, weil wir Hoffnung hatten, dass sich bei uns im Rahmen des Prager Frühlings alles verbessern würde. Die militärische Intervention hat uns dann alle überrascht», erklärt Nadia Martschini.

Ludek profitierte dabei von den chaotischen Zuständen nach der Besatzung und erhielt relativ problemlos die Erlaubnis, um für vier Jahre im Ausland zu arbeiten. Unter der Bedingung allerdings, dass er rund 30 Prozent seines Lohns dem Staat überwies. Im November 1968 kehrte er in die Schweiz zurück und begründete hierzulande das wettkampfmässige Kunstturnen der Frauen. Noch heute sind seine Athletinnen als «Martschini-Girls» ein Begriff, 1972 führte er sie erstmals an Olympische Spiele und dort auf den starken 13. Rang, er selber errang Kultstatus.

«In Luzern gibt es nur Cowboys, Indianer und Clowns»

Die Familie Martschini im Februar 1969 nach der Einreise in die Schweiz am Flughafen Zürich, hinten von links: Gita, Mutter Nadia, Vater Ludek. Vorne von links: Peter, Ludek junior. (Bild: Pius Amrein/ZVG (Luzern, 13. August 2018))

Die Familie Martschini im Februar 1969 nach der Einreise in die Schweiz am Flughafen Zürich, hinten von links: Gita, Mutter Nadia, Vater Ludek. Vorne von links: Peter, Ludek junior. (Bild: Pius Amrein/ZVG (Luzern, 13. August 2018))

Im Februar 1969 folgte ihm schliesslich die ganze Familie in seine Zweizimmerwohnung nach Luzern. Alles, was sie noch besassen, hatte Platz in vier Koffern. Ludek junior, damals neunjährig, lacht herzlich, wenn er an seine ersten Eindrücke zurückdenkt. «Es war Fasnacht, überall hatte es verkleidete Menschen auf der Strasse. Ich dachte: Hier gibt es nur Cowboys, Indianer und Clowns, hier gefällt es uns, hier möchten wir bleiben.» Noch heute schwärmen die Martschinis von den Schweizern, die mit Fähnchen der Tschechoslowakei ihre Anteilnahme symbolisierten. «In den ersten Tagen kauften wir im Quartierladen reihenweise Bananen, Orangen und Schokolade ein. Bis wir merkten, dass hier die Regale jeden Tag gefüllt sind. Das waren wir uns nicht gewohnt», berichtet Ludek junior schmunzelnd.

Sein Vater arbeitete bis 1978 für den ETV, später war er sportlicher Leiter des Migros-Fitnessparks im Tribschen und gab unter dem Motto «Fit mit Martschini» verschiedene Kurse. Auch mit seinem Enkel Lino, heute Eishockeyspieler beim EV Zug, machte er Kraft- und Konditionstraining (siehe separates Interview). «Er war sehr streng, aber auch menschlich und sehr humorvoll. Er konnte die Leute motivieren und begeistern», erklärt Ludek junior. Wenn sein Vater nach einem Kurs das Restaurant im Fitnesspark betrat, sollen sogar die älteren Semester ihre Zigarette unter dem Tisch versteckt haben.

2014 starb Ludek Martschini im Alter von 87 Jahren. «Ich vermisse ihn sehr», sagt seine Frau Nadia, die in ihrer Wohnung an einer Wand viele Familienfotos und auch eine Porträtzeichnung ihres Mannes aufgehängt hat. In drei grossen Fotoalben ist die gemeinsame Vergangenheit dokumentiert. «Hätten wir in der Tschechoslowakei bleiben müssen, wäre es für uns nicht einfach gewesen», sagt sie.

Ludek junior (59) lebt ebenfalls in Luzern und arbeitet als Grafiker und Illustrator. Peter Martschini, der 55-jährige Vater von Eishockey-Nationalspieler Lino, ist Marketingverantwortlicher einer Garage und wohnt mit seiner Frau in Root. Gita (64) lebt in Adliswil und begleitet Sterbende und Schwerkranke in Pflegeheimen. Sie alle haben ihr Glück in der Schweiz gefunden und nie über ein Leben in ihrer alten Heimat als Alternative nachgedacht. «Dank unserem Vater sind wir hier, dafür sind wir ihm und unserer Mutter sehr dankbar», bemerkt Ludek junior und hält fest: «Letztlich ist aus etwas Negativem etwas Positives entstanden.»

Am Dienstag, wenn der Einmarsch der Besatzer exakt 50 Jahre her sein wird, wird die Familie nicht zusammenkommen. «Das tun wir im Februar 2019, wenn sich unsere Ankunft hier zum 50. Mal jährt.»

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