«Die Schweizer sind so schnell wie die Kenianer»

Julien Wanders hält den Weltrekord über 5 km und den Europarekord im Halbmarathon. Sein Ostschweizer Trainer Marco Jäger erklärt Wanders’ Erfolgsrezept – und spricht über das unausgeschöpfte Potenzial anderer Schweizer Läufer.

Interview: Philipp Wolf
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Julien Wanders lebt und trainiert seit 2014 in Kenia. (Marc Schumacher/freshfocus)

Julien Wanders lebt und trainiert seit 2014 in Kenia. (Marc Schumacher/freshfocus)

Der Genfer Julien Wanders läuft von Triumph zu Triumph. Der 22-Jährige lebt und trainiert seit 2014 in Kenia und weilt jeweils nur noch für rund drei Monate pro Jahr in der Schweiz. Gecoacht wird der Weltklasseläufer von Marco Jäger. Der 55-Jährige Ostschweizer begleitet Wanders seit 2011.

Julien Wanders hält den Weltrekord über 5 km, den Europarekord im Halbmarathon und ist für einen Läufer mit 22 Jahren doch noch jung. Wie früh sahen Sie sein Talent?

Was man bei Julien von Anfang an gesehen hat, war sein grosses Bewegungstalent.

Auffällig wurde es dann im Training, als er in einer Gruppe von anderen talentierten Athleten jeweils die grössten Entwicklungssprünge gemacht hat.

Es ging schnell vorwärts. Spätestens mit 17, 18 Jahren machte er dann Fortschritte, wo ich sagen musste: Doch, da passiert etwas. Was natürlich noch dazu kommt, ist Juliens mentale Einstellung.

Wie meinen Sie das?

Er sagte schon immer, dass er Berufssportler werden will. Das stand für ihn schon früh fest. Auch der Entscheid nach Kenia zu gehen, ging von ihm aus. Durch seine Einstellung, sein Talent und seine Freude am Training merkte ich bald, dass Julien ein spezieller Athlet ist.

Wie trainieren Sie Wanders, seit er sich in Kenia aufhält?

Er erhält von mir jede Woche einen Trainingsplan. Nach jeder Haupteinheit, von denen es pro Woche zwei bis drei gibt, reden wir miteinander. Dann machen wir Videoauswertungen, bei denen auch Juliens Freundin hilft. So sind wir schliesslich pro Woche fünf- bis sechsmal in Kontakt.

Wie sieht Wanders’ Trainingspensum genau aus?

Wir haben keine Angst vor einem grossen Trainingsumfang. Wir wollten nicht nur 70 Minuten laufen, sondern 70 Minuten schnell laufen. Wir wollen im Ausdauerbereich ganz bewusste qualitative Fortschritte sehen. Es gibt viele Athleten, die bei einem Dauerlauf einen bestimmten Rhythmus laufen, um die Distanz durchzuziehen.

Bei Julien hingegen lautet die Devise: sowohl länger als auch schneller laufen. So haben wir versucht, die Wettkampfleistung, die wir sehen wollten, im Training konkret aufzubauen.

Dazu macht Julien neben dem Lauftraining vier- bis fünfmal die Woche Krafttraining, davon zwei bis drei Einheiten präventiv, und mehrmals technik- sowie sprintorientierte Arbeit.

Wanders Trainingsaufwand hat auch schon zu Kritik geführt, die Belastung könne irgendwann zu gross werden. Was sagen Sie dazu?

Die Kritik kam vor allem vor drei, vier Jahren, als Julien anfing in einem recht intensiven Umfang zu trainieren. Aber natürlich haben wir Julien dabei vorsichtig aufgebaut. Wir sind uns in Europa und auch in der Schweiz manchmal nicht ganz bewusst, welche Anforderungen das Langstrecken-Hochleistungstraining an einen Athleten stellt, der in die Weltspitze vorstossen will.

Was meinen Sie damit?

Grundsätzlich ist das Training von Weltklasseathleten heutzutage eine Frage von hohem Volumen und hoher Qualität. Amerikaner, Kenianer oder Äthiopier trainieren sicher nicht weniger als Julien. Er macht das, was es braucht, um einen Halbmarathon in 59:13 Minuten zu laufen. Ein weiterer Kritikpunkt betraf die Tatsache, dass Julien relativ früh mit Höhentraining begann.

Warum wurde das Höhentraining kritisiert?

Wir sind das Höhentraining ein wenig früher und aggressiver angegangen als das vielleicht in der Schweiz und Europa üblich ist. All das aus der Überzeugung heraus, dass es diesen Schritt braucht, um an die Spitze zu kommen. Das war ein bewusster Entscheid von Julien und mir. So wollten wir auch zeigen, dass man in Europa endlich einmal mentale Barrieren abbauen sollte.

An welche «Barrieren» denken Sie?

Wir können so schnell laufen wie Kenianer und die Äthiopier. Und es ist nicht nur Julien, der das kann, sondern noch andere Schweizer. Aber dafür müssen sie den entsprechenden Weg gehen.

Wir könnten problemlos 15 bis 20 Läufer haben, welche die 10 km unter 30 Minuten laufen.

Das wäre eine Basis für eine breitere Spitze im Langstreckenbereich.

Was bräuchte es, damit mehr Schweizer so schnell laufen?

Disziplin und die richtige Methodik. Das ist eben das Abbauen von Barrieren. Julien hat die Disziplin und die Methodik. Er hat diese mentale Barriere selbst nie gehabt und kann mit seinen Resultaten hoffentlich andere Schweizer Athleten inspirieren.

Also ist Talent weniger wichtig als Disziplin?

Talent ist immer wichtig. Aber schliesslich ist harte Arbeit wichtiger als Talent, nicht umgekehrt. Um absolute Weltspitze zu sein – sprich, einen Halbmarathon in unter einer Stunde zu laufen – braucht es viel Talent. Für eine Zeit um die 62 bis 63 Minuten braucht es zwar Talent, aber kein ausserordentliches.

Sind Sie diesbezüglich auch in Kontakt mit Swiss Athletics, damit ebendiese Barrieren verschoben werden?

Ich würde es umgekehrt formulieren. Bei Swiss Athletics war es so, dass uns bereits früh Freiräume gegeben wurden. Ob andere nun den gleichen Weg gehen werden, ist schwierig zu sagen. Es braucht vielleicht noch ein wenig Zeit. Aber ich glaube, die Schweizer Leichtathletik ist im Aufwind. Ich bin optimistisch.

Was sind Wanders’ weitere Ziele für dieses Jahr, nachdem er auf der Strasse so erfolgreich war?

Der Schweizer Rekord über 5000 m und 10000 m auf der Bahn. Letzteren wird er dieses Jahr unterbieten. Diese Bahnsaison wird für ihn entscheidend sein.

Inwiefern?

Wenn Julien auf der Bahn nicht langsam bessere Zeiten läuft, dann muss er sich in Zukunft auf den Marathon konzentrieren. Wir wollen deshalb auf der Bahn grosse Sprünge sehen. Das heisst beispielsweise über 10 000 m eine Zeit im Bereich von 27 Minuten und über 5000 m ein Rennen um die 13:10 Minuten herum. So ist das Saisonziel auch der Start an der WM in Doha über 5000 m und 10 000 m.

Wie gross ist die Umstellung von der Strasse auf die Bahn?

Es gibt zwischen Laufen auf der Strasse und der Bahn eigentlich keine Unterschiede. Juliens Problem ist, dass er im Wettkampf eher ein Improvisationstyp ist. Er startet ein Rennen und richtet seine Taktik auf seine Gegner aus. Er versucht sich im Feld möglichst gut zu platzieren, ohne dabei auf die Zeit zu achten. Das ist auf der Strasse, wo es immer wieder Richtungs- und Tempowechsel gibt, ideal. Auf der Bahn stehen vielfach die Rundenzeiten im Vordergrund. Das hat Julien vorläufig mental noch nicht völlig im Griff. Diese kleine Hemmschwelle muss er noch abbauen.

Das Team hinter Julien Wanders

Marco Jäger kannte Julien Wanders bereits, bevor dieser sich der Leichtathletik zuwandte. Seit der Romand etwa 10-jährig war, ist er gut mit einem von Jägers Söhnen befreundet. Der 55-jährige Ostschweizer, Vater von vier Kindern, sagt, Wanders gehöre für ihn zur Familie, sei «der fünfte Sohn».

Der Mann aus Frasnacht ist die Hauptfigur im Team hinter Wanders. Dazu gehört ein Mentalcoach in Genf, mit dem der in Kenia lebende Wanders auch über die Distanz arbeitet. Der Athlet betreibt Meditation und macht Entspannungsübungen. Weiter gibt es einen medizinischen Betreuer, der in Iten vor Ort ist. Ausserdem wird der Kraftbereich und die Verletzungsprävention auch von einem Biomechaniker und Therapeuten von Genf aus überwacht. Zudem arbeitet Wanders seit einigen Jahren mit einem Zürcher Ernährungsberater. Befindet sich Wanders einmal in der Schweiz oder hat eine Saison abgeschlossen, sitzt das Team zusammen, zieht ­Bilanz und macht Untersuchungen.

Jäger vergleicht Wanders Situation innerhalb des Leichtathletikverbandes mit derjenigen von Lara Gut-Behrami bei Swiss Ski und schätzt die Freiheiten, die der Verband dem Team um Wanders gewährt. Ohne diese wäre Wanders nicht dort, wo er heute steht. Die Beziehung zwischen Team und Verband sei ein «Geben und Nehmen», so Jäger. (pw)

Marco Jäger begleitet Julien Wanders seit 2011. (Bild: Urs Bucher)

Marco Jäger begleitet Julien Wanders seit 2011. (Bild: Urs Bucher)