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Das muss die Schweizer Nationalmannschaft ändern

Das Ende eines Turniers ist auch immer ein Neuanfang. Hierbei ist Vladimir Petkovic gefordert. Er muss diesen gestalten. Der Schweizer Nationaltrainer sollte sich Veränderungen nicht verwehren.
Christian Brägger, Toljatti
Nationaltrainer Vladimir Petkovic (rechts) mit seinem Trainerstab in St.Petersburg.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic (rechts) mit seinem Trainerstab in St.Petersburg.

Verbandspräsident Peter Gilliéron sagte es ohne Verzögerung: «Eine Entlassung von Vladimir Petkovic gibt es nicht.» Punkt. Es ist das Schicksal eines Trainers (sowie der Spieler), dass er nach den bedeutungsvollsten Partien beurteilt wird. Und darum noch immer diese Schweden-Niederlage und das enttäuschende Abschneiden an der WM über allem schwebt. Also würde man bei Vladimir Petkovic ein paar Dinge erfragen wollen, doch von Verbandsseite heisst es, alles sei gesagt. Der SFV meint damit: Petkovic redete unmittelbar nach der Niederlage, das muss auch zwei Tage später reichen. Das ist schade, denn man würde gerne wissen wollen, wie er fortzufahren gedenkt mit sich und dem Schweizer Team. Man wünschte sich, dass es anders sein werde als in diesem russischen Sommer, in dem er sich zugeknöpft gab und nur redete, wenn er musste.

Bisher hat der Trainer vieles richtig gemacht, oft aus dem Bauchgefühl heraus. An der WM funktionierte dieses gegen Ende nur noch bedingt. Überdies gab es unter den Spielern zu wenig Reibung und zu viel Harmonie in ihrer zu abgeschiedenen Teambasis von Toljatti. Nach den Gruppenspielen, in denen man einen Ausrutscher noch korrigieren kann, rollte der Ball nicht mehr für die Schweiz. Und vermutlich fehlte nach den Diskussionen um den Adlergruss auch die nötige Leichtigkeit; im Grunde hatte sich der Einbruch abgezeichnet. Petkovic hat dem SFV und der Nationalmannschaft gutgetan, hat ihr einen neuen Spielstil geschenkt. Dafür scharte er in den vier Jahren mehr oder weniger dieselben Spieler um sich und begann mit ihnen zu wachsen: Es wirkte symbiotisch, gegenseitig befruchtend. Nebenbei vollzog der Tessiner nach einem von Zurückhaltung geprägten Beginn einen Wandel, öffnete sich, ging auf die Leute zu. Bis vor der WM.

Nun wartet die nächste Veränderung auf Petkovic. Einerseits muss er taktisch flexibler werden, die Schweiz wirkt statisch und zu sehr auf das 4-2-3-1-System, den Ballbesitz und Granit Xhaka/Xherdan Shaqiri ausgerichtet. Andererseits muss er schon für die im Herbst beginnende Nations League das Team öffnen für frische Spieler. Sonst drohte nach dem Stillstand der Rückschritt. Wobei fraglich ist, ob Spieler wie Johan Djourou oder Gelson Fernandes weiter von der Bank aus jenes Team mitbetreiben sollen und antreiben können, das in zwei Jahren Verpasstes nachholen will; ein Team, das dann afrikanischer (Mbabu, Zakaria, Mvogo), kosmopolitischer geprägt sein dürfte.

Die Zukunft: Kader verändern

Es macht jedenfalls den Anschein, dass die Mannschaft in dieser Zusammensetzung das Beste hinter sich und den Zenit überschritten hat. Dieser lag irgendwo zwischen 2016 und 2018 und den beiden verlorenen Achtelfinals. Valon Behrami, Blerim Dzemaili oder Stephan Lichtsteiner waren Eckpfeiler in diesen zwei Jahren, die in eine Siegesserie während der WM-Qualifikation führten. Doch gerade diese drei Spieler werden im Karriereherbst nicht mehr besser. Die absehbaren Mutationen im Kader sind jedenfalls eine Chance, für Petkovic, vor allem für das Team. Weil sich dadurch das Selbstbild verändert und ein Pfad finden lässt, der nicht ausschliesslich und unbedingt zu diesem überhöhten Selbstbewusstsein respektive Selbstverständnis führt.

Für den emotionslosen Auftritt gegen Schweden hatte Gilliéron keine Erklärung parat. Ein Hinweis gibt gewiss dieses Serbien-Spiel, in dem die Schweizer und insbesondere Xhaka/Shaqiri viel Energie verpufften und alles Feuer verbrannten. Einen Ansatz lieferte Gilliéron dennoch: «Wir qualifizierten uns für den Achtelfinal, doch dort war nicht Deutschland der Gegner, sondern Schweden.» Womit wir bei der Mentalität sind. Kann es sich eine Schweizer Mannschaft leisten, Rosinenpicker zu sein? Nur gegen Brasilien oder Deutschland die Konzentration hochzuhalten? Oder in emotional aufgeladenen Partien wie Serbien oder Albanien? Nein. Es darf nicht sein, dass den Schweizern die Demut fehlt. Es sei denn, man redet sich nicht nur stark, sondern ist es auch. Man redet nicht nur davon, ein grosses Team zu sein, sondern leistet auch Grosses. Jedem Schweizer Spieler muss bewusst sein, dass die spielerischen Mittel in der Offensive zu bescheiden sind, um auf Emotionen, Kampf, Willen, Einstellung und Charakter zu verzichten. Und sei es nur für eine Partie. Und sei es nur für diesen einen Achtelfinal.

Die Gruppen für die EM-Qualifikation werden am 2. Dezember in Dublin ausgelost. Die Setzliste wird aufgrund der Resultate in der Nations League erstellt, weshalb den Partien gegen Belgien und Island im Herbst eine andere Bedeutung zukommt als üblichen Testspielen. Immerhin werden die Schweizer gegen die spielstarken Belgier, deren Nachwuchsförderung vergleichbar ist, keine spezielle Motivationsspritze benötigen.

Roger Federer und der wunde Punkt

Harte Worte wählte der Tenniskönig zur Verabschiedung. Roger Federer trifft damit einen ziemlich wunden Punkt. Als er in Wimbledon über das Schweizer WM-Aus sprach, wurde er deutlich: «Ich denke, wir haben gekriegt, was wir verdienen», sagte er, «wir gehören einfach nicht zu den besten acht Teams der Welt.» Ehe er anfügte: «Es ist wichtig, die Energie an jedem einzelnen Tag und in jedem einzelnen Training aufs Feld zu bringen. Wenn du immer auf höchstmöglichem Niveau spielst, bringst du die Leistung auch in den wichtigsten Momenten.» Wenn es um die Mentalität geht, wäre manch einer der Schweizer tatsächlich nicht allzu schlecht beraten, sich Federers Rat zu Herzen zu nehmen. Dass nicht alleine Talent entscheidet, um grosse Spiele zu gewinnen, ist eigentlich keine Neuigkeit. Umso ernüchternder ist die Feststellung, dass die Frage nach der Mentalität im Schweizer Team aktueller denn je ist – trotz stetiger Beteuerungen des Gegenteils. Wenn es Spieler nur dann übers Limit hinaus schaffen, wenn der Gegner übermächtig ist, bedeutet dies nichts Gutes. Die Macht der mentalen Stärke – es ist eine Diskussion, die diese Mannschaft noch lange verfolgen wird.

Die Schweizer wollen die WM als Lernprozess für die Zukunft nehmen. ­Irgendwann müssen die Dinge aber. Dabei sind WM- und EM-Teilnahmen in Serie schon etwas, aber nicht alles. Und inzwischen zu wenig für die Schweiz.

Spontan und herzlich ist der Empfang in Kloten

Einfach mal nichts tun. Abschalten. Musik hören und gute Gespräche führen. Das Lachen wiederfinden. Alles Ingredienzen, um tiefe Enttäuschungen zu verarbeiten. Dieses Motto nahm sich die über 50-köpfige Schweizer Delegation am Mittwochabend in Toljatti im Lada-Resort zu Herzen – es waren die letzten Stunden nach fast eineinhalb Monaten des Zusammenseins. Sie grillierte an der Wolga, sie trank und lachte wieder, die Einheimischen führten Folkloretänze vor, und natürlich intonierte eine russische Sängerin den Klassiker «Kalinka»; das Volkslied sollte nicht für das Vergessen helfen, sondern für das, was die WM in Russland eben auch war: eine schöne Erinnerung. Gestern Mittag flogen Spieler und Staff zurück, sie trugen nun nicht mehr die offiziellen Kleider. Die Gesichter wirkten ruhig, ein wenig müde vielleicht auch. Doch langsam schien sich das Erlebte zu setzen. Der Flieger landete kurz nach 16 Uhr in Kloten, und später verabschiedeten sich die Männer mit herzlichen Umarmungen voneinander; jetzt waren sie befreit von der Nationalmannschaft und bereit für die Sommerferien. Ganz so zügig ging es dann aber doch nicht, weil in der Ankunftshalle etwa 200 Anhänger den Spielern spontan einen warmen Empfang bereiteten. Viele kreischten, knipsten Fotos, forderten Autogramme. Vielleicht waren diese Begegnungen der grösste Trost, nicht alles falsch gemacht zu haben. (cbr)

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