Xherdan Shaqiri kehrt ins Nationalteam zurück und alles andere rückt in den Hintergrund

Weil der 28-Jährige Xherdan Shaqiri am Montag nach 16 Monaten Absenz ins Nationalteam zurückkehren soll, rückt alles andere in den Hintergrund.

Christian Brägger
Drucken
Teilen
Vladimir Petkovic (l.) holt Xherdan Shaqiri (r.) zurück in die Schweizer Nationalmannschaft.

Vladimir Petkovic (l.) holt Xherdan Shaqiri (r.) zurück in die Schweizer Nationalmannschaft.

Bild: Ennio Leanza / KEYSTONE

Den Spannungsbogen bilden die drei Länderspiele der Schweiz gegen grosse Fussballnationen: Zuerst Kroatien als Test am Mittwoch, dann im Rahmen der Nations League am Samstag Spanien in Madrid und drei Tage später die Deutschen in Köln.

Weil St.Gallen der Gastgeber gegen Kroatien ist, bildet sein Rathaus auch gleich den Schauplatz für die Kaderbekanntgabe von Nationaltrainer Vladimir Petkovic, die dann nur einen Spannungsbogen kennt: Xherdan Shaqiri. Ja, der Stürmer in Diensten Liverpools kehrt wahrhaftig nach 16 Monaten Absenz in den Kreis der Erlesenen zurück. Mal zwickte die Wade, mal fühlte er sich zu wenig wertgeschätzt vom Coach, mal war es Unlust, zuletzt waren es wochenlange Absenzen in der Premier League und Probleme im Oberschenkel, die nur die eine Meldung zuliessen: Shaqiri kommt nicht.

Shaqiri hilft dem Team – und er wird Hilfe brauchen

Petkovic hat trotz der Absagen für acht Länderpartien die Türe stets offengelassen, auch dann, als von Irritationen in der Beziehung zu seinem Stürmer die Rede war. Der Nationaltrainer sagt, er habe es stets optimistisch gesehen, weit mehr zu schaffen hätten dem Spieler die vielen Verletzungen gemacht, und: «In letzter Zeit haben wir Xherdan mehr beobachtet, und weniger miteinander kommuniziert als auch schon. Er ist gesund. Nun geben wir ihm die Möglichkeit, ruhig wieder in die Optik des Nationalteams zu kommen.»

Petkovic sagt, Shaqiri werde nun die Hilfe aller brauchen, um wieder integriert zu werden. Umgekehrt hilft Shaqiri dem Team, weil er für 22 Tore in 82 Auftritten steht, für Spielwitz und das gewisse Etwas, das die Schweizer ohne ihn vermissen lassen. Besonders in Strafraumnähe des Gegners, wo sie stets Mühe bekunden. Petkovic sagt:

«Er kann aus dem Nichts etwas machen. Seine Rückkehr ist eine Win-win-Situation.»

Während Shaqiris Fehlen hat sich seit dem Final-Four-Turnier in Portugal das Gefüge der Mannschaft verändert, Granit Xhaka ist nun offiziell der Captain, auf den die Mitspieler hören. Aus ihrem Kreis war schon zu vernehmen, dass die Personalie Shaqiri grundsätzlich und vor allem medial zu sehr über dem Ganzen schwebe.

Die Frage wird auch sein, wie die Teamgefährten auf den Wiedereintritt reagieren. «Wie das ab Montag laufen wird, ist intern. Was in der Familie passiert, bleibt in der Familie», sagt Petkovic. Und verweist darauf, dass seine Spieler schon immer jedem mit Problemen geholfen hätten.

Fürs Erste wirkt es so, als ob Shaqiri auf Bewährung zurückkehrt, quasi als Test, auch hinsichtlich der EM-Endrunde im kommenden Sommer, deren Vorbereitung möglichst ohne Störungen zu verlaufen hat. Als Mitglied des Spielerrats kann sich der 28-Jährige natürlich
einbringen, dennoch wäre es förderlich, dass der Kraftwürfel trotz persönlichen Ansprüchen die Möglichkeit der Rückkehr mit Demut lebt. Da hilft es, dass laut Petkovic Shaqiris Lage bei Liverpool bis Montag und dem Einrücken in St.Gallen geklärt sein wird. Zumal das Transferfenster der grossen Ligen am 5.Oktober schliesst.

Sogar Jürgen Klopp, sein Trainer beim englischen Meister, sagte am späten Donnerstagabend nach dem Ligacup-Out gegen Arsenal verklausuliert, dass Shaqiri den Klub verlassen dürfte. Der Deutsche scheint den ständigen Diskussionen, weshalb er seinem Angestellten wenig bis keine Einsatzzeit gewährt, ohnehin langsam überdrüssig zu werden.

Shaqiri ist in der Hierarchie Liverpools weit hinten und in der Offensive vielleicht die Nummer sechs oder sieben, die Einsatzzeiten in der neuen und vergangenen Saison sprechen diese deutliche Sprache: Das bringt so nichts mehr. Wohin Shaqiri wechselt, ist unklar, denkbar ist, dass er in der Premier League bleibt, weil es dort das grosse Geld gibt. Oder doch in die Serie A zur AS Roma?

Schär und Mehmedi wieder dabei, Steffen hat Corona

Wegen der Diskussionen um Shaqiri verkommen andere Personalfragen zur Randnotiz. Im Vergleich zum Zusammenzug im September nimmt Petkovic acht Veränderungen vor. Wieder dabei sind zuletzt verletzt oder rekonvaleszent gewesene wie Admir Mehmedi, Fabian Schär, Cedric Itten, Remo Freuler, Eray Cömert sowie Edimilson Fernandes. Denis Zakaria, Kevin Mbabu oder Breel Embolo fehlen wie kurzfristig Renato Steffen, der positiv auf Covid-19 getestet wurde und sich in häuslicher Quarantäne befindet.

Einziger Neuling ist Jordan Lotomba, der nach seinem Wechsel bei Nizza einen Stammplatz hat. Noch kein Thema ist Andi Zeqiri, um den es jüngst nach dem Werben des Kosovo rumorte. Zeqiri steht erst auf der B-Liste und nicht auf der A-Liste Petkovics, auf der 30 bis 35 Spieler mit A-Länderspielen figurieren.

Petkovic zeigte sich im Rückblick begeistert über die ersten Nations-League-Spiele gegen die Ukraine und vor allem gegen Deutschland, einzig der Ertrag mit einem Punkt habe nicht gestimmt. Nun warten drei sehr gute Gegner innert sieben Tagen. Petkovic sagt: «Unsere Erwartungen sind hoch. Aber wir müssen realistisch bleiben.»
Diese Haltung gilt auch bezüglich Shaqiri.

Das Nati-Aufgebot

Diese Spieler wurden für das Testspiel gegen Kroatien (7. Oktober) sowie für die Spiele in der Nations League gegen Spanien (10. Oktober) und Deutschland (13. Oktober) selektioniert:
Tor: Yann Sommer (Borussia Mönchengladbach), Jonas Omlin (Montpellier), Yvon Mvogo (PSV Eindhoven).
Verteidigung: Manuel Akanji (Borussia Dortmund), Loris Benito (Bordeaux), Eray Cömert (Basel), Nico Elvedi (Borussia Mönchengladbach), Jordan Lotomba (Nice), Becir Omeragic (Zürich), Ricardo Rodriguez (Torino), Fabian Schär (Newcastle United), Silvan Widmer (Basel).
Mittelfeld und Sturm: Edimilson Fernandes (Mainz), Remo Freuler (Bergamo), Mario Gavranovic (Dinamo Zagreb), Cédric Itten (Glasgow Rangers), Admir Mehmedi (Wolfsburg), Haris Seferovic (Benfica Lissabon), Xherdan Shaqiri (Liverpool), Simon Sohm (Zürich), Djibril Sow (Eintracht Frankfurt), Ruben Vargas (Augsburg), Granit Xhaka
(Arsenal), Steven Zuber (Eintracht Frankfurt).

Mehr zum Thema