Porträt

Der Krienser Rennfahrer Yannick Mettler versucht sich mit E-Sport – und wird vom Profi zum Lehrling

In den letzten beiden Saisons lief es Yannick Mettler besonders gut. Während der Coronakrise fährt er nur mit Rennsimulatoren. Mit den besten E-Sportlern kann er nicht mithalten.

Stephan Santschi
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Die Geschehnisse im Januar können im Nachhinein als Omen gedeutet werden. Sintflutartige Regenfälle sorgten im ersten Rennen der interkontinentalen 24-Stunden-Serie in Dubai für einen Abbruch. Die Rennstrecke wurde zum Swimmingpool, «das passiert wohl in 100 Jahren nur einmal», blickt Yannick Mettler zurück. Was er damals nicht wusste: Land unter in der Wüste sollte nicht die einzige Kuriosität des Jahres sein. Vielmehr war sie der Vorbote einer Saison, «die bisher keine ist», wie Mettler sagt.

Als er kurz davor war, neue Verträge mit Rennteams zu unterzeichnen, kam es zum Lockdown. Der 30-jährige Krienser verdient seinen Lebensunterhalt bekanntlich mit Motorsport. Er fährt Langstreckenrennen in GT- und Tourenwagen, coacht Rennfahrer und entwickelt in einem Zürcher Eventcenter Rennsimulatoren. «Innert wenigen Tagen fiel mein Arbeitspensum von 100 runter auf 0», sagt Mettler. «Das war schon ein Schock.»

Die besten E-Sport-Profis sind zu stark

Seit Mitte März nutzt er die Zwangspause, um sich mit etwas zu befassen, das er noch nicht ausprobiert hatte: professioneller E-Sport. Die digitale Version des motorisierten Rennsports heisst Sim-Racing. «Ich habe mir von der RacingFuel Academy einen unserer selbst entwickelten Rennsimulatoren nach Hause bringen lassen», erzählt Mettler. Was er dabei entdeckte, fand er hoch spannend. Das Fahren, die Überholmanöver und das Taktieren waren ihm sofort vertraut. «Lenkrad, Pedal, Fahrersitz – Sim-Racing ist wohl generell jener E-Sport, welcher der Realität am nächsten kommt.» Und einer, der wegen des allgemeinen Zuhausebleibens zuletzt einen Boom erlebt hat.

So sind verschiedene neue Rennserien entstanden, auch die Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring erhielt ein digitales Abbild. Mettler bestritt bisher drei virtuelle Rennen und obwohl er mit den Plätzen acht, zwölf und zehn nicht unzufrieden ist, stellte er wie alle echten Rennfahrer fest: Mit den besten E-Sport-Profis kann er nicht mithalten. «Für einmal war ich Lehrling, nicht Coach», erzählt Mettler und lacht.

Der wesentliche Unterschied liegt bei den Bremsmanövern. «Sie sind das A und O des Rennsports. Für das Bremsen braucht es im Sim-Racing eine leicht andere Technik, als in der Wirklichkeit.» Wäre E-Sport für ihn keine Zukunftsoption? «Eher nicht. Ich brauche das Adrenalin, den Kick, die physische Belastung.» Nach einem Rennen sei er jeweils körperlich ausgepumpt und frei im Kopf, dieses Gefühl liebe er. «Nach einem virtuellen Wettkampf ist es umgekehrt. Der Kopf ist voll, der Körper angespannt. Zudem sitze ich alleine zu Hause, anstatt mit dem Team zu jubeln. Auch der Austausch mit den Fans fehlt mir.»

Und so hofft Mettler, dass er bald wieder raus auf den Asphalt gehen und seine Passion leben kann. Mitte Juni sollen wieder Rennen ohne Zuschauer stattfinden, das hätten gewisse Veranstalter signalisiert. Die letzten zwei Saisons waren die erfolgreichsten seiner Karriere. Mettler gewann die GT4-Kategorie der Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring, er entschied die Gesamtwertung einer internationalen 24-Stunden-Serie für sich und war auf gutem Weg, am Nürburgring sein nächstes Ziel zu erreichen und in der GT3-Klasse anzutreten. «Es ist wichtig, bald fahren zu können. Sollten wir erst im September loslegen, wäre wohl nicht mehr manches Team an der Teilnahme an einer Meisterschaft interessiert.» Und dann würden all die Pläne und Verhandlungen des Frühjahrs womöglich ins Wasser fallen – wie im Januar in Dubai.

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