FC Zürich

Yassine Chikhaoui – der Mann für die ganz besonderen Momente

Nur dank dem gewonnenen Cupfinal spielt Chikhaoui überhaupt noch beim FCZ.«Jetzt ist er erwachsen geworden», sagt Trainer Urs Meier. Im Spitzenkampf gegen Basel will er seine Form unter Beweis stellen.

Etienne Wuillemin
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Schlüsselmoment: Yassine Chikhaoui mit dem Cup.

Schlüsselmoment: Yassine Chikhaoui mit dem Cup.

(KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Es gab schon viele Versuche, sich dem Menschen Yassine Chikhaoui zu nähern. Aber wer nicht dem innersten Zirkel des FC Zürich angehört, der musste sich zufriedengeben, wenn Chikhaoui den Fussball sprechen liess.

Wunderbar manchmal, das schon. Aber häufig eben auch gar nicht. Weil Chikhaoui wieder einmal einen neuen Leidensweg beschreiten musste.

In dieser Woche gab der Tunesier einen seltenen Einblick in seine Gedanken. Und wie er das tat! Voller Schalk. Voller Humor. Voller Lust. So, als wäre er nie der schüchterne Fussballer gewesen, der die Öffentlichkeit so sehr meidet.

Ein witziger Typ

Zusammen mit seinem Trainer Urs Meier sitzt er vor knapp hundert FCZ-Fans auf einem Sofa im vereinseigenen Museum. Zuerst einmal lautet die Frage an den Trainer, warum denn der FCZ so gut wie schon lange nicht mehr in die Meisterschaft gestartet sei.

Chikhaoui lächelt. Er schaut verstohlen ins Publikum. Hebt langsam die Hand, als wolle er sagen: «Hier sitzt doch der Grund ...» Er lächelt noch mehr.

Chikhaoui findet immer wieder einen Weg, seine Zuhörer zum Lachen zu bringen. Fast so, wie er die Zuschauer im Stadion zum Staunen bringt. Einmal soll er von seinem Lieblingsessen erzählen. «Nur so viel: Du würdest den ganzen Abend auf der Toilette verbringen.»

Er wollte aufhören

Er erzählt, dass ganz früher eigentlich Basketball seine Passion war. Wie er sich als Jugendlicher dann schon geistig vom Fussball verabschiedet. Nach einer roten Karte. Auf dem Weg in den Spielertunnel.

Ausgerechnet dort wird er angesprochen. «Willst du zu uns in die Akademie von Etoile Sportive du Sahel wechseln?» Ja, Yassine will. Und die Geschichte des Künstlers beginnt.

In Zürich aber gibt es neben den phänomenalen Momenten auch viele des Leidens. Zu viele, eigentlich. Für den Spieler, der irgendwann, nach der x-ten schlimmen Verletzung, dachte: «Vielleicht ist eben Fussball doch nichts für mich.» Für den Verein auch, der irgendwann im letzten Dezember zum Schluss kam: Der Vertrag mit Chikhaoui wird nicht verlängert.

Aber dann kommt die Rückrunde. Es kommen einige Siege. Es kommen wie aus dem Nichts wieder viele wunderbare Yassine-Momente. Und vor allem: Es kommt der Cupfinal – FCZ gegen FCB. Ein grosses Spiel. Ein Spiel für Chikhaoui.

Cupsieg als Schlüsselmoment

Er erfüllt die Zürcher Hoffnungen. Nach dem Sieg sieht man ihn auf dem Platz, den Pokal in der Hand, seine Söhne um ihn herum, ein Lachen wie selten im Gesicht. «Dort sah man sein Herz so blau-weiss wie kaum je zuvor», sagt Trainer Urs Meier. Und weiter: «In so einem Moment muss man eben die Psyche der Menschen spüren.»

Was das heisst? Meier spürt, dass Chikhaoui bereit ist, auch zu leicht günstigeren Konditionen als den bisher kolportierten 1,4 Millionen Franken jährlich, zu bleiben. Und Meier spürt vor allem, dass mit diesem Titelgewinn der Moment gekommen ist, um Präsident Ancillo Canepa zu überzeugen, den Vertrag zu verlängern.

Es gelingt. Auch weil alle Seiten spüren, dass die Beziehung zwischen Chikhaoui und dem FCZ noch unvollendet ist. Dass aus der tragischen Liebesgeschichte vielleicht doch noch eine mit Happy End werden kann.

Als Trainer Meier in der letzten Saison einmal ein Video von Chikhaoui mit dem Nationalteam Tunesiens fand, traute er seinen Augen nicht. Als Captain rannte, kämpfte und grätschte Chikhaoui in der WM-Barrage gegen Kamerun 90 Minuten lang. Er offenbarte eine Seite, die man in Zürich selten bis nie gesehen hat. Sie nährt Meiers Erkenntnis: «Chikhaoui kann auch als Mensch, nicht nur als Fussballer, diesem FCZ-Team noch viel bringen.» Also überträgt er ihm auch beim FCZ das Amt des Captains.

Dem Verein etwas zurückgeben

Es ist, bis jetzt, eine Erfolgsgeschichte. «Der FCZ hat mir in den letzten sieben Jahren so viel gegeben. Jetzt liegt es an mir, etwas zurückzugeben», sagt Chikhaoui. Er, 28-jährig mittlerweile, sieht sich in der Pflicht.

Sein Trainer findet, Chikhaoui sei als Fussballer erwachsen geworden. «Mit 20 haben ihm die Leute einen Rucksack umgehängt mit Erwartungen, mit denen auch ein 30-Jähriger überfordert wäre.»

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Chikhaoui ausgerechnet in dieser Saison bisher kein einziges Spiel wegen einer Verletzung verpasste. Wobei einen die Geschichte lehrt, bei ihm nie Prognosen abzugeben.

Natürlich hatte der Tunesier Spiele, in denen er nicht sein ganzes Können zeigte. Aber das ist nur eines: völlig normal. «Es ging für ihn auch darum, den Rhythmus zu finden. Jahrelang spielte er ein einziges Spiel während dreier Monate – jetzt plötzlich drei Spiele in einer Woche. So etwas muss man sich erst aneignen», sagt Meier.

Das blau-weisse Herz

Es ist die Voraussetzung dafür, dass sein Traum von einer grossen Liga vielleicht doch noch in Erfüllung geht. Dieser Traum schwelt noch immer irgendwo tief versteckt im blau-weissen Chikhaoui-Herz. Würde er Realität – es wäre auch für alle Beteiligten im FCZ eine riesige Freude und Genugtuung.

Zum Ende seines Auftritts vor den Fans wird Chikhaoui gefragt, was er denn gedenke, nach seiner Karriere zu tun. Er lächelt wieder. Sagt dann: «Vielleicht FCZ-Trainer.» Er schaut rüber zu Urs Meier. Beide lachen. «Vielleicht doch eher FCZ-Sportchef.»

Zuerst einmal folgt die Gegenwart. Die ersten Finalspiele des Jahres mit dem FCZ. Das Direktduell mit Basel in der Meisterschaft. Das Cupspiel in Cham. Der Auftritt in der Europa League bei Mönchengladbach. Es sind Spiele wie gemacht für Chikhaoui. Für den nächsten Yassine-Moment.