Kommentar

Wenn wir über Federer reden, braucht es einen gesunden Realismus

Tennis-Experte Jörg Allmeroth schreibt in seinem Kommentar, das Achtelfinal-Out von Roger Federer sei kein Grund, um in Alarmstimmung zu verfallen. 

Jörg Allmeroth, New York
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Jörg Allmeroth

Jörg Allmeroth

Roger Federer war in den letzten Wochen nicht müde geworden, sich als Mahner in eigener Sache zu betätigen. Er hatte vor den US Open gesagt, es sei schlicht verrückt, wenn man ihn mit seinen 37 Jahren immer noch als hohen Turnierfavoriten betrachte. Davor hatte er auch noch einmal dezent darauf hingewiesen, dass es nicht immer diese märchenhaften Szenarien bei den Grand-Slam-Turnieren geben könne, so wie bei seinem Comeback 2017 mit den Siegen in Melbourne und Wimbledon und dann wieder bei den Australian Open 2018.

Mit dieser nüchternen Weltsicht auf die sportliche Lage stand Federer gleichwohl oft allein, er konnte sich kaum wehren gegen die hohen Erwartungen. Federers Niederlage gegen den Australier Millman ist zwar ein Ergebnis jenseits der Normalität, aber auch keine Mega-Sensation – schon gar nicht, wenn man die herausfordernden Bedingungen in New York betrachtet, die drückende Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit. Da kann auch einer wie Federer nicht mehr das Alter kaschieren.

Weil Federer seine Einsätze inzwischen stark dosieren muss, um noch wettbewerbsfähig zu sein, spielt immer auch ein gewisses Risiko mit. Nach langen Pausen braucht er jeweils wieder Matchhärte und Spielpraxis. Vor Wimbledon gelang ihm das besser, mit dem Sieg in Stuttgart und dem Finaleinzug in Halle.

Vor den US Open blieben trotz Finalteilnahme in Cincinnati aber Zweifel, nicht zuletzt bei Federer selbst, der eine gewisse Unzufriedenheit äusserte. In New York waren dann auch die Umstände gegen ihn: langsame Plätze, das unerträgliche Wetter. Es besteht kein Grund, in Alarmstimmung um Federer zu verfallen. Aber es ist auch Zeit für einen gesunden Realismus: Der beste Spieler aller Zeiten kann nicht ewig diese Wundercoups auf die Centre Courts zaubern. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass er sportlich verletzlicher wird.