Zügelloser Appetit auf NHL-Hockey

113 Tage dauerte der NHL-Lockout. Tage, in denen das Image des nordamerikanischen Eishockeys arg gelitten hatte. In der Nacht auf heute begann die verkürzte Saison, was vielerorts für grosse Begeisterung sorgt – wenn auch nicht ganz überall.

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Die NHL läuft: Blick in die Arena der New York Rangers. (Bild: Keystone)

Die NHL läuft: Blick in die Arena der New York Rangers. (Bild: Keystone)

Die Furcht war gross. Davor, dass die Marke NHL durch die 113 Tage Lockout stark beschädigt würde. Dass die Fans dem Sport aufgrund der 625 abgesagten Spiele den Rücken kehren könnten. Dass die TV-Ratings einbrächen.

Die Kümmernis war der Grund, dass die Liga am Donnerstag in 40 Tageszeitungen Kanadas und der USA eine ganzseitige Anzeige schaltete, in welcher sich die NHL offiziell für den Lockout entschuldigte. Zahlreiche Exponenten hatten es der Liga zuvor gleichgetan: Spieler, Manager und Teams hatten öffentlich um Nachsicht gebeten oder sich spezielle Aktionen ausgedacht. Vielerorts wurden kräftige Rabatte auf Fanartikel gewährt; in Ottawa gab es beim ersten Spiel gestern gar Freibier.

Unbegründete Bedenken

Bislang erweisen sich die Bedenken über Konsequenzen indes als unbegründet. Der Unmut der letzten Monate scheint verflogen. Auch wenn es sie noch gibt, die kritischen Stimmen. Die Initiative «Just Drop it» hat auf Facebook 22 000 Unterstützer. Sie wollen für jeden dem Lockout zum Opfer gefallenen Spieltag einen weiteren boykottieren (also bis zum 10. Februar), indem sie sich die Spiele nicht anschauen und kein Geld für Fan-Utensilien oder TV-Übertragungen ausgeben.

Die Front bröckelt jedoch. In den letzten Tagen waren immer wieder Beiträge wie dieser zu lesen: «Es tut mir leid, aber ich stehe es nicht durch. So lange wie ich auf NHL-Hockey gewartet habe, stehe ich es jetzt nicht durch, wegzusehen.» Tatsächlich scheint der vorrangige Lockout-Effekt jener zu sein, dass der Appetit auf die Saison schon fast zügellos geworden ist. In Montreal, wo Ex-EVZ-Star Rafael Diaz (27) bei den Canadiens spielt, standen Anhänger am Donnerstag teilweise zwölf Stunden an, um im Centre Bell einem internen Trainingsspiel beizuwohnen.

Das Gegenstück Columbus

Etliche Teams meldeten zudem famose Vorverkaufszahlen, was die NHL in einem offiziellen Statement so zusammenfasste: «Der Ticketabsatz ist viel besser als vor einem Jahr.» Anders sieht es in Columbus, in der Hockey-Agonie von Ohio, aus. Die Blue Jackets verloren im Sommer mit der Davoser Lockout-Verstärkung Rick Nash (28, New York Rangers) ihren einzigen Star und sehen vorerst schweren Zeiten entgegen.

Die Franchise hat erst 7000 Saisonkarten abgesetzt und bietet den Fans für den heutigen Saisonauftakt gegen Damien Brunners Detroit folgende Promotion an: Wer ein Ticket kauft, erhält eine weitere Karte. Und einen Hot Dog. Und Popcorn. Und einen Softdrink. Und ein T-Shirt. Nicht überliefert ist, ob die Spieler sich nach der Partie ausserdem bei jedem Zuschauer persönlich bedanken ...

Keine Titelfavoriten auszumachen

Die Zuschauer dürfen sich indes auf eine sehr spannende und äusserst ausgeglichene Saison freuen. Denn klare Titelfavoriten sind nicht auszumachen. Möglich machen es die Gehaltsobergrenze und das clevere Draft-System, wonach schlecht abschneidende Teams sich zuerst Talente auswählen dürfen. Wir wagen eine Prognose und sagen, wer das Zeug zum ganzen grossen Star der NHL hat und wer in dieser Saison eher kleinere Brötchen backen dürfte (siehe oben).

Nicola Berger, St. Louis

Das grosse Geschäft mit dem Hockeynachwuchs

Ken Campbell, Edelfeder der Hockey-Bibel «The Hockey News» veröffentlicht diesen Monat ein neues Buch. In «Selling the Dream» beschreibt Campbell, wie immer mehr kanadische Eltern alles versuchen, um ihren Nachwuchs in die NHL zu bringen. Hockey ist in Kanada zwar Nationalsport – aber ausüben kann ihn bloss, wer es sich leisten kann. Der Autor berichtet von Familien, die 20 000 Dollar in die Karriere ihrer Sprösslinge investieren – pro Jahr. Eishockey ist darum so teuer, weil die Industrie mit jedem Jahr wächst. In Nordamerika ist eine ganze Armada an Privattrainern herangewachsen, die beispielsweise Power-Skating-Kurse oder dergleichen anbieten. Schon im Alter von zehn Jahren sind Kinder teilweise so ausgelastet, wie berufstätige Erwachsene. Campbell sagt jedoch klar: «Schon in der aktuellen Generation von NHL-Spielern wird man kaum jemand mehr finden, der nicht in den Genuss von all dem gekommen ist.» Bei einem Vater war der Drang, seinen Sohn gross herauszubringen, gar so ausgeprägt, dass er im eigenen Garten ein Mini-Eishockeyfeld errichten liess. Die Chancen, dass es sich dabei um vergebene Liebesmüh handelt, sind indes gross: Durchschnittlich schafft es bloss einer von 1000 kanadischen Junioren in die NHL. Campbells Fazit lautet darum: «Was viele Eltern veranstalten, ist kanadisches Roulette.» Und die meisten, das ist im Casino nicht anders, verlieren dabei. nbe