ZUG: Schach macht ihn gar nicht matt

Für Adrian Siegel ist das Brettspiel nicht nur ein Spiel. Schach beflügelt ihn auch in seinem Beruf als Neurologe.

Marco Morosoli
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Der Arzt Adrian Siegel ist seit seinem sechsten Lebensjahr vom Brettspiel mit König und Dame fasziniert. (Bild Werner Schelbert)

Der Arzt Adrian Siegel ist seit seinem sechsten Lebensjahr vom Brettspiel mit König und Dame fasziniert. (Bild Werner Schelbert)

Das Wort Schachmatt hört niemand gern. Bei dieser Stellung ist der König verloren und die Brettpartie beendet. «Beim Schachspielen lernt man auch verlieren», sagt Adrian Siegel. Der 49-Jährige ist leitender Arzt für Neurologie am Zuger Kantonsspital und frönt seit seinem sechsten Lebensjahr dem strategischen Brettspiel. Er hat bisher nie von seiner Leidenschaft lassen wollen. «Schach ist für mich ein notwendiger Ausgleich zu einem verantwortungsvollen Job», sagt Siegel. Und seine nächste Antwort überrascht: «Schach spielen bedeutet für mich Erholung für den Geist.»

Adrian Siegel hat berufsbedingt eine volle Agenda. «Ich arbeite viel an Abenden und am Wochenende», sagt er. Und trotzdem setzt er sich weiterhin regelmässig ans Brett. Er ist Mitglied von gleich drei Schachklubs. Und zwar vom Schachklub Zug, dem Schachklub Réti (Zürich) und dem Schachklub Herrliberg. Stolz erzählt Siegel, dass er mit Réti kürzlich in der Gruppenmeisterschaft den Titel geholt hat. Und gleich drückt wieder seine Bescheidenheit durch: «Ich war der schlechteste Spieler im Team.»

In der Rangliste stetig nach oben

Dabei kann sich die Stärkekurve des in Menzingen aufgewachsenen Arztes durchaus sehen lassen. Sie zeigt seit Jahren immer aufwärts. Derzeit hat Siegel 2028 ELO-Punkte auf seinem Konto. Zum Vergleich: Der beste Schweizer Schachspieler kommt auf rund 2600 ELO-Punkte.

Diese ATP-Liste der Schachspieler wird immer aktuell nachgeführt. Gewinnt der Spieler gegen stärker eingestufte Widersacher, geht es in der Wertung aufwärts, verliert er gegen schwächer dotierte Gegner, verliert er in der Berechnung an Terrain. Dass seine Kurve so steil nach oben zeigt, hat für Siegel einen einfachen Grund: «Ich bin in den vergangenen zwei Jahren auch besser geworden, weil ich ins Schachtraining gehe.» Das Schachtraining habe für ihn auch den angenehmen Nebeneffekt, dass ihm nunmehr französische Vokabeln aus seiner Gymnasiumszeit wieder in den Sinn kämen.

Siegel selber bezeichnet sich als ehrgeizig: «Ich will stärker werden.» Und diese Zielvorgabe wiederum verhilft ihm zur für dieses Spiel so wichtigen Geduld. Der Spieler darf sich nicht treiben lassen. Auch Nervosität bringt am Brett keinen Segen. «Ich spiele ja nicht nur gegen einen Gegner», sagt Adrian Siegel. Wichtig sei es, «immer konzentriert» zu sein. Um in dieser Disziplin erfolgreich zu sein, muss man ja nicht nur selber entscheiden, welches der richtige Zug ist. Ebenso essenziell ist es, das Spiel des Widersachers lesen zu können. Da gleicht Schach durchaus dem Eishockey oder dem Fussball.

Durchaus körperlich gefordert

Auch Adrian Siegel weiss um die Diskussion, ob Schach ein Sport sei oder nicht. Dass auch der Körper gefordert wird, steht für ihn ausser Frage. Er erinnert hierbei an den Wettkampf zwischen Viktor Kortschnoi und Anatoli Karpow im Jahre 1978. Bei diesem sich über drei Monate hinziehenden Duell der damaligen Schachtitanen hat, so erzählt Siegel, Karpow zehn Kilo abgenommen. Schachspielen bedeutet für den Neurologen deshalb «körperliche Anstrengung». Aber auch Training für den Geist. Deshalb sagt Siegel: «Patienten, welche für Demenz gefährdet sind, empfehle ich Schach.»

Und auch hier wartet Siegel mit einem Beispiel auf. Der Russe Viktor Kortschnoi, welcher später die schweizerische Staatsbürgerschaft annahm, habe im Jahre 2011 mit 80 Jahren zum fünften Mal die Schweizer Landesmeisterschaft gewonnen.

Vor Übermächtigen keine Angst

Und Siegel hat auch vor grossen Namen keine Angst. Sein Schachvorbild ist Magnus Carlsen. Der Norweger hat kürzlich in London das Kandidatenturnier gewonnen. Gegen ihn würde Siegel auch gerne spielen. «Es ist sonnenklar, dass ich verlieren würde. Diese Aussicht stachelt mich jedoch an.» Siegel gefällt auch, wie der Nordländer spielt: «Er ist kompromisslos und agiert kämpferisch.»

Ein gewichtiges Amt

Doch der Zuger Neurologe hat dabei durchaus schon gegen markant höher dotierte Spieler gewonnen. Und darauf ist er stolz: «Ich habe in einem Simultan-Turnier einmal gegen Alexander Morozevich gewonnen.» Diesem Weltklassespieler wird Adrian Siegel bald wieder begegnen. Er hat sogar mitgeholfen, dass es beim anstehenden Renova Grand Prix in Cham zu einem neuerlichen Treffen kommt. Das Turnier findet vom 18. bis zum 30. April statt (siehe Box).

Der Grund: Siegel ist auch noch Zentralpräsident des Schweizerischen Schachbundes. In dieser Organisation sind die rund 6000 Schweizer Lizenzspieler organisiert. Der Internationale Schachverband (Fide) war auf der Suche nach einem anderen Austragungsort für ein Grand-Prix-Turnier. Dieses sollte in Lissabon stattfinden, aber für die Veranstaltung in der portugiesischen Hauptstadt liessen sich keine Geldgeber finden. Da erinnerte sich der Fide-Präsident an seinen Freund Viktor Vekselberg. Der russische Unternehmer wohnt in Zug. Er habe Gelder zugesagt, erzählt Siegel, sein Engagement aber an eine Bedingung geknüpft: Das Turnier muss in Zug oder in der nahen Umgebung stattfinden.

Ein Turnier der Spitzenklasse

«Wir haben keine Bemühungen gescheut», erinnert sich Siegel. Doch in der Stadt Zug war aufgrund der kurzen Frist zwischen der Anfrage und dem Turnierdatum nichts mehr zu machen. In Cham liess sich aber ein Hotel finden, um das Turnier durchführen zu können: Das Hotel Swissever neben der Autobahn. Der Zuger Arzt freut sich auf das vierzehn Tage dauernde Turnier: «Es haben seit Jahren nicht mehr eine solche Anzahl Spitzenspieler in der Schweiz ein Turnier bestritten.» Das sei «fantastisch». Auch der Fide-Präsident und der Präsident des europäischen Schachverbandes hätten ihr Kommen angezeigt. Und sogar Viktor Vekselberg als Hauptsponsor will in Cham bei seinem eigenen Turnier vorbeischauen.

Der Präsident des Schweizerischen Schachbundes erhofft sich denn auch vom Anlass eine Signalwirkung. Vielleicht könnten auf diese Weise wieder mehr Menschen für das Brettspiel begeistert werden. Und dieses Ziel verfolgt Siegel auch im lokalen Rahmen: «Ich will im September wieder einmal ein Juniorenschachturnier organisieren. Das hat es lange Jahre in Zug gegeben. Ich will es jetzt wieder reaktivieren.» Noch ist Siegel jedoch auf der Suche nach Sponsoren.

Auch fürs kommende Jahr hat Adrian Siegel grosse Pläne. Im 2014 feiert der Schweizerische Schachbund sein 125-Jahr-Jubiläum. Sozusagen als Jubiläumsfeierlichkeit würde Adrian Siegel gerne eine bedeutende Jubiläums-Einzelmeisterschaft austragen.

Doch vorderhand konzentriert sich der 49-Jährige auf das Treffen der Titanen, welches am kommenden Donnerstag in Cham beginnt. Auch er wird dort wieder den einen oder anderen Zug sehen, den er in sein Spiel einbauen kann.