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Zum Trainingsauftakt des FCB: Das Protokoll einer verrückten fussballfreien Zeit

Der FCB sorgte in den vergangenen 66 Tagen auch ohne Fussballalltag täglich für Gesprächsstoff. Ein Rückblick auf die verrückte Coronapause.

Jakob Weber
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Der FC Basel hat am Montag zum ersten Mal seit zehn Wochen wieder zusammen trainiert.

Der FC Basel hat am Montag zum ersten Mal seit zehn Wochen wieder zusammen trainiert.

zvg: fcb

Der St. Jakobpark ist abgeschlossen. Eine blaue Plastikplane verdeckt von aussen die Sicht auf das Spielfeld. Aus dem Innern klingt es, als ob Knallpapier zerdrückt wird. Es sind die Bälle, die bei jedem Schuss oder Pass im Stadion hallen. Der FC Basel hat am Montagvormittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach 66 Tagen coronabedingter Pause das Mannschaftstraining wieder aufgenommen – und damit eine denkwürdige Episode seiner 126-jährigen Vereinsgeschichte beendet.
12. März: Der FCB gewinnt in Frankfurt seinen letzten Ernstkampf. Ohne Zuschauer kontert er den Bundesligisten aus und gewinnt das Hinspiel im Europa-League-Achtelfinal mit 3:0. Doch FCB-Trainer Marcel Koller sagt schon: «Aktuell freuen wir uns, aber alles andere steht in den Sternen.»

13. März: Die Uefa unterbricht den internationalen Wettbewerb. Der Schweizer Bundesrat erlässt strickte Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus.

16. März: Der FCB stellt den Trainingsbetrieb bis auf weiteres ein.

18. März: Die Uefa verkündet, dass die Europameisterschaft im Sommer um ein Jahr verschoben wird. Dadurch haben die nationalen Ligen Puffer, um die Saison nach der Pause zu beenden.

18. März: Der FCB beantragt für einen Teil seiner Mitarbeiter Kurzarbeit. Die Spieler der ersten Mannschaft sind davon nicht betroffen.

19. März: Am Tag, an dem eigentlich das Rückspiel gegen Frankfurt hätte stattfinden sollen, vermeldet die Eintracht zwei positive Coronafälle. Beim FCB geht die Angst um, dass sich Spieler angesteckt haben könnten. Sie müssen sich aus dem Homeoffice täglich melden und sagen, ob es ihnen gut geht.

23. März: Noch ist man beim FCB guter Laune. Die Buchstaben im Vereinslogo halten sich auf Social Media ans Social Distancing und sogenannte StayAtHome-Fussballer mit dem Namen Jonas Homelin, Raoul Bettretta und Eray Cömertniduse werden erfunden.

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25. März: Sportdirektor Ruedi Zbinden erklärt im bz-Interview, dass er sämtliche Planungen auf Eis legen musste. Niemand wisse, was komme. Auch Gespräche über Vertragsverlängerungen sind gestoppt. Marcel Koller und Co. müssen sich gedulden.

26. März: Jonas Omlin und Silvan Widmer singen mit der Schweizer Nati «Let It Be» und müssen sich anschliessend Kommentare über ihr unterirdisches Gesangstalent gefallen lassen.

27. März: Geheime Pläne der Fifa werden von «chMedia» veröffentlicht. Darin steht, dass auslaufende Verträge bis Saisonende weiter gelten sollen, dass Spieler zum Wohle des Klubs auf Lohn verzichten sollen, und dass das Transferfenster angepasst wird.

31. März: Der FCB erachtet die 3,5 Millionen, die für den Kauf von Leihspieler Edon Zhegrova nötig gewesen wären, für «nicht opportun» und lässt die Frist für die Kaufoption verstreichen.

3. April: Der FCB verkündet, dass die erste Mannschaft einen «substanziellen Betrag» an das Basler Kinderspital und die Schweizer Glückskette spendet.

7. April: CEO Roland Heri geht auf Instagram live. Er appelliert an die Fans: «Ich bin überzeugt: Je solidarischer wir uns zeigen, desto schneller können wir diese Krise überwinden.» Zum Schluss der Schalte küsst er sein Glücksschweinchen Trudi.

8. April: Mit einem abendlichen Kurzschluss-Communiqué hintergeht der Vorstand seine Spieler und stellt diese öffentlich bloss. Denn gemäss der Mitteilung seien Stocker und Co. nicht bereit, auf 70 Prozent ihres Lohnes in den Monaten April, Mai und Juni zu verzichten.

9. April: Obwohl sich der FCB gemäss Mitteilung nicht weiter äussern will, versucht Heri den angerichteten Schaden auf «Telebasel» zu beheben: «Wir greifen weder einzelne Spieler noch die Mannschaft an. Und wir üben auf gar keinen Fall Druck aus. Es ging nur darum, die eventuelle Verbreitung von Missverständnissen zu verhindern.»

10. April: Der Marktwert des gesamten FCB-Kaders verliert gemäss einer Schätzung des Onlineportals «Transfermarkt» rund 20 Prozent an Wert. Arsenal soll für Eray Cömert mittlerweile nur noch zwei Millionen Franken zahlen wollen.

11. April: Ob das daran liegt, dass sich Cömert mittlerweile als E-Sportler versucht? Der FCB-Innenverteidiger macht beim Fifa-Turnier aller Superligisten mit. Als Gruppendritter scheidet er aber nach der Vorrunde aus. Gegen YBs Lauper hagelt es an der Konsole eine 0:8-Klatsche.

13. April: Während sich die Zeichen verdichten, dass Kevin Bua seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängert, äussert sich Stürmer Arthur Cabral zu seiner Zukunft: «Ich fühle mich in Basel sehr wohl und will mit dem Verein Trophäen gewinnen.»

14. April: Der «Blick» schreibt von grossen Diskrepanzen im Lohnstreit. Angeblich liegt das Gegenangebot der Spieler nur bei fünf Prozent Lohnverzicht in den drei Monaten. Am Abend meldet sich die Mannschaft auf Instagram zu Wort. Sie sei bereit zu verzichten, aber erst, wenn sie informiert würde, wofür der FCB dieses Geld benötigt. Das Misstrauen gegenüber der Klubführung ist nicht zu überlesen.

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16. April: Marcel Koller sagt im bz-Interview, dass mit ihm immer noch keine Gespräche über einen neuen Vertrag geführt worden seien.

17. April: Der FCB trainiert mittlerweile dreimal wöchentlich digital zusammen via Zoom. Vor kurzem noch undenkbar, heute die sportliche Realität.

So sieht es aus, wenn der FC Basel dreimal wöchentlich gemeinsam via Zoom Stabilisationsübungen macht. Auf dem Screenshot haben nicht alle Platz gefunden.

So sieht es aus, wenn der FC Basel dreimal wöchentlich gemeinsam via Zoom Stabilisationsübungen macht. Auf dem Screenshot haben nicht alle Platz gefunden.

fcb/zvg

18. April: Der FV Lörrach Brombach vermeldet, dass Werner Mogg neuer Ausbildungschef wird. Damit verlässt die Jugendtrainer-Legende nach 18 Jahren den FCB. Stars wie Shaqiri und Albian Ajeti senden ihre Grüsse.

19. April: Nachdem er sich rar gemacht und Interviewanfragen kategorisch abgelehnt hatte, reagiert Bernhard Burgener auf schriftliche Fragen der «SonntagsZeitung» mit der Androhung von rechtlichen Schritten. Dabei wollten die Kollegen nur wissen, was es mit der Chameleo AG auf sich hat. Die IT-Beraterfirma gehört alten Weggefährten von Burgener – und der FCB ist einer ihrer zahlenden Kunden. Für welche Dienstleistungen genau, ist unklar.

20 April: Personelle Veränderungen im Nachwuchs sorgen für Missstimmung bei einigen Betroffenen. Sechs Trainer werden aus unterschiedlichen Gründen per sofort nicht mehr im FCB-Nachwuchs arbeiten. Einige von ihnen wettern bei «PrimeNews» gegen ihren alten Arbeitgeber. Der gibt seinem neuen Nachwuchschef Percy van Lierop bei dessen Umstrukturierungen aber volle Rückendeckung.

21. April: Der Geschäftsbericht von Burgeners Holdingfirma Highlight Event and Entertainment AG zeigt, dass der FCB-Präsident auch an anderen Fronten finanzielle Sorgen plagen. Als Boxpromoter der World Boxing Super Series hat er in nur zwei Jahren rund 50 Millionen Franken Verlust gemacht.

22. April: Wieder an einem Mittwoch, wieder zu später Stunde meldet sich der FCB per Communiqué. Diesmal mit froher Kunde: Es sei eine Einigung im Lohnstreit erzielt worden. Die erste Mannschaft verzichtet und übernimmt die durch die Kurzarbeit der Mitarbeiter entstandenen Lohneinbussen.

23. April: Alte Weggefährten schiessen gegen Bernhard Burgener. Aus dem siebenköpfigen Gremium, das 2017 sein Konzept einstimmig für gut befand, heisst es heute: «Burgeners Absichten waren gut. Aber wenn er nicht fähig ist, ist er nicht fähig. Er ist inkompetent und intransparent. Mein FCB-Herz blutet.»

28. April: Burgener spricht im «SRF». Er erklärt, dass der FCB bis Oktober liquide ist, dass ein Geisterspiel über 300'000 Franken kostet und dass er den Verein jetzt sicher nicht verkaufen wird. Für kritische Nachfragen beispielsweise zu den Reserven in der Holding reicht die kurze Sendezeit nicht.

30. April: Die Aktion «Zämmestoo» endet. Karli Odermatt und Co. haben mit Versteigerungen und Spenden knapp 70'000 Franken für Bedürftige gesammelt.

4. Mai: Die Saison der Amateure und des Nachwuchses wird in der Schweiz abgebrochen. FCB-U21 und die anderen Junioren können sich damit auf die kommende Saison fokussieren.

6. Mai: Der FCB vermeldet, dass die Generalversammlung wegen des Verbots von Grossveranstaltungen erst im Oktober stattfinden kann.

7. Mai: Der Bundesrat teilt mit, dass Profisportler ab dem 11. Mai wieder normal trainieren und ab dem 8. Juni wieder Wettkämpfe bestreiten dürfen. Die Liga will am 27. Mai abstimmen, ob sie die Saison fortsetzt, oder ob abgebrochen werden soll. Denn Geisterspiele sind – Burgener sagte es bereits – ein Verlustgeschäft.

8. Mai: Laut brasilianischen Medien will der FCB bei Arthur Cabral ins Risiko gehen und die Kaufoption ziehen.

10. Mai: Christian Gross beendet seine Trainer-Karriere und arbeitet ab sofort mit der Beraterfirma von Philipp Degen zusammen. Der Erfolgstrainer gilt auch als Kandidat als ein möglicher Teilinhaber beim FCB. Interviews möchte Gross zurzeit nicht geben.

11. Mai: Der FCB-Nachwuchs trainiert wieder. Doch nur die Trainer, die auch in der kommenden Saison an der Seitenlinie stehen werden, sind noch da. Der prominenteste Abwesende ist U21-Trainer Arjan Peço. Die Umstrukturierungen von van Lierop laufen auf Hochtouren.

12. Mai: Ein Offener Brief und eine Onlinepetition fordern, dass der FCB seine Generalversammlung vorverlegt, damit die Mitglieder früher Antworten auf ihre Fragen erhalten würden. CEO Heri erklärt, dass dies aufgrund der Massnahmen nicht möglich sei.

15. Mai: FCB-Teilinhaber David Degen steigt im E-Sports ein und wird Verwaltungsrat beim Schweizer E-Sport-Unternehmen eStudios AG.

17. Mai: Auf Facebook klagen Eltern, weil der FCB die Kindersportschule Bebbi auflöst. Die Eltern der Kinder der Stufen G7, F8, F9 rot und F9 seien am Wochenende über diesen Schritt informiert worden. Erst am Tag darauf erklärt der FCB die Entscheidung.

18. Mai: Der FCB trainiert erstmals wieder gemeinsam im Stadion. Bernhard Burgener und Marcel Koller sprechen zur Mannschaft. Dann wird mit Ball trainiert. Der erste Schritt in die rotblaue Normalität ist damit gemacht.