Zwei falsche Brüder und eine echte Schwester sorgen für eine Sprintshow

Beim Feuerwerk der schnellsten Schweizer an den nationalen Leichtathletik-Meisterschaften mischt auch ein Zehnkämpfer mit knappem Zeitbudget kräftig mit. Die Titelkämpfe stehen ganz im Zeichen der Nachwuchshoffnungen.

Rainer Sommerhalder
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Ditaji Kambundji fliegt einer neuen Bestzeit entgegen, während die Konkurrentinnen straucheln.

Ditaji Kambundji fliegt einer neuen Bestzeit entgegen, während die Konkurrentinnen straucheln.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Die Schweizer Leichtathletik präsentiert sich an den nationalen Meisterschaften von ihrer Sonnenseite. Vorab in den Sprintdisziplinen bestaunt man herausragende Leistungen und ein wahres Feuerwerk der Jugend. Allen voran vom Baselbieter Hürdenläufer Jason Joseph, der seinen eigenen Schweizer Rekord zum zweiten Mal in diesem Jahr verbessert. Nur fünf Athleten weltweit liefen in diesem Jahr eine schnellere Zeit als die 13,29, welche Joseph in sein Heimstadion in Basel auf die Bahn zaubert.

Jason Joseph jubelt über seinen Schweizer Rekord von 13,29 Sekunden.

Jason Joseph jubelt über seinen Schweizer Rekord von 13,29 Sekunden.

Claudio De Capitani / freshfocus

Bemerkenswert, dass der Rekord im Halbfinal fällt. Der 21-jährige würde sich wohl auch mit geschlossenen Augen für den Final qualifizieren, aber Joseph zieht voll durch, weil er am Start spürt, dass etwas drin liegt. Im Final (13,31) fehlt ihm für eine nochmalige Verbesserung dann die Frische über die letzten Hürden. Joseph bleibt sich gegenüber fordernd: «Wenn ich ganz oben mitmischen will, muss ich noch schneller laufen».

Ein Versprechen aus dem Bünderland

Trotz seines Exploits stellt Jason Joseph einen anderen Athleten in den Mittelpunkt. Seinen gleichaltrigen Kumpel William Reais. Er habe sich noch mehr für ihn als für sich selber gefreut, sagt der Rekordläufer. Denn der Bündner Reais zaubert zwischen Josephs beiden Auftritten eine Zeit über 200 m auf die Bahn, die ihm selbst Trainer Flavio Zberg nicht zugetraut hat.

William Jeff Reais kann seine Bestzeit selber nicht fassen.

William Jeff Reais kann seine Bestzeit selber nicht fassen.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Die 20,24 Sekunden bedeuten europäische Jahresbestleistung. Um 61 Hundertstelsekunden verbessert sich Reais im Vergleich zum Vorjahr. Sein Talent wird erst recht ersichtlich, wenn man seine Vielseitigkeit betrachtet. Sowohl über 100 m (10,35) wie auch über 400 m (46,45) pulverisierte der Athlet des LC Zürich in diesem Jahr seine Bestzeiten.

«Wir sind mehr als Freunde, wir sind wie Brüder», sagt William Reais zur besonderen Beziehung mit Joseph. Diese gehe soweit, dass man sich gegenseitig alles anvertraue. Der Bündner sagt, er habe sich vom Rekordlauf Josephs extrem motivieren lassen. Und dieser unterbricht extra die Vorbereitung für den Hürdenfinal, um die Leistung seines «Bruders» zu feiern.

Ein Fliessbandarbeiter aus dem Appenzellischen

Apropos Vorbereitung. Die eigentliche Show der Schweizer Meisterschaften zieht der Appenzeller Zehnkämpfer Simon Ehammer ab. Nachdem er am Vortag bereits Bronze im Stabhochsprung holt, sichert sich der 20-Jährige dann noch das komplette Set an Edelmetall: Gold im Weitsprung, Silber über die Hürden. Dabei sei er ja nur hier, um die Spezialisten «ein wenig zu ärgern».

Und wie Ehammer sich die beiden Medaillen holt! Es erinnert an Speeddating. Der Finallauf über 110 m Hürden findet während des Weitsprungfinals statt. Dort führt der Zehnkämpfer nach drei Versuchen mit einer Weite von 7.78 m. Fünf Minuten vor dem Startschuss des Hürdenfinals meldet er sich bei der Weitsprunganlage ab und hetzt praktisch ohne Vorbereitung zum Startpflock der Sprinter. Hinter Joseph reicht es Ehammer zu Rang 2 – mit einer Zeit von 13,48 Sekunden. Das sind 25 Hundertstel schneller als er je zuvor gelaufen ist.

Zwei Minuten darf er sich freuen, dann muss er nach ausgelassenem vierten Versuch bereits wieder im Weitsprung ran. Mit dem allerletzten Sprung auf 7.99 m gibt es dort Gold. «Es war zeitlich schon sehr knapp. Im letzten Jahr habe ich an der SM genau deswegen auf einen Start über die Hürden verzichtet. Aber diesmal wollte ich unbedingt, denn mit meinem letzten Hürdenrennen war ich überhaupt nicht zufrieden. Da galt es noch etwas zu korrigieren», sagt Simon Ehammer.

Eine zufriedene Lea Sprunger nach der viertbesten 200-m-Zeit ihrer Karriere.

Eine zufriedene Lea Sprunger nach der viertbesten 200-m-Zeit ihrer Karriere.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Eine echte Schwester aus dem Bernbiet

Und die Sprinterinnen? Auch die lassen sich in Basel nicht lumpen. Mit Sprunger und Kambundji stehen je einmal die beiden erfolgreichsten Namen der Leichtathletik zuoberst auf dem Podest. Während es sich bei Lea Sprungers Goldlauf über 200 m – mit 23,08 Sekunden die viertbeste Zeit ihrer Karriere – um das «Original» handelt, feiert mit Ditaji Kambundji die kleine Schwester des Stars über 100 m Hürden ihren ersten Titel bei der Elite.

Die 19-Jährige pulverisiert ihr bisher bestes Resultat im ersten Jahr als Hürdenspezialistin – zuvor war sie als Mehrkämpferin unterwegs – und stellt mit 13,07 eine für ihr Alter auch im internationalen Vergleich bemerkenswerte Zeit auf. Der Name Kambundji verpflichtet aber nicht nur punkto Leistung. Er zieht auch bei den jugendlichen Helfern. Niemand sonst muss an diesen Meisterschaften so viele Autogramme verteilen wie Ditaji, von der es heisst, sie sei noch talentierter als ihre ältere Schwester Mujinga.