OL-Europameisterschaft
19 Monate ohne grosse Rennen: Zwei Generationen, ein verlorenes Jahr

Für die Schweizer Orientierungsläufer Daniel Hubmann und Simona Aebersold bedeutet die Heim-EM in Neuenburg ab Donnerstag das internationale Comeback. Die lange Pause hat sowohl den Routinier wie das Ausnahmetalent in ein mentales Tief geführt.

Rainer Sommerhalder
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Wollen in Zukunft wieder über Erfolge lachen: Erfolgsgaranten Simona Aebersold und Daniel Hubmann an der WM 2019 in Finnland.

Wollen in Zukunft wieder über Erfolge lachen: Erfolgsgaranten Simona Aebersold und Daniel Hubmann an der WM 2019 in Finnland.

Bild: Keystone

Am 29. Oktober 2019 hatte die Schweizer OL-Elite ihren letzten internationalen Auftritt. Bezeichnenderweise in der Region von Wuhan, wo das Coronavirus unmittelbar danach ausbrach. Die Saison 2020 mit Weltmeisterschaft und allen Weltcuprennen fiel komplett der Pandemie zum Opfer.

Die Heim-Europameisterschaft im Sprint – in dieser Form eine Premiere – in Neuenburg beendet nun mit drei Titelentscheidungen ab Auffahrt einen knapp 19-monatigen Wettkampf-Lockdown.

Eine Konsequenz, die nicht jeder Athlet verstand. Der 38-jährige Thurgauer Daniel Hubmann ist als achtfacher Weltmeister gleichzeitig ältester wie erfolgreichster Schweizer Kaderläufer. Er sagt, er habe nicht wirklich eingesehen, dass ausgerechnet eine Sportveranstaltung in der Einsamkeit des Waldes nicht möglich war, während in der Leichtathletik oder bei Radrennen die Saison trotz Corona zum Laufen kam.

Ein Profileben ohne Wettkämpfe wird zur Sinnkrise

Hubmann, seit 2007 Profisportler, spricht unverhohlen von «einem verlorenen Jahr». Er habe im vergangenen Frühling die Motivation zwischenzeitlich verloren. Hubmann nennt es rückblickend eine Sinnkrise. In seinem Alter werde man nicht mehr besser, da gehe es darum, den Anschluss an die Weltspitze zu wahren. «Ich hätte mir in meinen 18 internationalen Saisons zuvor nie vorstellen können, dass einmal eine WM ausfällt.»

Während der Wahl-Berner Hubmann je nach Konkurrenzfähigkeit die Karriere bis zur Heim-WM 2023 verlängern will, steht die 22-jährige Bielerin Simona Aebersold noch ganz am Anfang ihrer Elite-Laufbahn. Das grösste Talent des Schweizer OL-Sports schlug im Sommer 2019 bei ihrer WM-Premiere in der Elite mit drei gewonnenen Medaillen auf Anhieb ein.

Doch selbst wenn sich der neunfachen Junioren-Weltmeisterin in Zukunft vermeintlich viele weitere Chancen auf Edelmetall bieten werden, erlebte auch sie die ungewollte Wettkampfpause wie ihr 16 Jahre älterer Teamkollege Hubmann als belastende Situation. «Ich hatte zu Beginn ziemlich grosse Mühe damit. Es schlug mir auf die Motivation und ich benötigte meine Zeit, um wieder vorwärts zu blicken», sagt Aebersold.

Eine EM mit neuer Wettkampfform und offener Ausgangslage

Deshalb mag die Heim-EM der Sprintdisziplinen im urbanen Gebiet von Neuenburg für Aebersold und Hubmann wie ein Fressen für ein hungriges Raubtier erscheinen. Sie sei deshalb doppelt nervös, gibt Aebersold zu. «Denn ich habe keine Ahnung, wo ich im Vergleich mit den anderen Nationen stehe», sagt sie. Die Vorfreude sei riesig, selbst wenn sie sich als Multitalent etwa mit der neuen WM-Disziplin K.O.-Sprint noch nicht innig angefreundet hat. «Dieser Wettkampf hat viel mit Taktik zu tun. Es ist eine ganz andere Charakteristik.»

Noch deutlicher wird Daniel Hubmann. Der sechsfache Gesamt-Weltcupsieger sagt offen, an diesem spielerischen Format hänge seine fortwährende OL-Leidenschaft sicher nicht. Auch der Allrounder mit immerhin drei WM-Titeln im Sprint kann die aktuelle Leistungsstärke nicht genau einschätzen. Sein grosses Ziel bleibt die WM von Anfang Juli in Tschechien. Für die Europameisterschaft sagt Hubmann: «Klar träume ich vom Sieg. Aber selbst mit einem guten Rennen kann sein, dass ich leer ausgehe.» Nach einem verlorenen Jahr muss man sich zuerst wieder finden.

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