ZWEIERBOB: Hefti/Baumann: Aus der Mülltonne aufs Olympia-Podest

Es gibt so viele schöne Anekdoten, die hinter dem Silbermedaillengewinn von Beat Hefti (36) und Alex Baumann (28) im Zweierbob stehen, dass es schwerfällt, sich für eine zu entscheiden.

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Beat Hefti und Alex Baumann freuen sich über Silber. (Bild: Keystone)

Beat Hefti und Alex Baumann freuen sich über Silber. (Bild: Keystone)

 Da ist zum Beispiel jene, wie sich die beiden einst kennen gelernt hatten. Es war der Sommer 2006, als der Appenzeller Hefti an einem Turnfest in Herisau irgendwo zwischen den Wurstständen eine Schienenstrecke aufbaute, seinen Bob daraufstellte und nach Anschiebern suchte – er fand den früheren Leichtathleten Alex Baumann.

Peinliche Momente bei Erholung

Oder jene, wie die beiden vor wenigen Tagen eine Mülltonne auf ihren Balkon im olympischen Dorf schoben, sie mit Eis auffüllten und sich seither nach jedem Einsatz auf der Bahn einzeln nacheinander fünf bis zehn Minuten hineinsetzten, um sich möglichst schnell zu regenerieren. «Das mit der Tonne war gar nicht so einfach», lacht Baumann, «wir mussten uns im Zimmer nackt ausziehen und dann den richtigen Moment abwarten, bis wir raus auf den Balkon rennen und in die Tonne springen konnten – denn direkt über unseren Balkon führt ein Skilift.»

Das Eisbad nach dem Training als optimale Regenerationsmöglichkeit ist zwar in der Trainingslehre umstritten, doch zumindest für die Psyche war der tägliche Sprung in die Mülltonne Gold wert. Und wie wichtig der mentale Bereich beim Kampf um jede Hundertstelsekunde in der Bobbahn ist, zeigt Anekdote Nummer drei. Denn nach den ersten beiden Läufen lagen Hefti und Baumann auf Rang zwei – eigentlich ja ein tolles Gefühl. Nur blöd, dass im Bob der dritte und vierte Lauf immer erst am nächsten Abend stattfinden.

Tochter sorgt bei Hefti für Ruhe

Und so begann auch Hefti mit der Zeit sich unnötige Gedanken zu machen und nervös zu werden. Bis der zweifache Familienvater gestern Morgen mit seiner zweijährigen Tochter Amy Lynn skypte. «Sie weiss natürlich noch nicht, was Olympia für eine Bedeutung hat. Sie hat mich gefragt, ob ich heimkomme», erzählt Hefti, «das hat mir Ruhe gegeben, weil ich gemerkt habe, dass ich für sie sehr wichtig bin – egal, ob ich eine Medaille hole oder nicht.»

Und so knüpften Pilot Hefti und Anschieber Baumann auch am zweiten Tag an ihre starke Leistung vom Vortag an. Sie hatten zwar keine fehlerfreien Läufe, doch diese Fehler waren so gering, dass es am Ende zur Silbermedaille reichte. Zur ersten Olympiamedaille, die sich Beat Hefti nach drei Bronzemedaillen als Anschieber in Zweier- und Viererbobs nun als Pilot holte. «Wir wollten diese Medaille so unbedingt – jetzt bin ich überglücklich, dass wir sie haben», jubelte Hefti.

Und sie ist für ihn eigentlich wie eine Goldmedaille. Weil sie ihn endlich für die so bitteren Tage bei den letzten Olympischen Spielen entschädigte. Denn schon 2010 galt Pilot Hefti im Zweierbob als Medaillenkandidat – bevor ein Sturz im Training, bei dem er eine Hirnerschütterung erlitt und fürs Rennen ausfiel, alles zunichtemachte.

Vor allem aber, weil Hefti weit weniger Läufe auf der Olympiabahn absolvierte als die russischen Olympiasieger Alexander Subkow und Alexej Wojewoda, die dadurch einen klaren Heimvorteil hatten. «Von denen, die gleich viele Fahrten hatten, bin ich der Beste», sagte Hefti, «ich bin der Beste vom Rest.» Angesichts der Silbermedaille, die er heute Abend im Olympiapark um den Hals gehängt bekommt, ist auch das ein herrliches Gefühl.