Pro & Contra

Zwischen «Lasst sie endlich spielen» und «Brecht die Saison ab»: Ein Pro und Contra zu Geisterspielen in der Schweiz

Der Schweizer Spitzenfussball ringt in der Coronakrise um eine Lösung, die ihm am wenigsten schadet. Zwei Redaktoren, zwei Meinungen.

Patricia Loher und Christian Brägger
Drucken
Teilen
Vielleicht muss man sich bald an solche Bilder gewöhnen: Zum Testspiel des FC St.Gallen am 13. März gegen Wil waren bereits keine Zuschauer mehr zugelassen.

Vielleicht muss man sich bald an solche Bilder gewöhnen: Zum Testspiel des FC St.Gallen am 13. März gegen Wil waren bereits keine Zuschauer mehr zugelassen.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Patricia Loher, Sportredaktorin: «Geisterspiele sind das kleinere Übel»

Patricia Loher.

Patricia Loher.

Bild: Hanspeter Schiess

Die Schweizer Klubs sollten die Meisterschaft vor leeren Rängen fertigspielen. Man braucht in diesen langen Wochen der Pandemie, in diesen Tagen der andauernden Diskussionen um Corona, endlich wieder Abwechslung. Geisterspiele sind zwar trostlos. Es braucht länger, bis den TV-Zuschauer eine Partie so richtig fesselt. Trotzdem bleibt der Fussball ein Mittel, um von den Sorgen abzulenken, der Fussball ist gut für das Gemüt.

Denn vor Corona war gerade diese Saison etwas Besonderes: Mit dem FC St.Gallen hat sich ein Aussenseiter aufgemacht, die Meister der vergangenen Jahre zu ärgern.

Diesem packenden Dreikampf an der Spitze, aus dem auch noch ein Vierkampf werden kann, darf nun nicht der Stecker gezogen werden.

Es soll im sportlichen Wettstreit ausgemacht werden, wer der Beste ist, wer das Land im Europacup vertritt, wer auf- und wer absteigt. Gemeinsam feiern oder gemeinsam weinen müssen wir dann halt später.

Zudem haben die Fussballer das Recht, ihrer Arbeit nachzugehen. Denn es geht dabei auch um ihre Marktwerte, die bei einem Saisonabbruch sinken würden. Man muss den Ämtern vertrauen, die das Hygiene- und Schutzkonzept der Liga für gut befunden haben.

Wir sollten nicht einzig darüber nachdenken, was passiert, wenn sich ein Fussballer mit dem Virus ansteckt, sondern auch in Betracht ziehen, dass diese jungen Sportler trotz intensiven Körperkontakts gesund bleiben. Das wäre ein weiterer Lichtblick auf dem Weg zurück in die Normalität.

Bei einem Abbruch würde sich die Liga rechtlich angreifbar machen. Und sie könnte mit Geisterspielen wenigstens den TV-Vertrag erfüllen. Noch fehlt die letzte Rate, sie beträgt rund 7,5 Millionen Franken. Vier Fünftel fliesst in die Super League, der Rest in die Challenge League. Das ist im internationalen Vergleich wenig. Aber besser als nichts.

Christian Brägger, Sportredaktor: «Die Saison ist gelaufen»

Christian Brägger.

Christian Brägger.

Bild: Hanspeter Schiess

Der Fussball befriedigt Bedürfnisse, und er befriedet Gemüter. Wegen Corona ist das nun nicht weiter möglich, die Existenz vieler Klubs bedroht, ein Flickenteppich an Schadenminderungsmassnahmen hilft, um über die Runden zu kommen. Dabei ist die Saison so oder so beschädigt und geht als eine während Monaten fussballlose Zeit in die Geschichte ein.

Weshalb also einen Betrieb erneut hochfahren, mit dessen Ende man sich rational, vielleicht auch emotional abgefunden hat und eine Notwendigkeit nicht gegeben ist? Es mag ketzerisch klingen: Aber wenn sich der Fussball mit seiner Klüngelei und der Wiederaufnahme der Spielzeit nur noch grössere Bürden auflädt, insbesondere finanzieller Natur, ist der Nutzen verschwindend klein.

Erst am 27. Mai entscheidet der Bundesrat, ob es tatsächlich weitergehen kann. Der Unwägbarkeiten bleiben danach viele, wie die Vertragssituation und Gesundheit der Akteure, wie Fragen nach dem Kurzarbeit-Status oder den tatsächlichen Zusatzkosten der Geisterspiele. Zudem ist ein Sonderfall schwierig zu vermitteln, wenn der Profifussball mehr Rechte und Freiheiten erhält als andere.

13 Runden mit Partien vor leeren Rängen bis August, dann im September womöglich die Weiterfahrt auf diesem seelenlosen Dampfer, weil es nicht anders gehen darf. Die Kollateralschäden brauchen nicht noch grösser zu werden.

Mayday, Fussball, Mayday heisst es schon genug. Ein psychologisches, physisches und finanzielles Nachbeben gibt es in der Fussballwelt ohnehin. Politik und Verbände werden Geld sprechen müssen, das in Zukunft sorgsam für einen Neustart und zum Schutz wie Fortbestand dieses Sports verwendet werden soll.

Die Saison 2019/20 ist gelaufen, keine Wertung möglich.
Es wäre zwar Zufall, aber keine Willkür nach 23 Runden, riefe die Liga St.Gallen für den Europacup als Erstgekrönten aus – analog zum Schwingen.

Mehr zum Thema