Quartierverein

Brugger Quartierverein Altstadt besuchte Rottweil

Besuch bei Freunden

Marcel Siegrist
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Am letzten Juni-Samstag packten Brugger AltstadtbewohnerInnen anlässlich des Jubiläums ihres Quartiervereins die Gelegenheit beim Schopf, unsere Rottweiler FreundInnen zu besuchen. Ebenfalls mit von der Partie: weitere BruggerInnen und ehemalige UmikerInnen. Den Kontakt zu unserer Partnerstadt pflegten einige schon, für die anderen war es eine spannende Premiere, und für alle wurde dieser Tag zu einem grossen Erfolg: Die Rottweiler Freundschaft wurde von der ersten Minute an spürbar in der herzlichen Art und Weise, wie wir empfangen wurden und mit dem vielseitigen Programm und den sehr sympatischen Begegnungen.

Kaum aus unserem Luxusbus ausgestiegen, wurden wir warmherzig begrüsst von einer Delegation der Rottweiler Freunde von Brugg, darunter seinem Präsidenten Edgar Enderli mit Brugger schwarzweisser Fahne und Franz Herth, Stadtführer mit Herzblut. Wir erfuhren, dass Rottweil, sowie Windisch, schon bei den Römern eine strategische Bedeutung als Municipium mit Namen Arae Flaviae hatte. Und dass nach dem Rückzug der Römer die Stadt zum Verwaltungszentrum Rotuvilla, und zur Zeit der Stauffer (12.Jht.) etwas westlicher auf einen Felsensporn neu versetzt wurde. Die Stadt wurde somit auf einem leichten Hang gebaut, weshalb sogar der Boden einer ihrer Kirchen ganz schräg ist. Ungefähr zu dieser Zeit bekam die Stadt das Hofgericht, was zu bedeutsamen Einkünften und wirtschaftlicher Entwicklung beitrug.

Unsere Stadtführung brachte uns in die durch den Samstagsmarkt belebte Altstadt am Fuss des Schwarzen Tors. Wir erfuhren, wie Rottweil mit den Eidgenossen 1476 nach Murten gegen Karl den Kühnen zog, und mit ihnen als „Zugewandter Ort" schon damals enge Beziehungen pflegte, die erst zur Zeit der Reformation abkühlten. Wir erfuhren, wie viele Rottweiler zwar begeisterte Reformationsanhänger wurden, aber wie die Gegner mit dem Argument gewannen, dass eine Annahme des neuen Glaubens den Verlust des Hofgerichtes und den damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteilen bedeuten würde. So entschied man sich, strikt katholisch zu bleiben. Die Anhänger der Reformation wurden gebeten, den Ort zu verlassen und liessen sich zum Teil in der Schweiz nieder. Nach dem Vatikanum II erwies sich Rottweil aber als sehr oekumenisch, was sie heute noch ist.

Von diesen Reformationswirren erfuhren wir im grossen gothischen Heilig-Kreuz-Münster mit u.a. wunderbaren Glasfenstern, dem schon erwähnten schrägem Boden mit Kinoeffekt sowie einem Nebenaltarbild, das den Teufel... als Frau darstellt.

1519 schlossen Rottweil und die Eidgenossen ein neues, sogenanntes „Ewige Bündnis", das immer noch besteht! So bekam Rottweil in schwierigen Zeiten manchmal materielle Hilfe von der Eidgenossenschaft und wäre zweifelsohne im 19. Jahrhundert dazu geneigt gewesen, Teil des neuen eidgenössischen Staates zu werden, wenn es nicht die napoleonische Umgestaltung der europäischen Karte gewesen wäre, die für Rottweil eine Funktion im Land Baden-Würtemberg vorsah. 1913 blühte die Freundschaft mit der Schweiz nochmals auf: Rottweil ging eine demnächst hunderjährige Partnerschaft mit Brugg ein, und bekam vor allem nach den 2 Weltkriegen Hilfe von Brugg (u.a. Finanzierung von Suppen-z'Mittag für die durch den Krieg verarmte Bevölkerung). Seitdem gibt es immer wieder gegenseitige, zum Teil offizielle, zum Teil informelle Besuche zwischen Brugg und Rottweil.

So wurden wir nach dem Münsterbesuch im schönen Alten Rathaus hochoffiziell mit Apero und Rede vom Bürgermeister Werner Guhl empfangen, um dann in die alte Beiz „Zum Becher" essen zu gehen, und am Nachmittag 2 Paare kennenzulernen, die uns grosszügigerweise die Tür ihrer Altstadtwohnung öffneten. Wir erfuhren so ganz unmittelbar, wie es sich in der Altstadt wohnt. Diese vielen Eindrücke wurden ergänzt durch die Äusserungen vom Historiker und Archäologen W. Wittmann. In den 60er Jahren, als es Mode wurde, auf dem Lande im eigenen Einfamilenhaus zu wohnen, drohten viele Altstadthäuser zu verlottern. Zum Glück gab es damals interessanterweise auch eine Jugend-Bewegung, die in der Freizeit viel Zeit für die Renovation gewisser Häuser widmete. Heute schätzen es viele wieder, in einer Altstadt zu wohnen.

Viele von uns wagten sich noch zum Hochturm, ehemaligen Gefängnis. Das Besteigen der ca 200 Stufen lohnt sich, da man dort oben eine prächtige Sicht nicht nur auf die Altstadt, sondern auf die reiche Vegetation in den ehemaligen Gräben und auch entlang der Strassen neueren Datums. Interessant ist die von den Stauffern typische Stadtplanung mit 2 Hauptstrassen, die sich im rechten Winkel zentral kreuzen und somit 4 Stadtteile bilden. Diese konstituieren die Altstadt, deren Gesamtbild noch fast unberührt besteht, und mit deren zahlreichen bunten Althäusern mit Erkern und grossen roten schrägen Dächern auffällt. Das Rote dieser wunderbaren Dächer und das Grüne der vielen wunderbaren Bäume rundherum sowie die wunderbare Aussicht und die angenehm kühle Luft oben auf dem Hochturm bildeten für mich einen ganz speziellen Abschluss dieses sehr sympatischen Kennenlernbesuches in Rottweil, bevor unsere Freunde mit Brugger Fahne sich von uns beim Luxusbus verabschiedeten. Gegen 20 Uhr nach angenehmer Reise durch Süddeutschland fassten wir wieder Fuss vor dem Brugger Storchenturm. Marianne Bonjour