Kolumne

Heute gibt’s einen Chlapf Schnee

Denkbar wäre, dass auf den Chlapf Schnee bald einmal ein Peitschenhieb Graupelschauer folgt oder eine gestreckte Gerade Raureif, eine zünftige Tracht Glatteis, eine Breitseite Sturmwind, ein Trommelfeuer Hagel und ein ordentlicher Tatsch Regen.

Hans Graber
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Hat man sich chläpfenden Schnee so vorzustellen? (Bild: AP/Matt Rourke)

Hat man sich chläpfenden Schnee so vorzustellen? (Bild: AP/Matt Rourke)

Der Winter gibt wieder mal keine Ruhe. Nach frühlingshaften Anflügen im Februar drängt er jetzt machtvoll zurück. Elend kalt war’s in den letzten Tagen und – laut gestriger Prognose – heute ist sogar Schnee bis in die Niederungen angesagt. Genauer: ein Chlapf Schnee, wie SRF-Wettermann Felix Blumer lautstark am Radio verkündete.

Blumer ist praktizierender Schnauzträger, und sein ausgeprägter Züri-Dialekt ist derart breit, dass vom Kiefergelenk bedrohliche Quietsch- und Knackgeräusche ausgehen, wenn man versucht, ihn nachzuäffen. Zudem verfügt Blumer – nomen est omen – über ein sehr blumiges Prognosen-Vokabular. Ein Chlapf Schnee.

Unser SRF-Meteo-Mann hat den Hang, jederzeit eine gewisse Dramatik ins Wetterwesen hineinzubringen, gleichzeitig ist er ist er mitfühlend und -leidend. Wenn jeweils wieder so ein Sturmtief herannaht, schwingt echte Sorge mit in seinen Ausführungen. Umgekehrt zeigt er sich geradezu begeistert über anhaltende Hochdrucklagen und weicht damit wohltuend ab von der verbreiteten Wetterfrosch-Macke, dass das persönliche Lieblingswetter möglichst grauslich zu sein hat. Gerne genannt werden Kugelblitz-Kaskaden, waagrecht fallender Regen, hermetische Bodennebel oder auch wulstige Wolkenwürste. Einverstanden, immer nur strahlend und heiter wäre langweilig. Im Sommer auf der überdachten Terrasse einer Strandbeiz direkt am Meer gelangweilt einem vorbeiziehenden Regen zuzuschauen, ist annähernd das wohligste der Wettergefühle. Auch ein vorabendliches Hitzegewitter im Juli hat etwas für sich. Es duftet da jeweils nach den ersten Tropfen betörend, obwohl es sich bei diesem Wohlgeruch offenbar um ein Gemisch aus Pflanzenausdünstungen, Steinstaub sowie einem muffig-modrig riechenden Stoff namens Geosmin handelt, der anscheinend zur Gruppe der bicyclischen Alkohole gehört. Was nur beweist: Zu viele Worte machen häufig alles kaputt.

Das sollten nicht zuletzt unsere Wetterfachkräfte am Radio und im TV beherzigen, speziell aber jene in den Schaltzentralen, wo Warnmeldungen auf Smartphones ausgelöst werden. Ich vermute schon länger, dass man sich dort einen Heidenspass daraus macht, die Leute in schöner Regelmässigkeit aufzuscheuchen und bei jeder steifen Brise, bei jedem Niederschlag über 5 mm oder notfalls halt auch bei länger anhaltendem Sonnenschein mindestens die Gefahrenstufe 2 («mässig») auszurufen. Lieber aber 3 («erheblich») oder mehr.

Blumer hat diesen mir zuvor unbekannten Chlapf Schnee bereits vor ein, zwei Wochen einmal angedroht. Soweit ich mich erinnern kann, ist es aber nicht weiter schlimm geworden. Zwar kann man als sensibles Wesen Schnee bis in die Niederungen stets ein wenig als Watsche fürs Gemüt empfinden, aber einen Chlapf stelle ich mir doch irgendwie anders vor. Heftiger. Schallende Ohrfeige. Aber vielleicht verstehe ich unter Chlapf einfach etwas anderes als Freund Felix.

Könnte aber auch sein, dass der Wettermelder-Wortschatz jetzt generell mehr ins Martialische hineingeht, damit die Botschaften wieder besser in die vor lauter Warnmeldungen allmählich abgestumpften Köpfe dringen. Denkbar wäre dann, dass auf den Chlapf Schnee bald einmal ein Peitschenhieb Graupelschauer folgt oder eine gestreckte Gerade Raureif, eine zünftige Tracht Glatteis, eine Breitseite Sturmwind, ein Trommelfeuer Hagel und ein ordentlicher Tatsch Regen. Oder warum nicht gleich K.O.-Tropfen? Es handelt sich schliesslich um Niederschläge.

Aber warten wir jetzt einmal ab, inwieweit uns heute der Schnee zu verprügeln gedenkt. Irgendwann, so zeigt die Erfahrung, wird es dann doch noch Frühling werden. Nicht selten auf einen Chlapf.