Ich will hier auch noch rein!

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Susanne Holz
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Habt ihr noch einen Platz für mich? (Bild: Silas Stein/Keystone (Rüsselsheim, 10. Januar 2019))

Habt ihr noch einen Platz für mich? (Bild: Silas Stein/Keystone (Rüsselsheim, 10. Januar 2019))

Beim Anblick dieser possierlichen Möwen, die so schön und geschlossen in einer Reihe stehen und der über sie hinwegfliegenden Genossin keine Beachtung schenken, fühlt man sich ganz unwillkürlich an gewisse Szenen aus der eigenen Vergangenheit erinnert.

Hat man ihn nicht schon unzählige Male formuliert, diesen Satz: «Passe ich hier auch noch rein?» Oder: «Habt ihr noch einen Platz für mich?» Oder: «Darf ich mich dazu setzen?» Zum Glück erinnert man sich nicht daran, jemals ein unwirsches «Platz da!» von sich gegeben zu haben. Aber womöglich lässt einen da auch nur das Gedächtnis im Stich.

Jedenfalls hat man sich als notorisch Zuspätkommender schon häufig irgendwo reinquetschen müssen. Als jüngstes Kind in eine Familie mit drei älteren Geschwistern, Mutter, Vater, Grossmutter und Grossvater unter einem Dach. Der Raum war knapp, aber man hat ihn tapfer geteilt.

Auch im Kindergarten hatten sie dann erst mal keinen Platz für einen – in letzter Minute wurde einer geschaffen. Es wäre mir allerdings sehr recht gewesen, das hätte nicht geklappt. Meine Lust, mir einen Platz am Sandkasten zu erobern oder an der Kletterstange oder mir überhaupt eine Position in diesem täglich wilden Gefüge zu sichern, hielt sich in Grenzen.

Zum Glück war der Kindergarten irgendwann überstanden und somit die Zeit, in der man sehnsüchtig an einem Zaun stand und auf die andere Seite Richtung Freiheit starrte. Hier hat man nie den Wunsch verspürt, sich reinzuquetschen. Lieber wäre man klammheimlich über den Zaun geklettert.

Die Schule mochte man dann lieber. Es kommen einem aber durchaus Situationen in den Sinn, da man sich auch in diesem Institut lieber aus- als eingereiht hätte. Spontan fällt mir mein Biologielehrer der siebten bis neunten Klasse ein: Der hatte die Angewohnheit, regelmässig mündliche Prüfungen für einen Teil der Klasse zu veranstalten. Die fünf bis sechs Auserwählten beziehungsweise Opfer mussten nach vorne kommen und in einer Reihe der Befragung harren. Das war nervenaufreibend bis schrecklich. Wetten, dass diese Möwen nicht geprüft werden? Dazu schauen sie zu gelassen drein.

Und wo wollte man sich jeweils unbedingt einen Platz ergattern? Atemlos und quasi im Sturzflug? Im Kino, bei Konzerten, bei konspirativen Treffen aller Art. Auf Tanzflächen und an diesen langen Theken, wo sich Barhocker an Barhocker reiht. Nicht, um sich zu betrinken, sondern weil man nicht so gerne lange steht.

Man kann ja leider nicht fliegen, wie diese Lachmöwe auf unserem Bild es kann – dann wäre vieles leichter. Die Sache mit dem Aus- und Einreihen liesse sich wesentlich eleganter handhaben. Unsere Möwen hier behaupten ihren Platz auf einem Geländer in der Nähe des Mains – im deutschen Rüsselsheim in Hessen.

Sollte jemand auf die verrückte Idee kommen, sich heute Abend in Rüsselsheim irgendwo einreihen zu wollen: Zur Auswahl stehen die Balanceklänge live in den «Klangräumen» am Am Brückweg 9 oder die Rüsselsheimer Buch-Oscars in der Buchhandlung Kapitel 43 in der Marktstrasse 32 bis 34. Aber nicht verspäten! Wenn irgend möglich: Fliegen!