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Suche nach Grab Nummer 174

Er hat Hunderte von Menschen vor dem Tod im Konzentrationslager gerettet. Danach wurde Konstanty Rokicki aber von der Welt vergessen. Nun bitten der polnische Staat und die Stadt Luzern die Bevölkerung der Zentralschweiz um Hilfe.
Ismail Osman
Ein Porträt des ehemaligen polnischen Konsuls in Bern, Konstanty Rokicki. Daneben ein Beispiel eines von Rokicki ausgefüllten, falschen Passes. (PD/ Archiv Yad Vashem)

Ein Porträt des ehemaligen polnischen Konsuls in Bern, Konstanty Rokicki. Daneben ein Beispiel eines von Rokicki ausgefüllten, falschen Passes. (PD/ Archiv Yad Vashem)

Was er tat, war nicht rechtens – und doch tat er zweifelsfrei das Richtige. Der polnische Konsul Konstanty Rokicki wurde im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zum Passfälscher. Über 1000 illegal erworbene südamerikanische Blankopässe soll er ausgefüllt haben – mit den Personalien von Juden in der von Nazideutschland besetzten Heimat, um diese vor dem Tod in den Konzentrationslagern zu bewahren (siehe Kasten rechts).

Konstanty Rokicki und sein Leben gerieten nach dem Krieg in Vergessenheit. Nun soll die Welt aber von seiner Geschichte erfahren. Und diese Geschichte, um es vorwegzunehmen, endet auf dem Friedhof Friedental. Rokicki verstarb 1958 in Luzern und wurde hier bestattet. Nur, wo genau?

Dieser Frage geht die polnische Botschaft in Bern schon seit mehreren Monaten nach, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen. Der Grund: Das Grabfeld und die Grabnummer sind zwar bekannt, nur konnte bis jetzt noch kein Plan aufgefunden werden, der erklären würde, wo genau auf dem Grabfeld 17 (siehe Karte) sich das Grab 174 befunden hätte. «Die Ausrichtung der Gräber hat sich mit der darauffolgenden Belegung verändert, was die Suche erschwert», erklärt Pascal Vincent, Leiter Friedhöfe der Stadt Luzern. Die Stadt unterstützt die polnische Botschaft bei der Suche nach Rokickis Grab. So kommt es, dass sich diese Woche eine siebenköpfige Gruppe Männer – Vertreter der Stadt Luzern und der polnischen Botschaft – im Friedental vor dem Grabfeld 17 traf. Auf Deutsch, Englisch und Polnisch wurde angeregt über alte Luftbilder, handgezeichnete Lagepläne und einen möglichen Durchbruch bei der Suche diskutiert.

Neues Grab oder Mahnmal

Doch was beabsichtigt die polnische Botschaft mit der Suche nach Rokickis Grab eigentlich? Was soll geschehen, wenn das Grab 174 gefunden wird? Die Antwort findet sich in Bern, beim polnischen Botschafter Jakub Kumoch: «Konstanty Rokicki hat viel riskiert und sich durch seine Haltung ausgezeichnet. Er verdient deshalb nichts Geringeres als ein offizielles Begräbnis.» Konkret gehe es nicht darum, die sterblichen Überreste Rokickis nach Polen zu überführen. Der Wunsch des Botschafters wäre es aber, im Rahmen einer formellen Staatsfeier Rokicki posthum zu würdigen, dies auch mit einem neuen Grabstein oder Mahnmal.

Rokickis Rolle bei der Rettungs­aktion mit den gefälschten Pässen war bis vor einigen Monaten fast unbekannt, erklärt Botschafter Kumoch: «Wir erhielten aber Hinweise aus der hiesigen jüdischen Gemeinschaft auf die Bedeutung, welche die polnische Botschaft in Bern während des Zweiten Weltkriegs bei der Besorgung solcher – potenziell lebensrettender – Pässe spielte.» Bei unseren Recherchen stiessen wir schnell auf den Namen Rokickis. Konsul Pawel Jaworski wurde damit beauftragt, der Geschichte von Konstanty Rokicki nachzugehen. «Wir mussten zunächst herausfinden, um welchen Konstanty Rokicki es sich handelt, und seine Rolle innerhalb des Netzwerkes, der sogenannten Berner Gruppe, klären», sagt Jaworski. Dies bedingte, die gesamte Geschichte des Netzwerkes aufzurollen. Im Bundesarchiv der Schweiz wie auch in Archiven von Holland und Jerusalem konnten immer mehr Belege für die Arbeit der «Berner Gruppe» und Rokickis Rolle darin zusammengetragen werden. «Für uns war eine zentrale Frage, ob er sich durch das Fälschen von Pässen persönlich bereichert hatte. Als durch archivierte Zeugenaussagen genügend belegt war, dass dies nicht der Fall war, versuchten wir mehr über seinen Verbleib zu erfahren.»

Dies stellte sich jedoch als schwieriger heraus als gedacht. «Wir wissen nicht viel über das Leben, das Rokicki nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs führte», sagt Jaworski. Im Gegensatz zu anderen an der Passaffäre Beteiligten scheint Rokicki keine Memoiren, Tagebücher oder Ähnliches hinterlassen zu haben. Bekannt ist, dass Rokicki 1945, nach der kommunistischen Machtübernahme in Polen, den konsularischen Dienst in Polen verliess. Er blieb in der Schweiz und versuchte zwischenzeitlich nach Brasilien umzusiedeln, was jedoch nicht fruchtete. Bekannt ist mittlerweile auch, dass er mit einer Maria Goldmanis verheiratet war und eine Tochter namens Wanda (1938–2008) hatte. Dann versandet die Spur von Rokicki jedoch. «Heute wissen wir lediglich, dass er zuletzt in Flüelen im Kanton Uri lebte, aber wegen einer Krankheit nach Luzern kam, wo er in der Folge verstarb», sagt Jaworski.

An diesem Punkt bei der Recherche angelangt, kontaktierte man die Stadt Luzern, wo man im Stadtarchiv das Grabfeld und die Grabnummer eruieren konnte. Die Stadt Luzern beziehungsweise die Friedhofverwaltung versucht nun, ebendieses Grab Nummer 174 zu orten. Da bisher keine konkreten Lagepläne aus der Zeit von Rokickis Ableben zu finden waren, muss eine gewisse Kreativität an den Tag gelegt werden. Dafür kontaktierte die Botschaft etwa auch Garth Aerts. Der Lokalhistoriker betreibt unter dem Synonym Garthster.Lucerne die Facebook-Seite «Historisches Lozärn». Aerts hatte die Idee, nach Personen zu suchen, die einen direkten Bezug zum Friedhof hatten. Und man wurde fündig: «Ein ehemaliger Gärtner, welcher häufig auf dem Friedhof arbeitete, wusste, dass sein Grossvater auf demselben Grabfeld bestattet worden war. Er kannte die Grabnummer und den ungefähren Punkt, wo sich das Grab befand.» Anhand der beiden Grabnummern und eines Luftbildes aus den 1960er-Jahren ist nun ein potenzieller Standort des Grabes 174 eruiert.

Potenzielles Grab ausgesteckt

Und genau dieser mutmassliche Durchbruch in der Grabsuche ist der Grund, weshalb sich Vertreter der Stadt Luzern und der polnischen Botschaft vergangenen Dienstag im Friedental trafen. Vier kurze Holzpflöcke stecken dort im Boden: am unteren Rand des Grabfeldes 17 gegenüber dem alten Pulverhaus. Sie markieren die Stelle, wo Rokickis sterbliche Überreste in einer Tiefe von 1,5 bis 2 Meter zu finden sein könnten.

100 Prozent sicher ist man sich jedoch nicht. «Es besteht eine Diskrepanz von neun bis elf Gräbern», sagt Friedhofsleiter Pascal Vincent. Das ausgesteckte Feld ist das Resultat einer Schätzung, die anhand der nun bekannten Grabnummern und eines nicht besonders scharfen Luftbildes getroffen wurde. «Der Flugplatz Emmen befindet sich in der Nähe. Möglich, dass die Luftwaffe noch schärfere Aufnahmen hat», vermutet Garth Aerts. Pascal Vincent klärt dies derzeit ab. Pawel Jaworski ist zuversichtlich: «Das Suchgebiet konnte von einem Radius von etwa 20 Metern bereits auf wenige Meter begrenzt werden, das ist bereits ein enormer Fortschritt.»

Was mit dem Grab passiert, ist noch nicht entschieden

Möglich ist auch, dass der entscheidende Tipp aus der Bevölkerung kommt (siehe Kasten auf der linken Seite). «Vielleicht gibt es Personen, die noch Fotos vom Grabfeld 17 oder dem näheren Umfeld haben», hofft Pascal Vincent. «Diese könnten dazu beitragen, das Grab punktgenau zu lokalisieren.» Die genaue Lokalisierung des Grabes sei zwingend, betont Vincent. Für die Stadt Luzern stehe fest, dass eine Massen­exhumation nicht in Frage käme. «Es ist vor allem auch eine Pietätsfrage. Mögliche Grabungsarbeiten würden von unserer Seite nur in Frage kommen, wenn wir überzeugt sind, dass die richtige Stelle gefunden ist.»

Die polnische Botschaft hätte bereits ein sehr konkretes Vorgehen, was dies betrifft: Mittels einer Bohrung oder Grabung soll eine DNA-Probe entnommen werden, welche mit jener von in Polen bestatteten Verwandten abgeglichen werden kann, um die Identität zu verifizieren. Davon ist man heute jedoch noch weit entfernt. «Was genau geschehen soll, falls das Grab gefunden wird, steht heute noch nicht fest», sagt Thomas Scherer, Verantwortlicher für Aussen­beziehungen der Stadt Luzern. «Wir bieten sicherlich Hand, damit der polnische Staat Konstanty Rokicki würdig ehren kann.»

Grab saniert und Plakette angebracht

Dass es der polnischen Botschaft in Bern durchaus ernst ist mit der Ehrung der Mitglieder der Berner Gruppe, bewies sie in den vergangenen Monaten mehrfach. So finanzierte sie etwa die Restauration des Grabes von Abraham Silberschein (1882–1951) in Genf. Der polnische Rechtsanwalt war Parlamentsmitglied und Zionist – und eine zentrale Figur in der «Berner Passaffäre». Vergangenen Donnerstag wurde das sanierte Grab in einer offiziellen Zeremonie in Genf enthüllt. Nebst der polnischen Gesandtschaft um Botschafter Kumoch und Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft nahm auch ein Holocaust-Überlebender namens Uri Strauss an der Zeremonie teil. Strauss ist noch immer im Besitz seines gefälschten paraguayischen Passes, der ihm damals das Leben rettete.

Aber auch Konstanty Rokicki wurde bereits geehrt. An der Thunstrasse 21 in Bern – dort, wo sich früher das polnische Konsularbüro befand – wurde im Februar eine Erinnerungstafel befestigt. Diese zeigt die Konterfeis von Rokicki und Ju­liusz Kühl und beschreibt die humanitäre Fälschungsoperation, welche die beiden Männer in den Räumlichkeiten durchführten. Die Plakette verweist auch auf Rokickis Tod in Luzern. Dort, wo das Ende von Rokickis Geschichte nun möglicherweise neu geschrieben wird.

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