Teilzeitarbeit

80 Prozent ist das neue 100: «Wer reduziert, muss eine Begründung anbringen»

Teilzeitarbeit im Kaderbereich wird auch in Limmattaler Unternehmen salonfähig. Ein Experte erklärt, weshalb mehr Arbeitnehmende ihr Pensum reduzieren wollen als angenommen.

Flurina Dünki
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Ob aufgrund von Kinderbetreuung oder Freizeitbedarf: Teilzeitarbeit in Kaderpositionen wird auch in Limmattaler Unternehmen salonfähig.

Ob aufgrund von Kinderbetreuung oder Freizeitbedarf: Teilzeitarbeit in Kaderpositionen wird auch in Limmattaler Unternehmen salonfähig.

KEYSTONE

Der Arbeitstag einer Kaderangestellten übersteigt für gewöhnlich die durchschnittlichen acht Stunden. Eine Teilzeitstelle auf Kaderstufe schien daher für viele Unternehmen lange Zeit undenkbar. Inzwischen gibt es bereits in manchen Limmattaler Firmen reduzierte Pensen auf Kaderebene, wie eine Umfrage in der Region zeigt.

So verfügt das Bergdietiker Metallverpackungsunternehmen Soudronic seit einigen Jahren über Kaderstellen, die nicht mit einem 100-Prozent-Arbeitspensum besetzt sind. «Auch Väter wollen heute aktiver in der Kinderbetreuung und -erziehung mitwirken», sagt Personalchefin Brenda Haas. Auch das Unterengstringer Technologieunternehmen Wey Technology AG, das 60 Mitarbeitende am Hauptsitz und im Ausland je 60 Mitarbeitende beschäftigt, hat vor einigen Jahren auf Kaderebene 80-Prozent-Stellen eingeführt. Neben familiären Gründen nennt der Kommunikationsverantwortliche Jens Birkelback auch Freizeitbedarf.

Bedürfnis vorhanden

«Teilzeit-Arbeit ist heute ein Trend, auch in Kaderpositionen», sagt Matthias Mölleney, Leiter des Center for Human Resources Management and Leadership an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ). Der Wunsch nach Reduzierung der Arbeitszeit betreffe aber nicht nur wie oft gemeint junge Arbeitnehmer zwischen 18 und 35, sondern sei ein allgemeiner Trend, der alle Altersstufen erfasst hat.

Dass auch Arbeitnehmer älteren Semesters den Wunsch nach Pensumsreduktion verspüren, erkannte Mölleney etwa im Zusammenhang mit einem Auftrag seitens der Thurgauer Kantonspolizei. Weil diese wegen Bewerbermangel als Arbeitgeber attraktiver werden wollte, arbeitete das Team des Personalmanagement-Experten ein Teilzeit-Arbeitsmodell aus. Während sich an Informationsveranstaltungen fast ausschliesslich Frauen über Teilzeitmöglichkeiten informierten, waren es nach Einführung des Modells vor allem männliche Polizisten über 55 Jahre, die von einem reduzierten Pensum Gebrauch machen wollten. «Viele Arbeitnehmer haben Interesse an weniger Stellenprozenten, sehen Gründe wie Freizeitbedarf aber nicht als starkes Argument gegenüber dem Arbeitgeber», erklärt Mölleney dieses Phänomen.

«Wenn man als Arbeitgeber also die Bedürfnisse der Arbeitnehmer eruiert, darf man keine voreiligen Schlüsse ziehen, wenn als meistgenannte Teilzeitarbeits-Gründe Kinderbetreuung vonseiten junger Mitarbeitender genannt werden», sagt Mölleney. Diese Gruppe traue sich am stärksten, nach Teilzeitmöglichkeiten zu fragen. Die Annahme der Arbeitgeber, dass vor allem junge Eltern reduzieren möchten, sei damit zu erklären. «Wer reduziert, muss eine Begründung anbringen», so Mölleney. Es überrascht demnach nicht, dass etwa die Schweizerische Post, die in Schlieren und Urdorf Standorte hat und in deren landesweiten Kaderpositionen 25 Prozent der Frauen und 4 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten, überwiegend Kinderbetreuung als Grund für Teilzeitarbeit genannt bekommt.

Work-Live-Balance

Arbeitnehmer würden trotz der gesellschaftlichen Akzeptanz der sogenannten Work-Live-Balance, also der Ausgewogenheit von Arbeit und Privatleben, Freizeitbedarf erst wenig als Grund zur Pensumsreduktion nennen. Dies aus Angst, der Chef könne das als mangelnde Arbeitsmotivation interpretieren, besonders bei Kaderpositionen. Sobald das Angebot in der Firma aber existiere, würden viele gerne davon Gebrauch machen.

Am aussagekräftigsten können Mitarbeiterbedürfnisse laut dem Personalmanagement-Experten in Unternehmen mit Fachkräftemangel eruiert werden, da die Mitarbeiter um ihren Wert wissen und sich trauen, Forderungen zu stellen. Dies zeigt sich bei den 44 Prozent Kaderstellen, die im Spital Limmattal Teilzeit ausgeübt werden. «Von Hobbys bis zu Familienzeit werden alle Gründe genannt», sagt Personalchef Matthias Gehring, der eine Anstellungspolitik verfolgt, die den Bedürfnissen unserer Zeit entspricht.